Mannheim
Compact Memory

Der Orient · 1848-12-23 · Heft 52 (23.12.1848) · p. Seite 411

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Orient
Volume
9 (1848)
Issue
Heft 52 (23.12.1848)
Date
1848-12-23
Page
Seite 411 (sequence 13)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2360092-2360526-2360579--6679-3534701
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

411 schenwürde, sind des modernen Staats unwürdig, und bewirken durch ihre innere Nichtigkeit gerade das Gegentheil von Dem, was man ursprünglich bezweckte. Nur die Freiheit gibt Kraft, Ehre, Vertrauen und Dankbarkeit. Theater-Juden. Wir erlebten vor einigen Tagen in Leipzig das fcüfame Schauspiel, daß der Kaufmann von Venedig so gut wie ausgezischt wurde. An dem Spiel lag es nicht; die . Darstellung des Shylock war vortrefflich, in den Hauptscenen geradezu glänzend zu nennen. Die andern Schauspieler thaten das Ihrige, und waren wenigstens nicht schlechter als nöthig. Es lag am Stück. Einerseits ist es nicht angebracht, während der Messe Juden zu spielen, dann kann man aber auch wohl, ohne Shakespeare nahe treten zu wollen, zugestehen, daß der Kaufmann von Venedig in seiner gegenwärtigen Fassung unserer Bühne nicht mehr entspricht. Die Holzschnitt-Scenen mit den Prinzen von Marokko und Arragonien nehmen sich albern aus, das fortwährende Wechseln der Scene, wenn so wenig als möglich vorgegangen ist, ermüdet, von den Episoden mit Lanzelot und .seinem Vater wird auch wohl der unbedingteste Verehrer Shakespeares nicht angeben können, was sie eigentlich sollen, der letzte Akt endlich ist entschieden langweilig; nach Shylock's Abtreten, nach dem Fallen des Vorhangs, sich noch einmal zu versammeln, um einige zierliche Witze zu hören, dazu hat ein Sohn des neunzehnten Jahrhunderts nicht mehr die Geduld. Die Romantiker meinten, ein solches ,,Aussumincn" des Tons sei zur Beruhigung des Gemüths nothwendig. Es wäre nichts dagegen zu sagen, wenn daö Auösnmmen unmittelbar dem letzten Aecord folgte, aber zum Behuf des Aussnmmens eine neue Melodie anzufangen, das hat keine Berechtigung. Kuranda hat nach meiner Ansicht die richtige Erklärung gegeben. Für uns wird Shylock die Hauptfigur, um welche die Handlung; sich dreht; wenn er abgefertigt ist, haben wir kein Interesse mehr. So sollte cs eigentlich nicht sein. Shylock war die komische Episode eines zierlichen Couversationsstücks, der Buffo, der gar nicht irgend ein sittliches Interesse erregen sollte, über den man nur lachen durfte und der dann, nachdem er die nöthige Anzahl Grimassen geschnitten hatte, mit einem Fußtritt beseitigt wurde.;; Es lag in des Dichters großer Coneeption, daß er auch j den bloßen Hanswurst nicht anders geben mochte, als j daß er die Idee feiner relativen Berechtigung hineinjj legte. Die tragische Idee, die im Judenthum unmittelbar mit der lächerlichen Seite desselben verwachsen ist, - hat im Laufe der Zeit, wo man mehr und mehr sich gewöhnte, die Judenfrage von der menschlichen Seite zu betrachten, die übrigen Momente des Dramas zurückgedrängt. Wir haben nun die Juden emancipirt, sie sind nicht mehr die Parias aller Nationen, und es läßt sich erwarten, wenn auch noch einige Generationen vorüber gehen sollten, daß das spceifische Judenthum aufhörm wird. Der ewige Jude wird eingehen^zu seinen Vätern , ohne deshalb, wie im Roman von Eugen Suc, nach Sibirien flüchten zu dürftn, es wird aus ihm eine blos historische Person werden. Es ist daher jetzt an der Zeit, zu untersuchen, wie weit seine Existenz eine berechtigte war — in ästhetischem Sinn meine ich, denn seiw geschichtliches Recht geht uns hier nichts an. Der Charakter des Judenthums beginnt nicht erst mit der Zerstörung Jerusalems, mit der Zerstreuung des auserwählten Volks durch alle Nationen. Freilich kam erst da daö Wesen zu seiner angemessenen Erscheinung; der wunderbare Schatten von unglaublicher Zähigkeit und Konsistenz, obgleich er seinen Körper verloren hatte, das Volk der reinen Verheißung, der Abstraktion und der Trauer, das aber durch beides sich nicht verhindern ließ, im Praktischen sehr gewitzt auf alles Detail einzugehcn. Dieser Dualismus zwischen der abstrakten Unendlichkeit und dem geistlosen Haften am Endlichen, macht sich eben so in seiner frühern Geschichte, in seinen Sagen, seinem Kultus, seinen Göttern und Helden, in seiner politischen Existenz geltend. Jehova, der Geist, ist die totalste, die absolute Aufhebung der Natur, die Abstraktion von allem Endlichen und Bestimmten; wenn er aber zur Erscheinung kommt, so sind es sehr unmo-- tivirte, unberechtigte Endlichkeiten, ein brennender Dornbnrsch, eine Rauchsäule und dergleichen Naturphänome; er ist die schrankenlose Macht über die Natur, wenn er aber wirkt, so ist es im Detail, er plagt die Egypter mit Läusen und ähnlichem Ungeziefer, um seinen Willen durchzusetzen, er läßt Moses nach sehr bestimmten Formeln hexen, er schickt seinem Volk Manna u. s. w. Er verlangt in seiner Anbetung die Totalität des Geistes und Gemüths, aber wenn der Dienst wirklich ausgebildet werden soll, so sind es zehntausend kleine Details, die Flügel der Cherubim müssen so und so gearbeitet sein, die Stufen des Tempels, die Waschungen, die Grimassen, das Essen und Trinken, alles hat seine bestimmte, sehr detaillirte Ordnung, und der Geist der universellen Abstraktion verliert sich in sinnlose Endlichkeiten. Wie der Gott, so sind auch seine Gläubigen, seine Helden, von Abraham au bis auf Christus, den letzten nicht ausgenommen. (Beschluß folgte

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.