Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 9 (1848)
- Issue
- Heft 52 (23.12.1848)
- Date
- 1848-12-23
- Page
- Seite 409 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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409 rüsse saß, erzählte, daß er sich mit seinem Leidesgefährten B e ch e r dieganze Nacht in lautem Gespräche unterhielt. — Auf dem Richtplatze prolestirte er noch gegen seine Hinrichtung, indem er die Legalität der Behörde nicht anerkennen wollte. Er schloß seinen Protest mit den Worten: ,,Sie können mich hinrichten, aber mein Tod bleibt ein Mord." Er gestikulirte dabei mit den Händen, und die drei Kugeln trafen ihn nicht ganz, so daß der Major auf ihn zuging, seinen Puls fühlte und dem Jäger winkte, daß er durch eine vierte Kugel dessen Leben ein Ende setzte. — Dahin ist er für immer! Wahrlich, um einen hohen Preis ist die Ruhe in nnserer Stadt hergestellt worden. Männer und Frauen wallfahrten jetzt zum Stadtgraben, wo das Blut einer großen Zukunft verspritzt wurde. — Wenn Sie nach Wien kommen, so besuchen Sie den Wehringer Kirchhof. Dort wird ein Grabhügel Ihnen sagen: ,,H ier ruht ein Märtyrer der freien Schrift und Rede." P. 8. Als ihm in der Nacht vor seiner Hinrichtung die Rechnung von dem Gefängnißwärter gebracht wurde, bemerkte er einen Posten zuviel, und fragte den Wärter, was dieser Posten zu bedeuten habe. Dieser antwortete: „ Es ist der Kaffee, den Sie morgen noch trinken werden." (V.-Bl.) Prag, 10. Dec. In keiner Zeit war in Bezug auf unsere ezechische Genossenschaft der neutestamentliche Spruch: ,,Sie wissen nicht was sie thun" so anwendbar, als gerade jetzt; denn noch nie war sie so verblendet und kurzsichtig als jetzt. Die Oktober-Revolution Wien's, in dem sichern Gefühle eines Kampfes gegen die systematischste Reaktion unternommen, wie das neue ReaktionSsystem zeigt, der blutige Fall Wiens, das noch dauernde Blutgericht, die Knechtung der Presse und die Vernichtung aller Errungenschaften — alles dies und noch mehr sind der ezechischen Partei, die sonst Begeisterung für Freiheit und Demokratie heuchelten, freudige Vorboten einer zur Geltung kommenden slawischen Nationalität, und die Stovanska Lipa stimmt über jeden Sieg der Reaktion Jnbellieder an. Selbst wenn thatsächlich das Slaventhum nur durch die haböburgische Knechtschaft gehoben und erkräftet werden konnte, so wäre immer noch die Frage, ob die Nationalität so viel werth ist, daß die Hinvpferung der Freiheit nicht in Betracht kommen kann; aber leider ist dies hier nicht einmal der Fall , und die größte Kurzsichtigkeit muß emsehen, daß die Stovanska Lipa um ihr Slavenreich eben so sicher betrogen wird, als das österreichische Volk um die Errungenschaften. Die Dynastie will keine Herrschaft irgend einer Nationalität, sondern selbst herrschen über 36 Millionen, und wenn sie Irokesen wären; die Dynastie will kein Deutschland, keil: Böhmen, Petit Italien, kein Ungarn , sondern nur Oesterreich, d. h. sich und nicht die geringste Selbstständigkeit irgend einer Nationalität, und die Herrschaft, welche die Dynastie für sich-will, ist keine demokratische, keine konstitutionelle, sondern eine hochmonarchische im Sinne jenes berüchtigten Ludwig: der Staat bin ich. Wäre bei den Czcchen der nationale Haß gegen die Deutschen nicht stärker als die Liebe zur Demokratie, zur Freiheit, und hätte sie dieser Haß nicht ganz und gar verblendet, so würden sie bei ihrer sonst gerühmten Klugheit lättgst eingesehen haben, daß gerade im Siege der deutschen Demokratie, im Siege der Freiheit, ihre Nationalität zum Siegen die Aussicht hat. Ein demokratisches, ein freies Oesterreich, würde die slavische Nationalität der Czechen frendigst der Selbstständigkeit zugesührt haben, da im demokratischen, Siege der eigenen Nationalität auch der Sieg für andere Nationalitäten liegt; denn ein wahrhaft freies Volk duldet neben steh keine Knechtschaft. "Doch verlassen wir den allgemein politischen Boden und wenden uns den jüdischer: Verhältnissen zu. Unsere Juden in einigen ihrer befähigten Mitgliedern sympathisiren mit den Ezechen, die Schwachen drängen sich zum ezechischerr Worte, obgleich sämmtlichc Juden durch und durch von dem dentschen Elemente getragen sind, mrd da jetzt dies so viel als die Reaktion unterstützen heißt, so wäre es gewiß wünschenswerth, daß sie sich ihres Thun's bewußt werden. Sie haben es seit dem März oft genug erfahren, wie das Ezechenthum gegen Juden denkt mrd handelt; die Ereignisse zu Ostern und Pfingsten sind noch in frischem Andenken, und wie unsere Stadtverordneten, unsere ezechischen Stadtbehörden stets einen russerrthümlichen Judenhaß gezeigt, wie sie bei den Wahlen, bei den exeeptionellen Stenern, bei Pöbelaufrcgungen die Gemeinheit des uneivilisirten Slaventhums hervorgekehrt, ist noch in jedermanns Gedächtniß. Nur dieser Haß hat zahlreiche Familien zur Auswanderung gedrängt, nur dieser hat es nöthig gemacht, daß ein Komite zur Unterstütznng jüdischer Auswanderer sich gebildet, daß vom Grafen Co ll ored a sogar ein eigenthümlicher Auswanderungöplau zu Tage gefördert, indem das czechische Slaventhum sich so ausschließlich cmfdrängte, daß viele dem Vaterlande den Rücken zukehrten. Nur dieser Haß hat die Juden vom Dienste in der Nationalgarde ausgeschlossen, und diese Ausschließung hat sogar unseren ehemaligen Minister Doblhof den 29. Aug. zu einer öffentlichen Mißbilligung dieser Partei veranlaßt. Nur dieser Haß hat jene niederträchtige Unordnung diktirt, welche bei der Ausschreibung der Stadtverordneten-Wahl erschienen, in welcher die Israeliten den Verbrechern gleichgestellt wurden. Darum wäre es sehr wünschenswerth, wenn die Juden sich auch in ihren politischen Ansichten klar würden und einsehen lernten, woher ihre Heil kcmrnen kann. Die ezechische Majorität des Reichstages ist es jetzt, welche die Emmicipationsfrage ans dem Bereiche der Reichstags-Thätigkcit rücken will, um sie unmöglich zu machen. Wien, im Deebr. Es ist eine merkwürdige Fü-