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Der Orient · 1849-03-10 · Heft 10 (10.3.1849) · p. Seite 52

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Journal
Der Orient
Volume
10 (1849)
Issue
Heft 10 (10.3.1849)
Date
1849-03-10
Page
Seite 52 (sequence 7)
Language
German
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52 - So lange unser Reichstag seinen Sitz in der Reitschule hatte, wurde, ihm der.Vvrwurf gemacht, daß er mit Interpretationen „die zu nichts führen" die Zeit verschwende, Diesen Vorwurf konnte/nur. die Masse machen, da sie den gesetzlichen Gang., -.und ^die,..Entwickelung .der Menschen nicht kennt. Die Revolution hat. so wie jede NaturerschLinung ihre Gesetze, sie, muß.. verschiedene Stadien. durchwachen — und selbst die ReaetLon ist so nothwe.ndjg wie etwa die Raupen. Gesetze lassen sich nicht im Stegreif improvisiren, und die Völker-Organisirung kann und darf — wenn es für Dauer.sein sollnicht das Werk von Tagen sein. So Lange unser Reichstag in Wien tagte, war die Revolution permanent. Die Freiheit konnte daher nicht organisirt werden, weil sie noch keinen bestimmten Ausdruck hatte. Die Interpellationen hatten damals ihre Bedeutung. Seitdem die. Natur die Kinderstube verlassen, d. h. seit dem der Reichstag in dem stillen Kremsier seine Berathungen hält, eilt er Sturmschritten seinem Ziele näher. —- Die Partei, welche früher unzusrieden war, fürchtet jetzt die Prorogation des Reichstags. In einigen Tagen dürfte die Reichsversammlung vor dem?. 16 stehen, der da lautet: „Die Religionsverschiedenheit begründet keinen Unterschied in den Rechten und Pflichten der Staatsbürger." Wie wird dieser Paragraph von weltgeschichtlicher Tragweite, von der Kammer ausgenommen werden? Im Geiste sehen wir. viele für den Paragraph, und zwar die Herren der Kammer — aber auch gegen den Paragraph austreten. Wir können die logischen Schärfe, wissenschaftlicher Taktik und Beredsamkeit eines. Machalski, Bo rro sch, R Leg er, Löhner, Fischhof, Klaudy, Bioland, Strohbach rc. und die der andern ehrenwerthen Herren, denen wir keine Worte in Mund zu legen brauchen. Dies ist auch nicht unsere Absicht. Denjenigen aber, welche gegen den Paragraph zu sprechen gedenken, wollen wir die Rede des Abgeordneten I Mdrk, gehalten 1833 — also vor 15 Jahren — in der Badischen Kammer, vorführen. Sie Lautet wörtlich: „Als ich im Jahre 1831 dafür stimmte, daß zwar nicht sogleich und geradehin die Gleichstellung der Israeliten ausgesprochen, sondern nur durchgreifende Vorbereitungen zur Erzielung derselben getroffen werden sollten, so dachte ich nicht daran , daß diesfalls gar nichts geschehen werde,, zwar nicht in der Art, daß man von ihnen fordere, daß sie in Hinsicht der äußern Gestaltung ihrer Religion und ihren Ceremonialgesetzen nachgeben, weil man dies nicht von ihnen verlangen kann, und von ihnen nicht zugegeben werden könnte, sondern nur in Beziehung auf die Modifikation gewisser Gebräuche und Gewohnheiten. Ich bedauere, daß deshalb nichts geschehen ist, sehe aber nun ein, daß mit den Einleitungsmaßregeln nicht gedient sein rvlrd, sondern es besser ist, wenn sich die Kammer geradehin für die Gleichstellung ausspricht. Verlag von C. L. Fritzsche. Ich glaube nämlich, daß dies nach der^Idee des in seiner /Einheit bestehenden .. Staates eine ''Stöatspflicht 'sei/ und daß in Beziehung auf'dasjenige, was in andern Staaten geschieht, die Ehre von Baden es um somehr fordere, einen entscheiden Schritt dafür zu thün, al§: Baden sonst in diesem Thei^ der Gesetzgebung andern Staaten sogar vorgeschritten ist. Man sage nicht, daß die Israeliten der Regierung nicht ent^ gegengekommen seien, und daß sie unterlassen hätten eine Neigung zu zeigen, sich unfern bestehenden Einrichtungen zu assimiliren.! Wäre dies aber auch nicht geschehen , so glaube ich, daß man ihnen deshalb mit Recht keinen Vorwurf machen kann. Der Impuls zur Verbesserung ihres Zustandes, muß meiner Ueberzeugung nach von uns ausgehen, und es ist psychologisch betrachtet, eine , verkehrte Förderung, daß sie sich zuerst assimiliren sollen. Vielmehr glaube ich, daß der andere Weg naturgemäßer sei. Der. Unterdrückte ist nicht gerade in der Lage, sich selbst emancipiren zu können, sondern man muß. ihm dazu helfen, und so lange der Israelit keine Gewißheit hat, daß er bei erreichter Bildung auch deren Nutzen haben werde, so lange er fürchten muß , ungeachtet dieser erreichten ' Ausbildung doch von der Ausübung der allgemeinen öffentlichen Rechte zum Theil ausgeschlossen zu bleiben, kann er auch kein besonderes Interesse daran haben z erst wenn, er dessen gewiß ist und die Bahn sich freigegeben sieht, wird er auch in einem freier» Aufschlung das höhere Ziel des Staatsbürgerthumes zu erstreben sich bemühen. Meiner Ueberzeugung nach bleibt also nichts übrig, als die Israeliten in die Masse der-christlichen-Bevölkerung mit gleichen Rechten hinein zu werfen, damit sie, vom Strome förtgeriffen, gleich den in einem Flußbett hinroUenden Kieseln sich abrunden und dem Bestehenden sich anfügen. Richtet man die Blicke auf diejenigen Länder, wo diese Gleichstellung' schon erreicht ist, so zeigt sich keineswegs die Gefahr, die man sonst davon fürchtet, und es sind die Folgen keineswegs eingetreten, mit denen etner den Andern zu erschrecken sucht. Es war auch nicht diese Besorgniß, die in England kürzlich die Bill über die Emancipation scheitern machte, sondern es waren die Grundsätze der Tories, die beharrlich darauf ausgehen, m diesen nichts an dem alten zu ändern, und auch darum, weil in England kein positives Gesetz den Hebräern in der Ausübung der allgemeinen Rechte hindert, sondern diese Uebuug in vielfacher Beziehung nur deswegen nicht statt findet, weil dieselbe dort an die Leistung eines besondern Eides gebunden ist, der so wörtlich genommen wird, daß die Israeliten ihn vermöge ihrer Religion nicht leisten können." Druck von I. H. Nagel.

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