Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 10 (1849)
- Issue
- Heft 7 (17.2.1849)
- Date
- 1849-02-17
- Page
- Seite 34 (sequence 3)
- Language
- German
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- 34 die eifrigen Apostel des Liberalismus waren nur theilweise. die jetzigen Zustände auf dem Gewissen haben, der bekannte Justizrath Gr äff. Aus jüdischer Familie entsprossen, ist er selbst freilich nicht mehr Jude, sondern seit Jahren königlicher Beamter und vielbeschäftigter Justizkommissarius. Durch seine Vertheidigung Schlöffels im Jahre 1845 , in Sachen der sogenannten Hirschberger Kommunisten Verschwörung , sowie neuerdings durch die von Borchardt, ist er auch in weiteren Kreisen bekannt geworden. Seine Hauptthätigkeit in der liberalen Richtung, entfaltete er aber in der Eigenschaft als Stadtverordnetenvorsteher, welches Ariu er von 1845 an bis zum vergangenen Sommer bekleidete. Hier war er es. der mit am meisten beigetragen hat, Breslau und feine Stadtbehörden in den guten Geruch des Liberalismus und der entschiedenen politischen Gesinnungen zu bringen. Zu klug jedoch und vielleicht auch bereits, um in das wahnsinnige Vorwärtsstürmen der Radikalen sich mit hineiitreißen lassen, blieb er im Marz 1848 plötzlich stehen und schloß sich der konstitutionellen Partei an, die er hier durch Stiftung des konstitutionellen Clubbs eigentlich erst organisirte. Wenn ihn daher nun seine' eigenen ehemaligen Freunde anfeinden und als Reaktionär verschreien, so werden doch seine früheren Sünden dadurch nicht gesühnt, und, von unserm Standpunkte aus betrachtet, muß seine Schuld ebenso schwer wiegen, wie die seiner jetzigen Gegner. —- Heinrich Simon, ein Freund \uib Verwandter Gräffs, der Verfasser „von Annehmen oder Ablehnen" in den Augen seiner Freunde (und in seinen eigenen) der größte Mann unsers Jahrhunderts, ist zu bekannt, als daß es nöthig wäre, über ihn viel Worte zu verlieren. — Dagegen ist aber über die lies eingreifende und erfolgreiche Thätigkeit unseres Robert Linderer viel zu sagen. Dieser Mann, seines Gewerbes Zahnarzt und Badeanstaltbesitzer, ist schon seit dem Jahre 1840 ein Koryphäe unserer liberalen, jetzt radikalen Partei. Einer, der bei Allem dabei und immer voran ist: in der Straße, bei Festen, bei öffentlichen Demonstrationen —- überall der unvermeidliche Linderer, als Hauptredner und Hauptagitator. Natürlich wurde er in Folge dessen auch Stadtverordneter, und ist es leider, noch. Seine Wirksamkeit koncentrirt sich jetzt besonders in den Bürgerwehrklubbs, den Wahlkomite's und in der städtischen Ressource, deren Seele er jetzt ist, wie er auch einer ihrer Mitbegründer und von Anfang an Hauptbeförderer war. Die Ehre einer politischen Untersuchung, die auch ihm zu Theil wurde, trug natürlich nicht wenig dazu bei, seinen Ruhm und seinen Einfluß zu vermehren. Dem Dialekte nach zu urtheilen, scheint er kein geborner Preuße, sondern etwa ein Hamburger, gleich den Gebrüdern Benary hatte er dann die dem fremden Einwanderer bereitwillig gewährte gastliche Aufnahme in Preußen als echt Hellwitzisch und dankbarer Jude gut vergolten. — Nicht zu vergessen ist ferner unser vormaliger Polizeipräsident, der Regierungsrath Kuh. Er war im März vorigem. Jahres Mitglied des Sicherheitsausschusses, und ist ein Mitpifter des demokratischen Vereins (1). Bei seinem Antritt als Polizeipräsident erklärte er seinen Subalternen: „er sei ein Mann des Volks, der nach Kräften dahin gewirkt habe, die neue Zeit herbeizuführen; darnach möge man sich richten." Die neue Zeit hat sich nur nicht ganz nach ihm gerichtet; ein Verwandter und Freund P i n d e r s, wurde er-mit diesem gestürzt, und ist jetzt wieder als Mitglied der Generalkommission zuriickgetreten. — Gu brau er, Assessor und Stadtverordneter, ist sowohl in den Klubbs, wie in der Stadtverordnetenversammlung und unter der Bürgerwehr nicht ohne Einfluß, dafür jetzt auch Mitglied des Centralkomitds für volkstümlich e Wahlen. Gleiche Richtung mit ihm verfolgt sein Verwandter, Di\ med. Falk. — Ein überaus wichtiger Mann für den Radikalismus ist der Stadtverordnete und Lotteriekollekteur M. Schreiber, der nämlich wie man sagt, ein freigebiger Gönner demokratischer Bestrebungen sein soll. Seinem Schwiegersöhne, dem berühmten Dichter Berttold Auerbach, der als Mitbegründer und Hauptträger des deutschen Volksvereins hier eine hervorragende Persönlichkeit ist, haben die Demokraten diese wichtige Akquisition zu.danken. Brill, Abgeordneter für Breslau, und Dr. med. Pinoff, Abgeordneter für Schweidnitz, (pur nodile fratruml); stehen gewiß bei Ihnen in Berlin in noch zu neuem und gutem Andenken, als daß es einer neueren Charakteristik bedürfte. Amüsant, Und Ihnen vielleicht nicht bekannt, ist es aber, wie letzterer, da es mit der medicinischen Praxis nicht recht ging, geschwind Professor Ordinarius an hiesiger Universität werden wollte. In der schönen Zeit, als man im ganzen Lande nicht wußte, wer Herr und wer Diener sei, wo also auch die hiesigen Studenten dem Anscheine nach mehr zu sagen hatten, als die Professoren, trug sich Pinoff dem studentischen Ausschuß als Lehrer des Sozialismus an, und hielt auch flugs in der Universitär eine öffentliche Probevorlesung. Aber sei es nun, daß die Studenten selbst zur Besinnung kamen (vielleicht in Folge der Vorlesung), oder daß am Ende das Kultusministerium anderer Meinung war, — Pinoff zog es in der Folge vor, Abgeordneter zu werden, und ist bis heute noch nicht Professor, wird es auch, so Gott will, nie werden. — ' Dr. Borchhardt, ist für seine, alles Maaß übersteigenden Wühlereien von der weltlichen Gerechtigkeit ereilt worden, und hat, durch Richterspruch zu zwölfjähriger Haft verurteilt, Zeit genug „fern von Madrid darüber nachzudenken", wenn ihn nicht die von den Demokraten sehnlichst gewünschte (natürlich!) und für die nächste Zeit sicher erwartete Amnestie in den Stand setzt, binnen kurzem schon seine demokratische Wirksamkeit wieder aufzunehmen. — Assessor Breinersdorffeines der bedeutendsten .und von der Partei selbst sehr hochgeschätzten Mitgliedes des demokr. Klubbs, .ist seit einiger Zeit aus dem königt. Justizdienst in die lukrativere Eisenhuhnkarriere übergegangen , wo er durch Protektion des Direktor Lewald eine einträgliche Stelle bet der Oberschlefischen Eisenbahn erhalten hat. Jetztchraucht es also in seiner Handlungsweise sich noch weniger zu geniren und kann sich > seiner Sache noch eifriger widmen als früher. — Der großen