Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 10 (1849)
- Issue
- Heft 5 (3.2.1849)
- Date
- 1849-02-03
- Page
- Seite 23 (sequence 5)
- Language
- German
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— 23 — fl.injd. Worüber wird er die Gläubigen in dieser in- Gltsehwcren Stunde belehren? Wird er Lh),en die himmli'chc Braut: Freiheit verführen, .und ihnen mit allen Mitteln geistlicher.Beredsamkeit, mit dem ganzen Einflusse seiner Autorität einschärfcn, sic zu Verehrer, und alle Kräfte deo Geistes ans ihren Altar uiedcrznlegen? Wird er die Gläubigen im Namen des Meisters erinnern, daß alte Brenschen, Fürsten mrd Bettler, Kaiser,' Könige und Bürger, Brüder sind? Wird er ihnen, mitten in der andächtigen Stille der. Nacht,'donnernd prüfen: Gleichhei t für Alle, die der Vater Ln seinem Ebcnbilde geschaffen, den Diener nicht minder als den Herrn, den Untcrthan nicht minder als den König? Wird er öffnen die Gräber und die Schatten der Ge-' mcrdetcn, die Bilder der Gefallenen, die Hütten der Märtyrer, die Gestalten der FrcihcLtsheldcn heraufbcschwörcn, um das ,,himmlische Auge der Freiheit" mit neuer Sehkraft zu füllen, eö zu schärfen, damit es seine Feinde .erkenne? Wird er den Marz, den Mai und den Oktober seinen 'österreichischen Zuhörern als die Dreieinigkeit des JahrcS deö Heils 1848, mit der Farbenpracht eines Raphael und Michel Angelo schildern? >— Oder wird er die Gläubigen vor die Berge Garizim und Ebal führen, wo Leben oder Tod, Freiheit oder Knechtschaft, Segen oder Fluch liege:,? — Fluch, Fluch entfährt seinen schänincnden Lippen! Fluch verkündet er über die, welche den §. 1 der österreichischen Grundrechte anerkennen, daß .nämlich „alle Gewalten vom Volke aus gehen"; Fluch über die, welche an eine ,gleiche Berechtigung aller Konfessionen" denken*: Knechtschaft und Haß predigt er im Namen Christi! — Ich, ein jüdischer Prediger, rufe Dir, dem christlichen Domherrn zu: Du lügst, wenn Du im Namen Deines Herrn und ^Meisters Haß und Knechtschaft lehrst! Zeige mir doch die Stetten des N. T., in denen die Völ-' ker zu den Schatten der Könige herabgewürdigt werden? Wahrlich das ironische ,,gebet den, Kaiser, .was des Kaisers ist" kann man nicht einmal auf die pa-, piernen Banknoten emwcnden, die mit keinen, Kaifcrbitde geschmückt sind! „Fürchtet euch nicht vor denen, welche, den Leib tödten, und nach diesen, nichts weiter thun können" (Lukas 12, 4); ,jin der Freiheit bestehet nun, und lasset-euch nicht wiederum vom Joche der Knechtschaft festhalten" (Brief a. d. Galat. 5, 1); „leget die Lüge ab und redet Wahrheit, ein jeglicher mit seinen, Nächsten" (Brief a. d. Ephes. 4, 25);• „alle Bitterkeit und Grimnr und Zorn un.d Toben und Schmähen sei verbannt von euch sanunt aller Bosheit" (das. 31); ,,Jeder', der nicht Gerechtigkeit thut, ist nicht von Gott, und auch der seinen Bruder nicht ücfcci"' *) Mehrere deutsche Blätter^ berichten diese Thatsache als verbürgt. > (Br. d. Joh. 2, 10). — Das, christlicher Domherr, lehrt das Christcuthnm, nicht „Grimm und Zorn und Toben und Schmähen"! Nicht feige Knechtschaft und bitterer Menschenhaß, nicht Kronen und Sccpter und Purpur, nicht Lieblosigkeit und Feindschaft und Verfolgung kamen mit Christus auf die Crdc, sondern die mächtige Posaune der Freiheit und der sanfte Ruf der Liebe, vor welchen das starke römische Reich, wie einst die Mauern von Jericho, zusamrnenbrach und der Sklaverei ein Ziel setzten. . Im Namen Christi möchtest Du wohl die alte Tyrannei und die sehr alten Judenverfolgungen eiuführen, und hast, ein christlicher Jupiter lonans, Deine Blitze geschleudert gegen die dil minoruni gentium, gegen das Volk, den Quell jeder Herrschaft, gegen Menschen, die nicht Deiner Kirche a„- gchörcn. — Du hast cs in der letzten Nacht des Jahres 1848 gethan: wahrlich, diese Letzten gleich Dir werden nicht die Ersten sein! Prediger Je ll inek." Berlin, im Jan. Die Voßische Zeitung, vom 18. Januar schnibt: Artikel 11, der Verfassungs-Urkunde hat den Genuß der bürgerlichen und staatsbürgerlichen Rechte unabhängig gemacht von dem religiösen Vekenntniß, und die freisinnigste und weiteste Ausdeutung und Anwendung .dieses Grundsatzes liegt sicherlich in den Absichten der Staatörcgicrung, wovon vor Kurzem wieder die Mittheilung des Ministeriums der geistlichen Unterrichts- und Mcdizinal-Angctegenheiten, welche der preußische StaatSauzeiger vom 13. d. hinsichtlich der Ehen zwischen Christen und Juden enthielt, eil, erfreuliches, und das Princip durchaus bekräftigendes Zcugniß abgelegt hat. Das genannte Ministerium hat sich besonders eifrig und schasfenökräftig erwiesen, ans seinem wichtigen Gebiet ans der Verfassung , eine lebendige und lcbcngebendc Wahrheit werden zu lassen, und dies haben auch die Bekenner des jüdischen.Glaubens nach einer Seite hin erfahren, welche ihnen der alte..Staat aus der Konsequenz seines Princips an, strengsten verschlossen hielt, wir meinen die unbedingte Aufnahme der Juden in die Reihen unserer Volks- und öffentlichen Lehrer.' Wir haben sonnt unserer jüdischen Bevölkerung den bisher ausschließlichen christlichen Staat in allen seinen Räumen eröffnet, wir haben den Juden nicht nur die allgemeinen staatsbürgerlichen Rechte und den konstitutionellen Antheil an der Gesetzgebung und an dcrMitwirkung zum Staat gewährleistet, sondern itu'r haben ihren Händen auch die heiligster, Pfänder unserer Gesittung und Nationalbildnng, die Volksschule und den wissenschaftlichen Unterricht zu vertrauen angefangen. Ich frage, ob der neue Staat vorurtheilöfrcicr und hingebender handeln konnte gegen einem Theil seiner Bevölkerung,, dessen reiche Gaben und Vorzüge man nie verkannt hat, der aber selbst ans das Zäheste und Widerstttbendste eitle nationale Ausnahmt- Stellung in unserem Staat festzuhalten strebte und dessen