Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 10 (1849)
- Issue
- Heft 12 (24.3.1849)
- Date
- 1849-03-24
- Page
- Seite 60 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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- 60 - einseitige und halbe, sie hat keinen Grund und Boden auf dem sie feftwurzelt; sie ist stets Ln Gefahr, durch eine feindliche Herrschaft über die religiöse Seite des innern Menschen wieder vernichtet zu rv erden. Wir sehen dies deutlich an Oesterreich, wo die größte Anstrengung, zur politischen Freiheit zu gelangen, im Vergleich mit dem Erfolge nur ein schwacher Versuch geblieben ist, weil sie zu wenig Sympathieen in dem durch die Bevormundung der Kirche geistig niedergehaltenen und von Aberglauben umstrikten Volke gefunden hat. Läge das österreichische Volk nicht der Masse nach noch in den geistigen Banden der Kirche und Priesterherrschaft gefangen, wäre die religiöse Seite des Volksgeistes frei und mündig gewesen, die politische Erhebung Wiens würde einen ganz anderen, für ganz Deutschland segensreichen Erfolg gehabt haben. Darum hat die jetzige österreichische Regierung auch der religiösen und kirchlichen Bewegung Stillstand geboten und die deutsch-katholischen Gemeinden, die sich seit einem halben Jahre in und um Wien und auch anderwärts gebildet hatten, wieder verboten. Wie die Wiener Revolution den Deutschkatholiken erst ihr Dasein möglich machte, so dürfen wir uns nicht wundern, daß die gegenwärtige Regierung sie wieder vernichtet hat. Denn religiöse und politische Freiheit stehen in Wechselwirkung und ergänzen sich gegenseitig zur vollen Freiheit. Die eine ist ohne die andere ohne Macht, ohne Gewähr, ohne Dauer, ohne Erfolg. Dasselbe lehrt uns der Blick auf Italien. Entweder muß dort mit der politischen Freiheit, welche angestrebt wird, auch die religiöse errungen werden, oder die religiöse und kirchliche Unfreiheit und Knechtschaft schlägt in die politische Knechtschaft zurück. (Zille's Kirchenzeitung.) Wien, 4. März. (Zur Biographie des Dr. Hermann Jellinek. Von G u st av Fr e u nd.) * Die Kerkerthüre knarrt und öffnet sich l Und heraus tritt ein schwarzlockiges Männchen mit blassem Gesichte. Der Kerkermeister übergiebt ihn. der Wache. Ist es Furcht, Die seine Wangen entfärbt? Nein! sein Auge zeigt Ruhe und glänzet lieblich mild. Die Blässe kömmt von schlaflosen Nächten, die das Männlein denkend in seiner Kammer zugebracht. —• Es schreitet über die Treppe, über den Gang durch Spaliere von Bajonetten, es wird auf der Straße von Bataillonen umringt. Wohin führt der Weg? Hinaus zur Richtstätte? Das Männlein geht entschlossen fort. Auf seiner Stirne gleiten in gemessenem Kampfe Ideen wie Wellen fort, um seine Lippen spielt der Ausdruck einer wenn auch wehmüthigm doch entschiedenen Resignation. Der Zug ist bei dem Wallgraben angelangt,, ein Karree wird gebildet, das Männlein tritt gelassen vor. Es sind seine letzten Momente. Keine Veränderung in seinem Wesen. Die Musketen *) Wir geben diesen Beitrag, weil er von einem unparteiischen .Juristen kommt, der bereits früher I. kannte und in'Wien mit ihm in Berührung kam. Red. werden geladen, kommandirt, Schüsse fallen, das Männlein stürzt nieder.und verhaucht im Blute sich badend sein Leben. Wer ist das Männlein? Es ist der Jellinek. Hat er gemordet, hat er geraubt, hat er Feuer, angelegt? Nein, er hat geschrieben! — Und wer hat ihn gerichtet? Sein Kläger, der beleidigte Dynast, «der machiavellistische Diplomat, der schlaue Pfaff, der sich entrüstende Aristokrat, der ergrimmte Soldat. Das ist das matte Faktum, welches wir kennen, so sich zugetragen im. Jahre des Heils 1848 in einer deutschen Residenz. — Und nun schweifen wir zur Seele des Dahingeschiedenen wieder zurück. Wir hatten nicht nur dadurch daß wir in der nachmärzlichen Zeit durch viele Monate ein Arbeitsbnrcan mit ihm theilten, mit ihm in nähere Berührung kamen, sondern auch dadurch, daß wir ihn schon viele Jahre früher kannten, ihn zu beobachten Gelegenheit hatten, und wollen es daher nicht unterlassen eine oder die andere biographische Notiz zu den vorhandenen hinzuzusi'lgen. Es war das Letztere in Prag der Fall. Dr. Jellinek war 7 Jahre jünger, Hatte durch Lektüre und Autodidaktie aus der Form seines Denkens sich aufzuarbeiten gesucht, in welche eine tatmudistische Lehrmethode dasselbe in der Kindheit gezwängt hatte. Nicht wellig trug zu diesem Läuternngsprozesse der Umstand bei, daß ans der Prager Universität Prof. E.rner docirte, degen ernstes philosophisches und zur Forschung aufmnnterndeS Wesen auf ihn in seinen Vorträgen den entschiedensten Einfluß ausübte. Nichts zieht, eine bekannte Erscheinung, wegen der Verwandschaft der dem Tailnud ngenthümlichen hohen Abstraktion den Talmudijten mehr an, als ein.in die Philosophie schlagendes Fach. Und so wandte er sich auch dieser zu, 'stürzte sich aber, waS wohl zu merken, ohne die streng systematische und analytische Vorbereitung sich eigen gemacht zu haben, sogleich in die Tiefe derselben, indem er Werke wie die Kants und Spinozas, vorzüglich des Letzteren stndirte. Schon damals stach das Charakteristische seiner eingeschlagencn Richtung, die'kritisch auffallend durch seine .Bemerkungen und Diskussionen, hervor. Wir erinnern uns noch sehr genau unseres ersten Zusammentreffens mit ihm, als er die in Lesfülgö Natan vorkommende Senterlz ,,K e i n M en sch m n ß ui ü f se nanalog seiner späteren Weise zersetzte. Das war ein Betonen und ein Stehenbleiben bei einem Begriffe ohne Ende, was schon damals von einem unermüdlichen negativen Geiste zeugte. Bei kleinen philosophischen Debatten, in die lvir uns bei öfterem Begegnen mit ihm einließen, fanden wir damals, wie ans dem Worhergesagtcn erklärlich, zwar noch keine prinzipielle Basis, aber jenen noll-wendigen innereri Forschcrdrang, der durch das Labyrinth widersprechender Gedanken endlich hindnrchführt und eine klare Masse al§, Absatz, als gediegenes Geistesgut, znrückläßt. Von dm jüdisch theologischen Ansichten noch nicht gänzlich losgemacht, den ihm neuen Anschaunngs-