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Der Orient · 1849-03-24 · Heft 12 (24.3.1849) · p. Seite 62

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Journal
Der Orient
Volume
10 (1849)
Issue
Heft 12 (24.3.1849)
Date
1849-03-24
Page
Seite 62 (sequence 11)
Language
German
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62 Am 25. v. M., als am Tage vor der Eröffnung der Kammern, ist (aus Anordnung des Oberpräfidentm) in den meisten jüdischen Gotteshäusern unserer Provinz ein feierlicher Gottesdienst, verbunden mit Gebeten für den König, das Vaterland und die Kammern , abgehalten worden. Wir sagen: in den meisten jüdischen Gotteshäusern, weil so manche Gemeinde (wie z. B. Fikehne) schon am. Tage zuvor, als am Sabbat den 24. v. M., ihrer Pflicht nachgekommen war. So viel jüdische Kanzeln in unserer Provinz, so viel p o Liti sch e D erasch o t und Predigten sind an jenen beiden Tagen (24. und 25. Febr.) gehört worden. In Posen allein drei. In der sogenannten „Alten Schule" sprach Herr O.-R. E. echt reaktionär; in der „Neuen Schute" ließ Herr Pteßner in konservativem Sinne, sich vernehmen, und im Tempel des Brüder-Vereins hat Prediger Gotdstein durch eine Rede von ech t demokratischer Färb e Ungeheuern Beifall geerntet. — In der jüdischen Theologenwelt unseres Großherzogthums finden Sie auch drei politische Fraktionen; eine Rechte, ein Centrum und eine Linke. Die Erstere zählt die meisten Anhänger. Denn der größte Theil unserer Rabbinen ist stabil-orthodox — und das ist ja eine ausgemachte Sache: je starrer der Orthodoxismus (in kirchlicher Beziehung) desto stärker die Hinneigung zur Reaktion, zum Absolutismus, und desto größer die Antipathie, ja ich möchte sagen der Haß gegen Alles, was nur irgend einen demokratischen Anstrich an sich trägt. Man eifert gegen den politischen Liberalismus, wie vor noch nicht langer Zeit gegen die kirchliche Reform. Manche gehen sogar so weit, das Recht der absolutistischen so wie die Sünde der demokratischen Bestrebungen aus dein Talmud und andern Schriften des Alterthums nachzuweisen — oder wenigstens Nachweisen zu wollen — und alle diejenigen für 0WC1NÖ ÜW zu erklären, die nur im Entferntesten 5) An jeden jüdischen Korporations -- Söorftonb^am eine diese Angelegenheit betreffende lithographirte Oberpräsioiat-Verfügnng. Beigelegt war „zur Kenncnißnahme 7 ein Abdruck von dem Gebete, welches das Ministerium für die protestantische Kirche vorgeschrieben hatte. Die meisten Rubinen haben dieses Gebet wirklich beibehalten, einige (die neuern) haben-es abgeändert, und zwar Chacun a son goüt. Der O.-R. von Posen hat ein hebräisches Gebet verfaßt und angeordnet, dasselbe wahrend der Dauer der Kammer-Session in die täglichen Gebete kinzuschalten. 6) Es ist überhaupt im letzten Jahre Mode geworden, die politischen TageZfragm auf die Kanzel zu bringen. Da bat man oft Gelegenheit, ganz wunderliche Dinge zu vernehnun. So hat am letzten Jom Kippur in Posen ein gewisser Duodez-Theologe in einer sehr pbrasenreichen Predigt den von ihm zum Text gewählten Psalmvers 'ui ’O’nOÖ^ 'JPDJ dahin ausgelegt, daß am heutigen Tage (Versöhnungscag) der Israelit zurückkehren müsse a) zu sich selbst, b) zu seiner Familie und endlich e) zum vereinigten (?) Deutschland. — Ist das nicht eine herrliche Interpretation? Schade, daß solche Männer nicht m der Paulskirche sitzen! — daran zweifeln, daß die Könige und Fürsten alle „von Gottes Gnaden" und die Völker nur zum „Hören, Sehen und Schweigen" aus der Welt seien. Aus dem, was unsere Orthodoxen über Politik denken, sprechen und schreiben,* ließe sich so manches nette Artikelchen für die Kreuz-Zeitung zurichten, und wenn sich Jemand der Mühe unterzöge, die Kreuz-Zeitung in's Hebräische zn übersetzen, so würde dieselbe im Schooße unserer Orthodoxie viele Abbonnenten finden, vorausgesetzt, daß der Zelem verschwindet. — Wersen wir aber einen Blick ans die Juden der Provinz im Allgemeinen, so wird sich gerade das umgekehrte Verhältniß Herausstellen, so wird sich zeigen, daß die meisten Juden des Großherzogthums dem demokratischen. Prinzip huldigen, daß die meisten zur sogenannten „Linken" sich bekennen — Denken Sie! vor einem Jahre noch nicht einmal den übrigen Juden der preußischen Monarchie, wie viel weniger den christlichen Unterthanen derselben, gleichgestellt — vor einem Jahre noch unter dem Drucke Eichhoru'scher (mittelalterlicher) Ausnahursgesetze seufzend — vor einem Jahre noch die Verstoßensten unter den verstoßenen Kindern des Vaterlandes — und heute schon so radikal, daß Alles , was der vorjährige März gebracht, nicht genügen will und das große Jahr 1848 noch nicht für das Jahr der Erlösung gehalten wird, weil in demselben das Volk noch nicht dahin gelangte, wohin es gelangen will, gelangen soll und — gelangen muß. — Zeitungen , wie die Vossische, die Spener'sche, die Neue Preußische re. werden die Jude:: unserer Provinz die Undankbarsten unter den Undankbaren, die Ungenügsamsten unter den Ungenügsamen nennen. — Mögen fie. Was kümmert uns daS Gewäsch einer plappersüchtigen Tante? was das Gepolter eincö griesgrämigen Onkels? was das Gekreisch eines alten zahnlosen Großmütterchens? — Schwatzet und plappert, kreischt und poltert, wie ihr wollt und was ihr wollt! Ihr werdet uns nicht einschüchtern, ja nicht einmal stutzen machen. — Und wenn die Reaktion tausend-und abertauseudinal schreit: „Ihr Juden dürft keine politische Meinung haben — Ihr Juden müßt das vergangene Jahr Prüfer:, daß es Euch die Emanzipation gebracht, und dann das Maul halten!" — so lachen wir und zucken die Achseln ob solcher Erbärmlichkeiten und lassen ur:s weiter nicht irre machen. —* Es ist wahr, das vergangene Jahr hat uns die Emaneipation gebracht. Wir wissen diese Gabe zu schätzen und freuen uns ihrer. Aber sagt selbst, ihr Grauäugigen, legt die Hand aufs Herz und sagt selbst: Ist es nicht traurig genug , daß erst eine ganze Hälfte des 19. Jahrhunderts ablaufen mußte, ehe uns das geworden, was uns von Rechts wegen schon längst zukam, was uns von Rechts wegen 7) Ja, wundern Sie sich nicht. Geschrieben wird auch — versteht sich aber nur Bnipn

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