Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 1849
- Issue
- 5 (3.2.1849)
- Date
- 1849-02-03
- Page
- Spalte 67-68 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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67 68 Studien. Der Talmud. Eine Skizze. Entwickelungen bereits in, der Schrift, wenn auch in verhüllten Worten, als Keime liegen, werden die 'Mischna's, Tosifta's u. s. w. als solche Erzeugnisse angesehen , die bereits Mose als göttliche -Tradition erhalten und mündlich weiter überliefert.8 Diese so beschaffene „mündliche Lehre", deren Text die Mischna, die dann von dem Talmud khMmentirt und ergänzt wurde, führt in ihrer Ganzheit den neuhebräischen Namen „Talmud", oder den aramäischen „Gemara", ohne daß. deshalb die Unterschiedenheit des „Talmud" von'„Mischna" aufgehoben oder vergessen wurde. Wenn man die Lehren des mündlichen Gesetzes genauer und specieller klassificircn wollte, da nannte man einen „Gemaristey" (Bifal Gemara), welcher die. Gemara oder diejenige Auslegung und Erweiterung der Mischna, die für die halachische Entscheidung nothwendig ist, zum Gegenstände seines Studiums gemacht, und zwar insofern diese Auslegung zugleich die Lösung der sich zu widersprechen scheinenden Mischna's und Barajta's vornimmt.10 Ohne hier auf das hohe Alter des mündlichen Gesetzes, von welchem bekanntlich schon Phiton" und der ältere Gamlicl12 gewußt, und ohne hier die alteren Sammlungen des mündlichen Gesetzes zu berühren, will ich nur denjenigen Komplex in allgemeinen Umrissen darffellen, der an dem sogenannten babylonischen Talmud als, ein Gesammtwerk uns vorliegt, und sich als das mündliche Gesetz ankündigt. 3. Der Talmud ist bekanntlich als Inhalt des mündlichen Gesetzes großentheils nur Auslegung und Verständniß der Mischna, mithin nur mittelbarer Wahrer dieses Gesetzes. — Es gab eine alte merkwürdige Barajta,13 wo der Ausspruch gestanden: „die Lannaiten sind die Verderber der Welt",14 was der berühmte Abschließer und Besiegler des Talmuds, der gefeierte R'Abina, nach einer traditiven Erklärung schon dahin deutete, daß darunter Diejenigen gemeint seien, welche die decisiven Halacha's, ohne sich um die gemaristischeAuslegung zu kümmern, blos nach der Mischna geben.15 Solche Mischna- Anhänger entscheiden oft ganz falsch, weil sie die rationellen Gründe der Mischna-Lehrer nicht kennen und mithin theils zuweilen zwei verschiedene Fälle als ähnlich ansehen, theils bei einem mischnaischen Dissens nicht wissen , wohin die tra-' ditionale Entscheidung zu Lenken fei.16 Ha l)e keine Gemeinschaft mit den Veränderlichen (Schonim),17 heißt es in den Sprüchen," und die Agada deutet es dahin,19 8) Midrasch rabba zu Koh. 3, 15. — 9) Baba Batra 145 b. — 10) Raschi J. c. giebt dies durch . ^TUT. — 11) Legat, ad Caj. p. 1008* — 12) Sifre col. 243. — 13) Sota 22'a. — 14) Wörtlich fNjnn. — 15) SBörtiidj jnjsyo -jmD robn pio. — 16) Jiaschi giebt hier weitläufig diese Erklärung, die auch dem Zusammenhänge angemessen ist. — 17) dw, als assonnirend mit n.J&S'D ausgelegt. — 18) Spr. 24, 21. — 19) Sota 1. e. — man soll mit Denjenigen,, welche mischräische- Halacha's ohne Gemara lehren, ohne sich um die talmudische Praxis und um die Auslegungen der Gemaristen zu kümmern,^ keine Gemeinschaft hegen. Der schöne Hillel'sche Spruch": „wer sich der Gesetzeskrone bedient geht unter", wurde auf die mischnaischen Halacha's angewandt, deren alleinige Benutzung für die Horaa, obgleich sie die Krone des Gesetzes bilden, nur verderblich sein könne.22 Die Mischna-Anhänger, welche die gegebenen traditionalen Lehrsätze der Mischna einzig und allein benutzen, ohne auf die Diskussion, Ermittelung und Abwägung zu sehen, werden als Fiinde des Iudenthums oder des mündlichen Gesetzes angesehen,^ und wenn in manchen Aussprüchen^ der" tägliche Vortrag der mischnäischen Lehren gepriesen wird, so ist nur dasjenige Mischna-Studium j gemeint, das bei der Entscheidung auf die Gemara Rücksicht? nimmt. Der Talmud ist somit als Inhalt des mündlichen Gesetzes nichts weiter als Verständniß der Gründe der Mischna'sz2" und in dieser Eigenthümlichkeit als höchster Vorzug im Gesetzesstudium, weil Schrift und Ueberlieferung sich in ihm vereinigt, schon zur Zeit des Mischna-Redakteurs angesehen."' Der Talmud, oder nach feiner aramäischen Benennung die ©emara,28 Schrift und Mischna für die Praxis erst nutzbar machend, gilt als höchste Stufe in den Studienreihen, 29 und erst tn der später« talmudischen Periode oder früher schon, als mau mit Hintansetzung der positiven Mischna sich ganz der talmudischen Diskussion hingegeben, wurde das Zurückkehren zur Mischna als zur Grundlage angerühmt. 30 In dieser Anschauung von dem Wesen des Talmuds muß er natürlich als Quelle der Horaa, d. I). der Deoision für die Praxis, gelten," und der Mischna-Redakteur mit seinem Spruche": „Sei bedacht im Talmud, denn Jrrthum imTal- 20) Das D\W rnird ölö riD^n fW gefaßt und das Ganze giebt Raschi L c. durch Q^n m^fl WDW ub& nvirnn *dj;ö bp rrDpn xbi — 21) Abot 1, 12. — 22) Megilla 281). — 23) nwQ 'fyyn..— 24) Baba Mezsa 33 b, wo es heißt: DDWW n^o. — 25) Nidda 73 a; Megilla 28 b. — 26) Raschi zu Berachot 5 a rfDD II NIDJl nwon. —; 27) Baba Mezlla 33 a. — 2^) ‘•pobn ist der neuhebräische Ausdruck für das, weis aramäisch genannt wirdy beide bedeuten „Lehre" und sind mithin ganz gleichbedeutend mit n^nn; aber im Gebrauche erscheinen sie nur für die „mündliche. Lehre" in der im Texte angegebenen Weise. — 29) Baba Mezra 1. e. rb)ll »TTD *]b NICl — 30) Baba Mezra 1. c. — 3 t) Berachot 5 3.. Der Ausdruck *0.11 U'Dnnin^ will die Gemara als Horaa bezeichnen. Raschi z. St. erklär auch Gemara mit den Worten ch)Ddr. , 'HNHP - c&jm 'bzo iNHpi »wbri jo n.Nnn onm —- 32) Abot 4, 13.. —