Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 9 (1848)
- Issue
- Heft 52 (23.12.1848)
- Date
- 1848-12-23
- Page
- Seite 407 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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407 heit der Nollssreiheit mit dem Feinde dieser Freiheit stimmen sahen , als wir sahen, daß er eifrig ein Ministerium zu stutzen bemüht war, welches offen und ungescheuet dem Volke seine heiligsten Rechte verkümmerte. Da nützte kein Reden und keine Ueberzeugung war im Stande, Mannheimer zu zeigen, daß er auf falscher Fährte sei, daß die welche er jetzt unterstützt, nie die Inden emancipiren werden, und nicht nur mußte er aus dem Munde eines seiner freundlichsten Nachbarn und resp. Politischen Gesinnungsgenossen, des Abgeordneten aus Proßnitz die schimpflichsten Ginwürfe gegen Judenemancipation ä Icl Eisenmenger Horen, (wodurch er freilich in die angenehme Lage versetzt war, in der Kammer eine oft dagewesene Predigt zu halten); sondern die wackern Mitglieder der Linken erklärten ihm geradezu: ,, durch sein Benehmen werde er es noch dahin bringen, ihren Eifer für die jüdische Angelegenheit abzukühlen." Er hatte also auf keiner Seite Hoffnung, eine Partei für sich zu gewinnen, und die Hoffnungen der Juden wären schon vor dem Oktober zu Nichte geworden, wenn die Bemühungen Mannheimers ihnen eine siegreiche Erfüllung hätte, verschaffen sollen. Erst die Oktoberrevolution brachte Mannheimer zu der Einsicht, daß die Volksfreiheit ein Gut ist, welches erkämpft werden muß, und das man nicht durch Vereinbarung mit den Volksfeinden erlangen kann. Und darum hat er sich wie wir Horen auf die linke Seite in Kremsier gesetzt. Er hat viele Sünden seit dem Monate Juli begangen, und jedes Verbrechen gegen die Volkofteiheit ist von einem Juden begangen ein doppeltes Verbrechen. Er hat daher Vieles gut zu machen. Wir wollen sehen! SchneibemKhl, 29. Nov. Der Oberpräsident von Posen, Hr. v. Beurmann, hat neulich an sämmtliche Magistratsbehörden des Großherzogthums eine Wer-- fügung erlassen, nach welcher den Vorstehern der jüdischen Korporationen kund zu thun ist, daß es der Krone durchaus nicht in den Sinn gekommen, den Juden auch nur das Mindeste von dem entziehen zu wollen', was ihnen in den Märztagcn und später verheißen worden, sondern daß im Gegentheil unser König fest entschlossen sei, seinen jüdischen Untcrthanen chie ihnen zugesicherte Gleichstellung mit ihren christlichen Mitbrüdern in politischer wie in bürgerlicher Beziehung , aufs Ausgedehnteste genießen zu lassen/) — Die Negierung von Bromberg hat neulich einen gewaltigen Rückschritt gcthan, aber diesen Fehler gleich wieder gut zu machen gesucht. Sie hatte nämlich den unglücklichen Einfall gehabt, die Juden des Großherzogthums wieder einmal in „Naturalist rte" und ,,nichtnatnralisirte" zu klassificiren, und im Bromberger Amtsblatte eine Verfügung zu 1) Die Oberpräsidial-Verfügung ist am letzten Sabbat bereits in sehr vielen Synagogen des Großherzogthums verlesen worden. . erlassen, laut welcher die „freie Uebersiedelung m die alten Provinzen " um den „naturalisirten Juden des Großherzogthnms" gestattet sein, sollte. Indem man sich hierbei auf das Gesetz vom 23. Jnli berief, war natürlich das Andenken Eichhorns und Thile's glanzvoll gefeiert. Aber ein Schrei des Unwillens und der Entrüstung erhob sich von der Brahe bis zur Obra, wie von der Küddow bis zur Proßna — und Alles was reden konnte, fragte mit Staunen und Verwunderung: ,,Wo ist die Revolution? Wo sind die glorreichen Tage des Märzes? Wo ist die Freiheit? Wo ist die Gleichheit? Wo ist Alles, was uns verheißen worden? —> Oder ist das alte Reich wieder zurückgekehrt ans dem Schooße der Ewigkeit! Sind die Todten anferstanden ans ihren Gräbern mnd hat das Gespenst des „ christlichen Staats" wieder angefangen zu wandeln unter den Kindern Borussia's, sie schreckend in der gräßlichen Larve von Taddeubrigtaffia?" — So sprach und schrie man durcheinander. Aber beim Zungenspektakel allein durste es nicht bleiben. Auch die Gänsc-Waffe mußte aus der Scheide, und man fing an zu schreiben und schrieb Petitionen und Beschwerden so zahlreich wie der Sand am Meere. Man schrieb an einzelne Dcputirte wie an die ganze preuß. National- Versammlung, an das Staats- Ministerium, an den deutschen Reichstag, an den Oberpräsidenten der Provinz, an die Regierung von Posen und endlich an die Regierung von Bromberg selbst. — Darauf vergehen noch 14 Tage und siehe da! im Bromberger Amtsblatte ist eine zweite Regierungs-Verfügung zu lesen, durch welche die erstere oben erwähnte bis auf Einen gewissen Punkt aufgehoben, i. e. widerrufen wird/) — Die Masse ist beruhigt. Aber cs giebt gewisse Leute, die sich bei dergleichen Vorfällen nicht so leicht beruhigen können, und von diesen Leuten mag wohl so mancher an Chamisso's „Tragische Geschichte" gedacht haben, wo es n. a. heißt: Da dreht er schnell sich anders 'rum, 's wird aber noch nicht besser dr'um — Der Zopf verhängt ihm hinten! In unserem nächsten Schreiben wollen wir Ihnen mit noch einigen Zopf-Geschichten aufwarten. Für heute Gott befohlen. Weyl. Breslau, 10. Dec. Ich theile Ihnen hier folgenden, in unserer Zeitung erschienenen Aufruf mit, da er zur Geschichte unserer Gemeinde gehört. Er lautet: An u u ser e hiesigen G l au b e n s b r ü d er. Unsere hiesigen Gemeinde-Verhältnisse haben sich in 2) Wie uns später zu Ohren gekommen, war jene Verfügung, die unter den Juden so viel heißes Blut gemacht, nichts anderes als ein Kind des „Mißverständnisses." — Nun da haben wirs. — . 3) Auch über die Gemeinde-Angelegenheit unseres Departements sollen die Leser des Orients nächstens so manche interessante Mittheilnag erhalten. 52 *