Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 10 (1849)
- Issue
- Heft 12 (24.3.1849)
- Date
- 1849-03-24
- Page
- Seite 59 (sequence 5)
- Language
- German
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59 wo er gemeinschaftlich mit seinen Brüdern seine Hände zum Gebete erbebt, für sich und den Staat, duffen schützende Hand sein zeitliches Wehl fördert. Darum tharen auch unsere Väter, selbst in den Zeilen der Drangsale, so viel zur Verherrlichung ihrer Gouesbäuser. Ein sprach- und gl sangkundiger Vorsänger, liebliche kunstgenchre Melodiken belebten Herz und Geist de? Andächtigen in den überfüllten Räumen. Aber der Wölkerdruck, der uns in der Gesittung so wett zurück gebracht, wirkte auch verderblich auf die Synagoge. Die reinen Heimarhskla'nge wurden durch elende stimmlose Vorsänger verkrüppelt, ohrzerreißend und andachtstörend. Dennoch blieb die Inbrunst der Verenden ungeschwächt. Das religiöse Gemürh unserer Voreltern, ihre heillge Einfalt wußte den Weg zum Hiinmel zu finden, trotz des verfallenen Ritus und des jämmerlichen Gejodels. Diese Zeit der Unschuld aber ist nunmehr vorüber. Seit einem halben Jahrhundert hat sich der Jude ganz verwandelt. Auch er nahm in allen Richtungen des gesellschaftlichen Lebens eine sittliche und intellektuelle Bildung in sich aus, und da konnte ihm auch die Andachtsweise in der Synagoge nicht mehr ansprechen; sie galt ihm pielmehr für eine Entweihung des AUerheiligsten, und trieb ihn aus der Synagoge hinaus. So entstand vor 28 Jahren der Tempel, der trotz seiner unerlaubten Eingriffe in den Ritus von so vielen Strenggläubigen besucht ist, weil ihnen dorr Alles geboten wird, was sie in der Synagoge so schmerzlich vermissen. Bald gewann diese neue Einrichtung in und außerhalb Europas Eingang mit meist Beibehaltung bestatten Rituals. Die thätigen frommen Rabbiner zu Kopenhagen, Dresden. Wien, Berlin, München, Kassel, Hannover, Paris und London baueten prachtvolle Synagogen, und führten eine neue Ordnung und Gesangweise ein, und engagirten die berühmtesten, kundigsten Vorsänger. Nur die Synagoge der großen Gemeinde Hamburgs steht noch in aller alten Gebrechlichkeit da, und trotzt gleichsam auf ihre Verfallmheit, eine Verhöhnung aller andern Gemeinden in der Judenheit. Zwar regte sich der Geist der Neuzeit auch unter den hiesigen Strenggläubigen, und schon vor 27 Jahren wurde, mit schweren Geldopfern eine neue Geistlichkeit gebildet, in deren Bestallung 'auch die Synagogal-Verbefferung ausbedungen war, obschon es stillschweigend ihre Pflicht gewesen wäre. Aber ihr wißt ja, liebe Brüder, daß in den ganzen 27 Jahren nicht ein Schritt dafür geschehen. Unserem löblichen Vorstand ist dabei höchstens zur Last zu legen, daß er sich nicht für geeignet und befugt hielt, auch den religiösen Interessen der Gemeinde Rechnung zu tragen. Als daher Referent dr^i Petitionen an denselben ergehen ließ; als er 1842 eine Broschüre: „Die Synagoge" schrieb, von der in zwei Tagen l000 Exemplare vergriffen wurden, und in welcher er durch die Verfallenheit der Synagoge den Riß in der Gemeinde prophezeite, da fand er allenthalben Anklang, nur da nicht, wo Abhilfe Pflicht gewesen wäre. Noch mehr Ale der große Brand einige Kirchen, und auch eine Synagoge einäscherte, da erhoben sich die Geistlichen mit frommen Eifer und durch Schillinge wurden Tausende zu deren Aufbau zusammengebracht. Aber für die niedcrgebrannlc Synagoge rührte sich bei uns keine Hand, obschon uns nur noch Eine im baulichen Zustande geblieben; obschon ein edler, jetzt verstorbener Vorsteher 100,000 Mk. dazu hergeben wollte. Aber jene unsichtbare Hand wußte jedes Streben zur Besserung zu hemmen, und es gelang ihr, alles im tiefsten Schlummer zu erhalten. Jetzt aber, liebe Brüder, ist die Schlummerzeit vorüber^ der Weltsturm bedroht ganze Staaten und auch einzelne Gemeinden mit gänzlicher Auflösung, wenn sie den gelockerten Verband nicht wieder zeitgemäß Herstellen wollen. Dieser: Verband ist ja aber für uns Frommgläubigen eben die Religion, die am Altar Gottes verkündet und geheiligt wird. Aber rein muß der Altar sein. Glaubt Ihr nun, daß unsere Jugend, die nunmehr auch in Hamburg Menschenrechte erhalten soll, noch an der alten verfallenen Synagoge Behagen finden werde? Erwacht, liebe Brüder, kommt doch endlich zur bessern Erkenntnis; Zwar ist es spät; wäret Ihr noch vor 10 Jahren erwacht, so wäre kein vergrößerter Tempel emporgekommen. Es ist aber doch noch nicht zu spät. Seid überzeugt, daß Ihr Euch selbst helfen müßt, bildet einen Verein, die Zahl der Bessergesinnten ist noch immer die größte unter uns: und die, welche aus Unwissenheit unsere Gegner sind, die laßt ruhig auf ihrer alten Straße wandeln, und so werdet Ihr, mit Gottes Hilfe, die gesunkene Synagoge wieder aufrichten, mit eben dem Glanze, wie sammtliche Synagogen in der ganzen Judenheit. Moses Mendelsohn. Leipzig, 6. März. (Religionsfreiheit und ihr Verhältniß zur politischen Freiheit.) Während alle Kräfte in Bewegung sind, die politischen Fragen einer glücklichen Lösung entgegenzuführen und für den deutschen Gesammtstaat, wie für die einzelnem Staaten Verfassungen zu erkämpfen, welche die freie und in der rechten Freiheit gedeihliche und glückliche Entwickelung des gesammten Volkslebens sichern, wird die Religions- und Kirchenfragc von vielen vernachlässigt und nur wenige Kräfte regen sich, um auch auf diesem Gebiete die notwendige Freiheit zu erwirken. Wie können dies im Interesse des Fortschritts zu einer befriedigenden Gesammtentwickelung nur beklagen. Wie der Geist der einzelnen Menschen in seinen wichtigsten Beziehungen, den religiösen und politischen, nicht auf die Dauer frei undunfrei zugleich sein kann, sondern entweder zur vollen Freiheit in beiden Beziehungen'durchdringt, oder in die alte Unfreiheit und Knechtschaft wieder Herabsinkt, so ist es auch mit dem geistigen Leben eines ganzen Volkes. Will ein Volk politisch frei und mündig werden, dieser Errungenschaft sich aus die Dauer erfreuen und sie der Zukunft als sicheres Erbe überliefern, so muß es auch in seinen heiligsten Beziehungen, den religiösen, die volle Freiheit erringen, es muß auch hier die alte Bevormundung von sich weisen und "in allem, was Religion und Kirche betrifft, zur vollen Selbstständigkeit gelangen. Geschieht dies nicht, so .ist die politische Freiheit eine 12 *