Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 10 (1849)
- Issue
- Heft 10 (10.3.1849)
- Date
- 1849-03-10
- Page
- Seite 51 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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51 wenn Seiten der Juden auf einmal das Anverlangen gestellt würde, Liegenschaften zu erwerben." .Beide Herren sind vom deutschen Verein, d. h. dem Verein der Kapitalisten und Reaktionäre gewählt. Und wenn man solche Leute hört,, da ,so.llte man ,nicht Demokrat werden? / Kremsier, im Febr. Die M'Galizien,^Mähren/Böhmen- und der Provinz Niederösterreich wohnenden Israeliten haben einige Männer aus ihrer Mitte (je zwei für eine Provinz) hierher geschickt, um in gesprächsweiser Aufklärung besonders jenen Deputirten die Verhältnisse der jüdisch-österreichischen Unterthanen zu schildern, denen solche bisher fremd .bleiben mußten, und die Juden nur aus unlautern Traditionen kannten, da in den von ihnen vertretenen Ländern nur wenige oder gär keine Juden geduldet waren. Wie sollte auch ein bäuerlicher Deputirter aus Oberösterreich, Steiermark rc., Kenntniß haben, von der gesetzlichen Alternative des früheren Polizeistaates, der den Juden die Wahl ließ, zwischen verbotenen wilden Ehen oder einer Art' pharaonischen Kindermordes, der ihnen den Betrieb von Ackerbau und Gewerben nur unter so drückenden Beschränkungen gestattete, daß er.fast zur Unmöglichkeit geworden, und der Schacher sich als aufgezwungener Rettungsanker darstellte u. s. w.? Ein anderer, nicht minder wichtiger Zweck dieser Mission ist die Auseinandersetzung, wie die ungünstige Lösung der Emancipationsfrage, die bereits in Prag begonnene Auswanderung der Juden unfehlbar aufs Bedeutendste steigern würde. Dem Menschenrechte anstrebenden Juden sind jetzt nicht mehr Amerika oder Frankreich die einzigen Asyle. Ueber die Grenze nur wandert er,, um die mittelalterliche Fessel abftreifen zu können. Hieraus entspringt' aber ein sehr ernsthafter Uebelstand für den österreichischen Staat. Erhalten die Juden nicht die ihnen gebührende Glelchstellung, so wandern die zahlreichen Besitzer materieller und geistiger Kapitalien aus dem Lande, in dem nur die an. die Scholle gebundene Klasse zurückbleibt. Es wollen also die Juden durch die nach Kremsier gesandten Wertrauensmänner, das Inhumane ihrer bisherigen Zustände schildern , ihr heiliges Recht wahren, und den Nachtheil, den die solenne Verletzung dem Staate unfehlbar brächte, beleuchten. Ein Weiteres stellen sie Gott und der im Geiste der -Gerechtigkeit tagenden Nationalversammlugg anheim.. Unter den Deputirten nennt man Herrn Sichrowski, den kenntnißreichen und tüchtigen General-Sekretair der Ferdinands-Nordbahn, Herrn Bankier Werthheim rc. Kremsier, 12. Febr. Ein Abgeordneter schreibt in der A.O Z.: Kremsier hat seinen Ghetto so gut als Rom, Prag und Frankfurt. Wenn man durch das Thor, welches — zur Ehre der guten Hannastadt'.sei es gesagt, die ganze Nacht offen bleibt, — in die einzige Gasse, welche die Judenstadt bildet, eintritt, in diese Gäste mit dem schlechten schmutzig« n Pflaster, und dem äußerlich ärmlichen, verfallenden Häusern, so beschleicht Jeden ein sonderbar unheimliches Gefühl und unwillkürlich schaut man im Geiste zurück auf die Geschicke dieses merkwürdigen Volkes und auf -die Jahrhunderte langen Bedrückungen, die es erduldet. Auf dem gerade entgegengesetzten'Ende'der Stadt liegt das erzbischöfliche Schloß und es scheint fast ein Witz des Schicksals zu sein, wie ihn die Geschichte öfters macht,' daß vielleicht in wenigen Tagen von dem erzbischöflichen Schlosse in Kremsier die Emanoipation der'Juden äusgehen soll. Werden wir diese alte Schuld endlich tilgen? Ich fürchte mich, hierauf zu antworten. Zwar hat der Reichstag beschlossen: „Alle Staatsbürger sind vor dem Gesetze gleich;" zwar sollte man glauben daß dadurch auch schon mit zwingender Consequenz die bürgerliche Gleichstellung der Juden ausgesprochen und daß . der Satz: „Religionsverschiedenheit begründet keinen Unterschied in den Rechten und Pflichten der Staatsbürgers lediglich eine Folgerung jenes Grundsatzes sei, der man nicht ausweichen könne. Seitdem aber der § 10 der Grundrechte nach dem Amendament des Abgeordneten für Brandeis angenommen ist; seitdem die Freizügigkeit der Personen und des Vermögens nur dem Namen nach besteht und der frühere ' Polizeistaat'in diesem Punkte als liberal gelten muß; seitdem jener Mann mit dem kleinen Zorn und' der großen czechischen Brüderlichkeit und Versöhnung auf'der Zunge, sich das Verdienst erworben, das mittelalterliche Pfahlbürgerthum Und Zunftwesen wieder in das Leben gerufen zu haben; seitdem' wir' wieder das anziehende Beispiel gewärtigen dürfen, daß die'Spießbürger einer jeden kleinen Stadt „mit Hellebarden auf den Schultern" die Thore gegen jeden Eindringling bewachen werden; seit jener Abstimmung über den Z 10 verzweifele ich an unserm Aufschwünge zur wahren Freiheit, zur Freiheit für Alle ohne Unterschied des Stammes und des Glaubens. Und doch habe ich über den § 10 der Grundrechte meine eigenen Gedanken. Wie! wenn man damit, ohne es zu merken oder wenigstens zu gestehen, die bürgerliche Gleichstellung zwischen Christen und Juden erreicht hätte? Und so ist es. Es sind dadurch zwar nicht die Juden den Christen, wohl aber umgekehrt die Christen den Juden gleichgestellt. Jede Gemeinde wird ein streng geschloffener Raum sein, aus dem Niemand heraus, in den Niemand hinein kann ohne Bewilligung dev Gemeinde. Es wird lauter Judengemeinden geben, und Gleichheit und Freiheit wird blühen, nämlich die Gleichheit und Freiheit, uns gegenwärtig zu beschränken und zu unterdrücken. Aber die Juden mögen sich trösten; wir haben selbst Gerechtigkeit an uns geübt, sie haben fortan gleiche Rechte mit uns, und mögen friedlich in ihrer Judenstadt wohnen. Das erzbischöfliche Schloß und der Ghetto in Kremsier werden aber fort und fort als stumme, bedeutsame Zeugen dastehen, und wenn der Reichstag einmal von dannen zieht, wird ihm das Gedächtniß Nachfolgen, die Judeusrage auf eine höchst originelle Weise gelöst zu haben. Kremsier, 6. Febr. (M. I—k.) D i e T h ä t i g k e i t des Reichstages und der §. 16 der Grundrechte.