Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 10 (1849)
- Issue
- Heft 2 (13.1.1849)
- Date
- 1849-01-13
- Page
- Seite 11 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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11 drr Jude sich deö Juden zu schämen hat? Warum fügt ihr cuch nicht in die Anforderungen der Zeit und der Majorität der Gesellschaft, in der ihr lebt? Nur dadurch werdet ihr die christliche Unduldsamkeit, den christlichen Haß beseitigen, und rurcn Kindern eine bessere Zukunft verschaffen. Haltet an currr Religion noch fester, beseitiget aber solche Dinge, die euch in dcn Augen des christlichen Bruders, ja selbst in denen vcö gebildeten Juden, herabwürdjgcn. Schaffet solche Gebräuche ab, die schon längst in der Zeit ihr Grab gefunden, imt) eurer Religion Hohn sprechen. Richter eure „Gottes- Häuser", Synagogen, so ein, wie cs sich geziemt, um darin Gott eure Verehrung bezeigen zu können, verbannt aus diesen- Allcs, was anstatt das Herz zu erheben, zu einem höhern Wesen führen soll, rückfällig und abschreckend einwirkt, verbannt aus diesen ldcn bet ä ube n den Lärm, das furchtbare Geschrei, das Langweilige des Gottesdienstes,' die kalten ^Gebete, eigentlich Dissertationen, die mehr für das Studierzimmer des Gelehrten, als für die Synagoge, wo sie dem größten Theil von-euch unverständlich sind, paffen; verbannt alles was die Zeit schon längst von sich gestoßen und das sich nicht mehr mit der jetzigen vereinbaren läßt, ver- , bannt dies Alles und ihr werdet eine große Thal vollführt haben. Und dies Alles könnt ihr thun, ohne mit eurem Glauben in Collision zu gerathen. Blickt nur ein wenig in die Vergangenheit zurück, in die Zeiten, wo das Judenthum und die Religion noch frischer war als jetzt, in die Zeiten, wo der Lude nur an seinen Glauben hing, und ihr werdet sehen, wie die religiösesten Männer, welche an der Spitze der Judenhcit gestanden, die Zeitcrforderniffe begriffen, wie sie z. B. die Bibel in die ihnen damals verständliche aramäische Sprache übersetzten, und am Sabbat in der Synagoge vorlascn. Die damaligen Juden waren gegen O nkelos gewiß dankbar; ihr habt Mendelssohn geflucht.— Ich weiß wohl, daß die^ Macht der Gewohnheit stark ist. Lhr könnt euch auf einmal davon nicht lvsmachcn. Schließet aber der Belehrung nicht das Ohr zu. Ihr braucht nur die Augen aufzumachen, um die Wahrheit zu sehen, ihr braucht nur die Hände auszustrccken, um die Mittel, die vor euch liegen, zu ergreifen, ihr braucht nur die Füße von der alten Stelle, ein wenig — einen Schritt weiter zu rücken, um der Zeit und der Menschheit sich zu nähern. Es scheint als wolltet ihr nicht sehen — eure Hände haltet ihr krampfhaft umjchlun/ gen und die Füße sind festgebannt am Boden, der morsch und faul und in der Kürze unter euch zusammenbrechcn wird, zusammenbrcchen muß! Wollt ihr durchaus Nichts für den Kultus lhun, fürchtet ihr mit dem „alten" Gott auf eine neue Art zu unterhandeln, glaubt ihr nun wirklich, daß wenn ihr leise und anständig zu ihm sprechen, beten und eure Wünsche vortragen, er es nicht so aufnehme, als wenn ihr furchtbar schreit? Gut, so schreit nur fort — die Zeit wird euch schon überschreicn..-- Bleibt bei euren abgelebten Gebräuchen, schließt euch noch mehr -von der Gesellschaft ab — nur um eines bitte ich euch: Sorgt für die Heranbildung eurer Kinder! Die Mittel hiezu hat wde Gemeinde, um eine zweckmäßige Schule einrichtcn zu können.— Lastet aber euch nicht "von euren Rabbinen leiten — von Laien laßt euch Pläne machen, und diesen übertragt die Organisirung. Zum. Schluffe will ich euch noch sagen: Glaubet ja nicht die Revolution vom Jahre 1848 würde euch mir den christlichen Brüdern „gleichstcllm" l Nein, so lange ihr nicht eure Stellung verändert, so wird euch-keine Stellung — gleich machen. Ihr selbst müßt an eurer Freiheit arbeiten, erst den innern Kampf dncchmacheu, bevor ihr in äußere Kampfe euch einlassen-könnt — um zu siegen. Alles das was euch als eine eigene Nation erkennbar , ma cht, müßt ihr a ble gen, oder ihr müßt verzichten als Juden wie ihr jetzt seid von den Christen anders behandelt zu werden. M —z. Deutschlands vereinigte Staaten. Leipzig, 4. Januar. Heute vor 62 Jahren verbreitete sich die Schreckenöknnde in der jüdischen Gemeinde zu Berlin: Moses Mendelssohn ist todt! Einer der edlen Gedanken, die daö Herz deö jüdischen ^Weltweisen", wie man im vorigen Jahrhundert sich auö-, drückte, war die Freiheit seiner Glaubensbrüder. Nach 62 Jahren hat der Gedanke Realität in Preußen gewonnen! So langsam bricht'sich die einfachste Wahrheit Bahn, und mit einem Male sollte Deutschland frei werden? Die Emancipation ist aber in die Geschichte eingetretcn. Eine große Lehre.. Leipzig, 4. Januar. (Berichtigung.) Indem ich Hrn. Epstein für seinen herzlichen Nachruf an meinen Bruder Hermann danke, erlaube ich mir eine Berichtigung in Betreff der N. N. Z. Drei Kugeln endeten daö Leben meines Bruders, eine traf das Haupt, die beiden andern daö Herz; die Dajoncttenstichc sind eine Ersindnng. Mein jüngster Bruder sah i(m als Leiche. Waö die Veröffentlichung seines Nachlasses betrifft, so ist bereits das Nöthigc cingelcitet worden. Ad. Jellinck, Prediger. Bresliru, L. Jau. . Unser Gemeidewcscn beginnt endlich auö seinem Chaos heranszutretcn, der Zwiespalt verschwindet und die Gemeinde kcnstitnirt sich von Ncnenl. Der Gemcindcvorstand hat bles die Finanzen der Gemeinde zu verwalten, die Versorgung der. Armen,, alle Institute, die keinen ausschließlichen religiösen Charakter an sich tragen, zu leiten, den Kultus wie das Radbinenvesm nur vom Standpunkte der Finanzen zu berücksichtigen, und also nach Verhältniß zu jeder Kuttnsform beantragen. In der That ist dies mid) der einzige richtige und gerechte Weg, da Jeder für seinen Beitrag doch weiter nichts verlangen kann, alö daß für seinen Rabbiner und für seinen Kultus nach Verhältniß. der Gesammteinnahme beigcstcncrt werde. Hiermit ist der Gegenstand deö Kampfes in den Gemeinden ge-