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Der Orient · 1849-02-17 · 7 (17.2.1849) · p. Spalte 105-106

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Journal
Der Orient
Volume
1849
Issue
7 (17.2.1849)
Date
1849-02-17
Page
Spalte 105-106 (sequence 5)
Language
German
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106 Studien. Nachman Krochmal. j>en schwankend. Die Verwaltung seines eigenen Vermögens, |iit der sich bisher sein Vater befaßt harte, mußte übernommen werden und er sich selbst zur Lösung des schwierigen Problems anschicken, Kaufmann und Philosoph in einer Person darzustellen. Seine in Polen bereits erlangte nicht gelinge Reputation und deren geistiger Einfluß, wurden ihm ^andererseits auch nicht wenig verleidet. Krochmal hatte nämlich zu der Zeit die karaitische Gemeinde kennen gelernt, die ^sich in der Nähe seines Wohnortes Zolklew befindet; sich mir Eihrem damaligen Chacham befreundet, einem Manne, der ^durch die Einfachheit und Rechtlichkeit seines Charakters nur Zdie Zeit der Patriarchen in die Erinnerung zurückzurufen geeignet war. Durch äußere Umstände veranlaßt, unterhielten fjie durch einige Zeit einen freundschaftlichen Briefwechsel. ^Die in Polen noch immer sehr mächtige Sekte der Chastitzäer, der Krochmal seit lange schon als eine sehr schädliche ^Person erscheinen mußte, war stets darauf bedacht, ihn wo ^möglich der Ketzerei verdächtig zu machen, was ihr bei seiner jstreng religiösen Lebensweise nichts Leichtes war. Nun hatte! sie in Erfahrung gebracht, daß er die oben erwähnte Korrespondenz unterhalte, wie auch daß er fich viel mit der karai-! tischen Literatur beschäftige. Man eilte also nach Kokusow, beredete den einfachen gutmüthigen Chacham einige Briefe zu dem Zwecke auszuliefern, als wolle man nur solche, einigen sich heranbildenden jungen Leuten, als Muster des hebräischen Sryles vorzeigen. Unter diesen Briefen befand sich ein Schreiben von Krochmal, in welchem er den Chacham seiner steten Freundschaft versicherte und ihm trotz seiner Häresie auf eine lohnende Zukunft Hoffnung machte. Von diesem wurden nun mehrere Abschriften genommen, an alle größere jüdische Gemeinden Galiziens, wie auch an viele im russischen Polen Exemplare verschickt, die als Belege dienen sollten, daß Kroch mal sich bereits dem orthodoxen Judenthüme entfremdet habe, und gar die Absicht hege, sich den Karaittn anzuschließen. Krochmal, der Anfangs von allen diesen Umtrieben keine Kennrniß hatte, ward erst auf sie durch einige Freunde aufmerksam gemacht. Er fühlte sich dadurch sehr beunruhigt, erließ' auch seinerseits ein Rundschreiben, welches seine Dectheidigung der gegen ihn vorgebrachten Beschuldigungen enthielt und das nicht nur bei der gutdenkenden Klaffe, sondern auch bei vielen Altgläubigen Anklang gefunden hatte. Aber selbst dieser Beifall diente nicht ganz zur Beruhigung Krochrnals, indem er noch immer die Besorguiß hegte, daß es dem Fanatismus vielleicht gelingen dürfte, gegen ihn, wenigstens im Auslände, den Bannstrahl zu erwirken, der bei der damaligen Gesinnung der Juden nur einen nachtheiligen Einfluß auf alle seine Lebensverhältniffe ausiiben konnte. Sein von den Umständen ohnehin bedingter Entschluß, sich dem Handelsstande zu widmen, wurde hierdurch nur noch mehr befestigt, und auch bald zur Ausführung gebracht. Er stand bereits in seinem 31. Lebensjahre, als er sich zum ersten Mal dem Strome des praktischen Lebens überließ, auf dessen *) Abgedr. Sulamith Zahrg. V. Bd» 1. Ende. Wellen er sich zwar lange Herumgetrieben, es me aber so weit gebracht hatte, derselben Meister zu werden. Es war auch ein sehr rührender-Anblick denselben in einem Elemente sich abmühen zu sehen, dem er gar nicht gewachsen war. Seine strenge Moralität, Gutinüthigkeit und eine nicht gewöhnliche Leichtgläubigkeit bildeten einen nur zu schroffen Gegensatz gegen die Grundsätze, die seine Umgebung hegte. Hatte er sich auch zu der Zeit seiner geistigen Wirksamkeit nach Außen zum Lheil begeben; so hatte sich doch sein Streben für seine eigene höhere Entwickelung nie vermindert. Trotz seiner Zerstreuung war er nur selten, auch in einem andern Sinne unbeschäftigt zu finden. Er hörte nie auf der ewige Student zu sein, wie er. sich einst selbst scherzend bezeichnet hat. Aber eben dieses stete Bedachtsein auf Vermehrung seiner Kenntnisse, hinderte ihn seinen bereits erworbenen Kenntnißvvrrath zum Nutzen Anderer zu verarbeiten. Jeder, der seinen Umgang suchte, blieb zwar nicht ohne Belehrung, indem schon seine gewöhnliche Unterhaltung höchst lehrreich war. Nie suchte er in derselben zu glanzen, wählte vielmehr stets jenen Gegenstand zur Besprechung, in dem ec den ihn Besuchenden fest genug glaubte, trug aber durch eine scharfsinnige Erörterung der Begriffe viel zur Aufhellung seines Bewußtseins bei. Zum Auftreten als öffentlicher Schriftsteller, wozu er von vielen Seiten aufgefordert wurde, konnte er sich aber noch immer nicht recht entschließen. Zu eben der Zeit war es, daß er fast zufällig auf die Schriften Hegels aufmerksam gemacht wurde. Der Tiefsinn dieses Systems fesselte ihn ganz. Mit einem..unsäglichen Fleiße suchte er sich durch die Dunkelheiten desselben Bahn zu brechen und widmete ihm seine ganze Anhänglichkeit. Das dogmatisch-christliche Gewand, in das sich dieses System in den Schriften des Meisters so gern hüllt, bestrebte er sich abzustreifen, und richtete sein Augenmerk dahin, demselben im Judenrhume einen Boden zu verschaffen. Dies brachte ihn auch zuerst auf den Gedanken, die im More bereits vorgenommene Bereinigung zwischen jüdischer Theologie und Philosophie von neuem zu feiern und solche dem gegenwärtigen Standpunkte der Wissenschaft anzupassen. Die von Maimüni allzusehr vernachlässigte historische Seite, sollte mehr herausgehoben, und das Judenthum in dessen allmäliger Entwickelung, auch als historische Erscheinung aufgefaßt werden. Dieses war auch das doppelte Ziel, das er sich bei der viel spätern Abfassung seines Werkes gesetzt hat, wozu er sich aber erst dann bewegen ließ, als seine beiden altern Kinder schon herangewachsen waren, ihre Selbstständigkeit bereits erlangt harten, und für ihn die Möglichkeit gegeben war, sich von den Wirren des Geschäftslebens ganz zurückzuziehen, und blos für die Wissenschaft und seine tiefsinnigen Forschungen zu leben. Er verließ auch zu der Zeit Zolkiew, nahm seinen bleibenden Aufenthalt in Tarnopol, um in der Nähe seiner älteren Tochter zu leben, wo ihn auch am 1.. Ab des Jahres 5600 ein zwar rühmliches aber leider nur zu frühes Lebensende erreicht hat.

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