Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 1849
- Issue
- 1 (6.1.1849)
- Date
- 1849-01-06
- Page
- Spalte 9-10 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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9 10 Nekrolog auf Hermann Jellinek. Mögen <utcfj die, die den .Bau des Fluches unternommen, bald den verdienten Lohn dafür empfangen! Jellinek hatte so wie Blum, eine schwere, entbehrungsreiche Jugend durchzukämpfen z eine noch schwerere, da er zugleich das zwiefache Unglück hatte, als Jude und in Oestreich geboren zu werden. Das Unglück seiner Geburt war auch die Ursache seines Todes: denn selbst der blutgierigste Tyrann wagt nur mit dem Leben seines Sklaven so zu spielen. Gegen Blum suchte die Mordsucht wenigstens den Schein des Rechtes z-u währen : der Fremde hatte ja bewaffnet den Söldlingen gegenüber gestanden; Jellinek aber wurde gemordet, weit er die Proklamation des Henkers zu tadeln sich unterstanden! * — Andere Verbrechen wie seine schriftstellerische Thätigkeit konnte selbst die jetzt in Wien herrschende Bestialität an Jellinek nicht-herciusfinden; und so bin ich , der ich ihn genau gekannt, fest überzeugt, daß selbst für die so heiß geliebte, weil so heiß entbehrte Freiheit, Jellinek keine andern 'Waffen als die des Geistes geschwungen. Von „jüdischer Feigheit" darf wohl bei ihm auch der ärgste Judenfeind (einen persönlichen hatte Jellinek kaum) nicht sprechen; er hat es durch seinen Tod genugsam bewiesen, wie er auch den sogenannten Junkerheldenmuth, sich todtschießen zu lassen, besessen; doch war..ihm die Sache der Freiheit zu heilig, als daß er ihren Altar durch Eisen hätte entweihen sollen. Mit wehmüthiger Freude denke ich noch an meine Bekanntschaft mit dem Verewigten zurück. Es werden jetzt sechs Jahre her sein, seit ich ihn in Leipzig kennen lernte. Der neunzehnjährige Jüngling hatte in das Burschenleben die hohe Moralität, den tiefen Ernst, die angewohnte Mäßigkeit und Ausdauer, den unermüdlichen Wissenstrieb und den eisernen Fleiß des jüdischen Bachur mit herübergebracht, die Unarten desselben aber nicht. Er war von mittler Statur, die Haltung würdevoll, und nur die Gestikulation, wie öfter beim Juden, war, wenn er in Affekt war — und Jellinek sprach nie anders — zu stark. Das Gesicht war sprechend und ansprechend, besonders die großen seelenvollen Augen, die ein stiller Ernst, zuweilen fast wehmüthige Trauer umschftierte. Besonders lieblich aber war der Mund , wenn er lächelte. Dieses Lächeln trifft man nur bei Kindern- und kindlich harmlos und unschuldig war sein Gemüth. Noch sehe ich ihn in dem kleinen Stübchen im Hinterhause,. einige Stiegen hoch, wie er dasaß, neben, sich einen Knaben, dem er Stunde gab, über sich einige lärmende und ihre Instrumente versuchende Musiker, (unter welchen namentlich der Hornist gräuliche Mißtöne hören ließ) und vor sich eine Taffe Milch und einen Band Hegel, den er damals fleißig studirte. „Sehen Sie" — rief er mir lächelnd zu, — „das heißt Philosophie zugleich theoretisch und praktisch treiben."— Damals hatte er auch in diesen. Blättern eine Kritik über ’) Standrechtliches Urtheil. Bruno Bauers „Judenfrage" geschrieben und seinen Namen vollständig unterschrieben. „Das ist mein Scheidebrief von Obstreich!" sagte er. Wäre es dabei geblieben! Der Scheidebrief, den er von Oestreich erhielt, war blutiger. Aus Spaziergängen oder km Kaffehause war er höchst selten; zuweilen nur traf ich ihn auf dem Turnplätze, auf dem'Fechrboden nie. „Darm bin ich ein achter Jude;",— äußerte ec — „ich kann nie in den Fall kommen von den Waffen Gebrauch zu machen. Will Jemand an mir zum Ritter werden und mich fordern, ich werde mich stellen; zum Morden aber kann mich keiner zwingen. Wir haben andre Waffen: Die Stimme ist Jakobs Stimme, die Hände aber Esau's Hände." Jellinek war ein Demagog, ein wahrer, ächtcr, ein jüdischer Demagog! wie ihn der Prophet schon vor Jahrtausenden für alle Zeiten vorgezeichnet : „Nicht mit Heeresmacht und nicht durch Körperkraft, sondern durch den Geist" — und solchen den Sieg verheißen hat, der sicherlich nicht ausbleiben wird. . Ich kann nicht umhin noch zu erwähnen, wie er auch der Jugend seinen Zoll nicht ganz schuldig blieb und nach jugendlicher Weise, vielleicht auch wegen seiner großen Liebe zum Judenthum — die Wirkung mit der Ursache vertauschte, und zuweilen über Juden, namentlich über die modernen/ materiellen Richtungen auch bei ihnen sich-bitter aussprach. Wenn wir oft lange und heftig darüber gestritten hatten, dann schloß er immer: „Glauben Sie nur nicht, daß ich je unsre Fahne treulos verlassen könnte; gewiß nicht. Ich bin dem Geschick zu großem Dank verpflichtet, daß es für mich gewählt und zwar: aus zwei Uebeln, das kleinste!" Zu Anfang des Jahres 1846 war ich wieder in Leipzig und sprach Jellinek zum letzten Male. Seine Verhältnisse schienen sich gebessert zu haben und er erzählte mir auch, daß er eine Vergnügungsreise nach Berlin unternommen und mancherlei Erhebliches davon. Später kamen wir.nicht mehr zusammen; ich hörte nur noch von seiner Ausweisung aus Berlin und Leipzig; jetzt endlich , hat er Ruhe gesunden; wohl hatte das Leben gar schwer ihn bedrücket, drum wird nun dem Guten die Erde auch leicht. Ich schrieb diese Zeilen nur deshalb nieder, um einen Fähigrrn zu veranlassen, das Andenken des Gerechten uns zum Segen vorzuführen. Möge der Bruder des-unschuldig Gemordeten, nach alter frommer israelitischer Sitte, den Namen -des Verstorbenen auf seinem Eigenthum erhalten und die gesammelten Aussätze Hermann Jellineks mit einer ausführlichen Biographie deffeLbm bald hcrausgeben. Ein anderes Denkmal dürfen, können und wollen wir Juden dem Juden nicht setzen; bei diesem ab§r, das manches von Stein und Metall überdauern wird, dürfte die Betherligung gewiß eine allgemeine sein. Epstein in Oberschlesien. *) Secharja 4.