Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 9 (1848)
- Issue
- Heft 52 (23.12.1848)
- Date
- 1848-12-23
- Page
- Seite 406 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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- 406 - DeulftMyd'S vereinigte Staaten. Wien, 12. Dec. Bevor das welterschütternde Jahr 1848. sein.gewaltiges riesiges Eisenthor hinter der zmückgelaKen gaffenden Menge zuschlägt, um den langen Schlaf der Ewigkeit zu schlafen, können wir nicht umhin, und mit uns jeder, auszusprechen, daß die Stellung der Juden in Deutschland eine ganz andere geworden, als sie früher war. Was Rabbiner und Prediger nicht vermocht, was Juristen und Reformer nicht vermocht, das hat der gewaltige Schlag zu Stande gebracht, durch den das erwachte deutsche Volk die Fesseln sprengte, die es so lange in Knechtschaft gehalten. Die Emancipation, diese Sehnsucht aller Juden, ist im deutschen Parlamente, ist in fast allen deutschen Kammern proklamirt, und sogar der König von Preußen, dieser lutherische Phantast, dieser Stützpunkt des christlich-germanischen Staates vom Jahre 1846, kann nicht umhin wiederholentlich den preußischen Juden die königliche Versicherung auszusprechen, daß an ihren Rechten nichts geschmälert werden sott. Es kann heute nicht unsere Aufgabe sein , die Zufälligkeit oder realistische Nothwendigkeit dieser so großartigen Umwälzung nachzuweisen, jeder Denkende wird, von der historischen Thatsache des Jahres 1848 durchdrungen, in dieser Umwälzung den Sieg der philosophischen Entwickelung in Deutschland erkennen; wir wollen aber die Aufmerksamkeit der Denker auf unser Land, das sogenannje Oesterreich, mit seiner korrumpirten Negierung und seinem buntscheckigen Reichstag, in deren Grundrechte, die die Kommission dem Reichstag verlegt, cs heißt, „die Judcnemancipation wird von den Provinzen erst zu bestimmen sein.^ Abgesehen, daß der Reichstag durch diesen Ausspruch eine gewaltige Blöße seiner Souveränität gibt, indem er die Verantwortlichkeit einer Handlung nicht zu übernehmen wagt, gibt er der Regierung Gelegenheit, liberaler zu sein,, als -— die Volksvertreter, und spaltet das ohnedies zerfetzte Oesterreich in noch mehr Theile. Noch eine Nationalität! Eine andere Frage ist, darf der Reichstag juridisch, nachdem dasösterreichische Volk Juden in denselben gewählt, wodurch es doch unzweideutig zu erkennen gegeben, daß es Vertrauen zu ihnen besitzt, daß sie weise und gute Gesetze für das Volk machen werden, diese Frage unentschieden (affen? Wir antworten: Nein. Der Reichstag zu Kremsier ist verpflichtet, in dieser wichtigen Angelegenheit sein entschiedenes Votum abzngeben, unbehindert der zu befürchtenden Volksstimmen in der einen oder andern Gegend; er ist dies verpflichtet behufs seiner Kompetenz l Zunächst wird es aber, nunmehr die Angelegenheit so schwankend steht, Beruf der jüdischen . Abgeordneten im Reichstage sein, eine Entscheidung auf jede mögliche Weise, unter allen Befürchtungen und Voraussetzungen herbeizuführen, und diese Seite ist es gerade, von der wir uns die wenigsten Hoffnungen machen können. , ... In Krcmsters Parlamente sitzen bekanntlich vier Juden, von denen einer ein Pole und ganz unzurechnungsfähig ist, die HH. Fi sch h o f, G o ld m ark und M an n h e i m er.. Die ersten zwei, Männer der Revolution, sitzen seit ihrem Eintritt auf der linken Seite im Reichstag und stehen mit ihrer ganzen Anschauungsweise auf dem Höhepunkte der Zeit, und ihre Intelligenz haben ste aus dem reichen Schatz der deutschen Bildung geschöpft, so daß sie die Forderung der Zeit erkennend und mit jugendlicher Frische erfassend, in allen Fragen die Interessen des Volkes vertreten und verfechten. Es steht aber zu befürchten, daß sie gerade m ihrer eigenen häuslichen Angelegenheit, die bescheidenen demuthövollen Zuhörer sein werden, wie irgend ein Slovake oder ein kleingcistiger Beamter zum Hohne des deutschen Fortschrittes die Nothwendigkeit der Judenemaneipation in Abrede stellt. Da sind nun alle Hoffnungen und Wünsche der österreichischen Juden auf Mannheimer gerichtet. Mannheimer wurde von einer galizischen Stadt, von Brody gewählt, eine Stadt, die unter jeder Bedingung einen Juden gewählt hätte, weil die überwiegende Majorität ihrer Einwohner aus Juden besteht; sie wählte Mannheimer, den Mann mit dem Rufe seine ganze Vergangenheit dem Wohle der Juden geweiht zu haben. Wie wird nun Mannheimer diesem Wunsche der österreichischen Juden entsprechen? Wenn wir einen Blick in die Vergangenheit dieses Predigers, jetzt Abgeordneten, werfen, so st'nden wir ihn zur Zeit als den menschlichen Kräften ein engerer Wirkungskreis zugemessen war, immer in den Reihen der Unentschiedenen, Unentschlossenen und Halben. Nie vermochte er" es mit einer Idee zu brechen , immer war er der Schwankende, der Vermittelnde. Diese verknöcherte Anschannngsweisc eines halbessieiellen Vermittlers brachte Mannheimer in die Kammer mit und die mächtige Umwälzung des Märzes hatte seine Phantasie wohl in Staunen versetzt, sie vermochte aber nicht die geringste Erstarkung m seiner Gesinnungsrichtung nach der einen oder andern Seite hin hcrvorzübringcn. Daher nahm er seinen Sitz im Centrnm des Reichstages, wo sie da sitzen alle die Unentschiedenen und Schwankenden, von .dem kaiserlich-königlichen Ministerium mit dem ganzen Beamtenzopf bis zu dem großen Feldherrn der polnischen Bauern am Reichstage — Stadion. Wir hatten alle Hoffnungen auf Mannheimer anfgegeben, als wir ihn das erste Mal da sitzen sahen. Es war uns klar geworden, daß dieThatsachen des Jahres 1848 spurlos an ihm vorübergegangen sind, und daß jene beschränkte- Anschauungsweise von Judenemaneipation dieselbe geblieben ist, die sie früher war. Diese Ueberzeugnng steigerte sich in uns, wir gestehen es offen, zu einem hohen Grade der Entrüstung, als wir Mannheimer in jeder Angelegen-