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Der Orient · 1849-02-10 · 6 (10.2.1849) · p. Spalte 83-84

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Journal
Der Orient
Volume
1849
Issue
6 (10.2.1849)
Date
1849-02-10
Page
Spalte 83-84 (sequence 2)
Language
German
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83 Studien. Nachman Krochmal< KenntnißvorrrH bestand, zu jener Zeit blos aus einem Aggregat talmudischen Wissens und dem rohen Material der hebräischen Sprache. Indessen wußte er sich auch schon, durch den Zufall begünstigt, einige Kenntniß von den Leistungen der lieben harmlosen Me'asfim - Epoche zu verschaffen, wie er, durch seine Hauptstudien ohnehin auf Maimüni. hingewiesen, auch in dessen More einige verstohlene Blicke zu werfen bereits gewagt hatte, welcher auch in einer etwas später» Zeit den Centralpunkt aller seiner Studien bildete. So nahm bei Krochmal, wie bei den meisten jüdischen Gelehrten, die philosophische Bildung aus der Theologie ihren Ausgangspunkt, deren Spuren sich auch nie an ihr verwischt haben. Eine Umwälzung in seinen Begriffen hatte bereits stattgesunden; das Verlangen nach einem systematisch geordneten Wissen war schon zum Bewußtsein gereift. Allein der Weg, der zur Erreichung dieses Zieles führen sollte, war zu jener Zeit in Galizien noch ziemlich unzugänglich. Der polnische Jude wird auch gegenwärtig noch gewissermaßen ohne Muttersprache in die Welt gesetzt, und wie es ihmgelingen könne, das Gebiet der Wissenschaften zu-erobern, auf dem ihm schon der erste Schritt verwehrt ist, bleibt oft für den unter günstigern Verhältnissen geborenen, ein nicht gelöstes Räthsel. Es waren zwar zu jener Zeit allenthalben noch die durch den unvergeßlichen Kaiser Josef eingesühcten Schulen in vollem Gange, und dem Juden wenigstens die Möglichkeit gegeben, die Elemente der deutschen Sprache zu erlernen; allein die Verstocktheit seiner jüdischen Unterthanen durfte hinter der seiner christlichen nicht Zurückbleiben. Alles nahm eine verkehrte Richtung an. Der Lehrer wußte oft seinen Maagel an Kenntnissen durch klingende Münze zu ersetzen , und die Familienväter ließen es an baarer Bezahlung nicht fehlen, damit ja ihre Kinder vom Unterrichte wegbleiben dürften. Auch für Krochmal zahlte seine Mutter des Jahres 6 Duk., damit er dem Schulunterrichte nicht beizuwohnen nöthig hätte. — Der Saat des Guten bleiben jedoch selbst in ihrer Verfehltheit die Früchte nicht aus. So waren wenigstens für den selbsterwachten Eifer schon die Möglichkeit und Hilfsmittel gegeben, die deutsche Sprache zu erlernen. Man konnte nun schon den Weg zur Erlangung derselben erfragen; wenn es auch noch viele Schwierigkeiten gab, sich auf demselben zurecht zu finden. Auch Krochmal gelang es auf diese Weise sich in einer kurzen Zeit die. Kenntniß der deutschen Sprache, und auch bald darauf die ihrer Literatur zu verschaffen, wozu ihm besonders ein gewisser Hr. N. behilflich war, der zu jener Zeit in seinem geistigen Geburtsorte Zotkiew Vorsteher der jüdischen Lehranstalt war, und in jeder Beziehung sich vor vielen seiner Kollegen auszeichnete. Dieser Mann war auch im Besitze einer Büchersammlung, die neben den. Mendelssohn'schen Schriften auch viele Werke der damaligen schönen Literatur in sich schloß. Mit einem unermüdlichen Eifer bestrebte sich Krochmal, den Geist dieser verschiedenen Schriftsteller auszufassen. Sein richtiges Gefühl ließ ihn stets die beste Wahl für die Ausbildung seines Geschmackes treffen. 84 Die Auffassung und Vemtheilung des Schönen war für ihn nie minder wichtig als die Versenkung in den metaphysischen Geist, was bei einem polnischen Juden jener Bildungse^oche auffallend erscheinen muß, und wodurch er sich auch von vielen seiner Zeitgenossen unterschied. Wenn er auch in eben diesem Zeiträume viel Fleiß auf die Erlernung der französischen Sprache und ihrer Literatur' verwendet,- sich auch bereits durch die Erlernung der lateinischen Sprache auf den klassischen Boden gewagt hat; so waren es doch immer die metaphysischen Studien, die bei ihm gleichsam den Mittelpunkt bildeten. Freilich war es zu jener Zeit blos noch die Leibnitz-Wols'sche Schule, auf deren Oberfläche er sich bewegte, zu der ihm gewissermaßen Mendelssohn von Hause den Führer abgab. Ueberhaupt brachte es seine isolirte Lage mit sich, daß wenn ec auch stets mit der Zeit fortschritt, er jedoch immer mehr ihr Nachzügler blieb. An einem Versuche, sich die Kenntniß der Naturwissenschaften anzueignen, ließ er es auch nicht fehlen, deren Elemente er zwar scharfsinnig aufgefaßt, nie aber weit in ihnen vorgedrungen ist, was übrigens in Betracht seiner zurückgezogenen Lebensweise und bei dem-Mangel an den hier unentbehrlichen äußern Hilfsmitteln, sich leicht erklären läßt. Ein Grund, der gewiß auch zur Erklärung ausreichen dürfte, warum die Geschichte fast in jeder Epoche Männer aus unserer Mitte aufzuzeigen hat, die sich mit Erfolg den philosophischen Wissenschaften gewidmet haben und nur vereinzelte Ausnahmen aufzufinden sind, die zur Fortbildung der Naturwissenschaften ihr Schärflein beigetragen hätten. Abgesehen davon, daß die bei den Juden fast nie. ganz getrennte Werschwisterung zwischen Philosophie und Theologie auch ihrerseits. vieles zur Begründung dieser geschichtlichen Tharsache beigetragen haben mag. Das Studium der ältern jüdischen Literatur war bei aller Beschäftigung mit den neuern Produkten des wissenschaftlichen Geistes, noch immer ein Gegenstand, dem Krochmal vorzüglich seinen Fleiß zuwandte. - Besonders war es die Literatur aus der Zeit der maurischen Herrschaft, die sein Interesse in Anspruch nahm.- Es ist nicht zu bezweifeln, daß eben diese auch auf seine spätere philosophische Richtung wie auch aus die Gestaltung seines hebräischen Styles einen nicht geringen Einfluß ausgeübt hat. Wenn einerseits der. aristotelische Tiefsinn es war, der ihm aus den Makmüniffchen Schriften zusprach, so war es andererseits die Platonische Ansicht, die er aus den Schriften des Jbn Esra herauszufinden wußte, der er seine, ganze Aufmerksamkeit widmete. Auch die Kabbala, auf deren Erlernung er Sorgfalt verwendet hat, hatte für ihn blos in der Gestalt wie sie bei Nachmani und dessen unmittelbaren Vorgängern und Nachfolgern auftritt, einiges wissenschaftliche Interesse. Von den vielen Nachbetern des Maimüni war es blos der'Narbonni, dessen er mit Lobe zu erwähnen pflegte. (Beschluß folgt.)

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