Mannheim
Compact Memory

Der Orient · 1849-02-10 · 6 (10.2.1849) · p. Spalte 81-82

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Orient
Volume
1849
Issue
6 (10.2.1849)
Date
1849-02-10
Page
Spalte 81-82 (sequence 1)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/8555529-9893953-9893959--5782-3534803
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

3 entity mentions

MeraluMatt des Orients. Berichte, Studien und Kritiken für Mische Geschichte und Literatur. m 6 Leip zi g, den 10. Februar 1849. Inhalt. Studien. Nachman Krochmal, eine Lebensskizze. —Biographie El. Levita's. Von R. I. Wunderbar. (Schluß.) Kritiken. Fassel's Lugend- und Rechtslehre. ÄngezeigL von Dr. M. Duschak (Forts.) — Literarische Miscellen. Die david'schen Nachkommen. Von Dr. Fürst. — Chiwi ha-Balkhi. Von Dr- Fürst. — Ankündigungen. Nachman Krochmal, ein Lebensbild. Seit einer Reihe von Jahren harrt das wissenschaftliche jüdische Publikum vergebens auf die Veröffentlichung des großen Krochmal'schen Werkes, More Nebuchim rellivivus, welches der berühmte Verstorbene als Vermächtnis' dem Hrn. Dr. Zunz zur Herausgabe-übergeben. Dieses große Werk, woran jener Gefeierte die schönsten Kräfte seines hellen Geistes verwendet, wonach sich die Gebildeten seit Jahren gesehnt, ist aus uns unbekannten Gründen von seinem Schwiegersöhne und von Hrn. Dr. Z u nZ bis jetzt nicht veröffentlicht worden, und als Mahnung an die Vollzieher des letzten Willens jenes großen Geistes war es seit lange mein Wunsch, eine psychologisch gehaltene Lebensskizze dieses Mannes zu geben. Es war mir daher erwünscht, daß Hr. Blumenfeld aus Odessa, der eine solche Skizze von dem Sohne des Verstorbenen angefertigt besaß, geneigt war, mir solche für daß Literaturblatt zu überlasten, und > indem ich ihm hiermit dafür danke, erlaube ich mir diese um so lieber in ihrer Ausführlichkeit hier mitzutheilen, als sie den Lesern einen Blick in ein uns etwas fern liegendes geschichtliches Leben und in fremde Kulturzustände gewährt. * * / Nachman Krochmal erblickte zu Brody am 7. Adar des Jahres 5545 das Licht der Welt, zu einer Zeit, wo die ersten Strahlen der Mendelssohn'schen Wirksamkeit in dem tiefen Dunkel, in dem die Juden Polens seit lange her gehüllt waren, zu durchbrechen ansingen. Von schwächlichen Eltern geboren, hatte er seit seiner frühesten Jugend einer nur sehr zarten Gesundheit sich zu erfreuen, die auch stets auf sein Gemüth zurückgewirkt, ihn von jeder äußern kräftigen Thätkgkeit abhielt, und mehr für ein beschauliches, der Spekulation ergebenes Leben bestimmte. Von früher Jugend zwar zum Studium des Talmuds ungehalten, entwickelte sich doch frühzeitig schon bei ihm das Streben nach einem gründlicheren gehaltreicheren Wissen, erwachte früh das Gefühl für die Schönheiten der hebräischen "Sprache, wie auch für den Lieblichen Ernst der hebräischen Muse; was eine in Galizien sonst nicht übliche, recht frühzeitige Beschäftigung mit derBibel nicht wenig begünstigt haben mag. Es sind hier vor Allem die beiden Hauptrichtungen hervorzuheben, die sich auf seiner ganzen Lebensbahn Nachweisen lasten-, und die trotz ihres etwaigen scheinbaren Gegensatzes bei ihm stets friedlich nebeneinander einherliefen: ich meine ein tiefes fast überschwengliches Gefühl, neben einem ernstruhigm spekulativen Geiste. Im praktischen Leben nach allen dessen Beziehungen schien es das Gefühl zu sein, dessen Leitung er sich überließ; so in seinem religiösen Verhalten, und im Verhalten zu seiner Familie und seiner ganzen Umgebung. Wenn sich nur irgend etwas aus dem Gesichtspunkte des Gefühls betrachten ließ, so war es gewiß dieser, den er zu dem seinigen machte, und auch nur unter dieser Form war er für dessen Eindrücke empfänglich. Ganz anders aber verhielt es sich mit seiner rein theoretischen Wirksamkeit. Hier war es blos ein tiefeindringender, nicht blos kritisch zersetzender, sondern echt dialektischer Geist, den er sich zum Führer erkor. Kaum 14 Jahre alt verheirathete er sich schon, ganz der Landessitte gemäß. Jndeß verschaffte ihm gerade dieser Umstand die gehörige Muse zu seiner geistigen Entwickelung, indem seine Schwiegereltern, bei denen er ruhig und sorg einfrei lebte, sehr wohlhabend waren und nur seine weitere Ausbildung, freilich in einem ganz andern Sinne, herbeiwünschten; was zwar nicht selten zu Reibungen Anlaß gegeben hat, dje aber nur zur Belebung seines ohnehin regen Eifers dienten. Sein 6

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.