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Der Orient · 1848-12-16 · Heft 51 (16.12.1848) · p. Seite 400

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Journal
Der Orient
Volume
9 (1848)
Issue
Heft 51 (16.12.1848)
Date
1848-12-16
Page
Seite 400 (sequence 7)
Language
German
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400 Stadt und Universität mit einer scharfen und wie mir Männer von Fach versicherten, mit geistreicher, glücklicher Kritik gegen dessen Schriften auftrat, welche ihm daS Verbot einer zweiten angekündigten Vorlesung in diesem Sinne zuzog. Im Redeübungsvcrcin führte er vor Jahrein schon einen entschiedenen Vernichtungskampf gegen jene „ Halbheit" des süddeutschen Liberalismus von Anno 30, welchen wir jetzt in seiner Verflachung durch Welker, -Wassermann u. A. in Frankfurt erbleichen sehen. Dieses Kämpfe und zum Schluß eine Kontroverse mit Wislieenus gegen die „Oberflächlichkeit" des Rationalismus veranlaßten ein entschiedenes Aussprechen von seiner Seite. Er wird im Winter 184? ausgewiesen. Er geht nach Berlin, hält da 2 fulminante Reden in einem Kongresse der jüdischen „Reformgelrossenschaft", in welchem er auf eine radikale Kritik der Religion dringt, und ferner einen öffentlichen Vortrag über Staatswirthschaft — und wird ausgewiesen. Auf seiner Durchreise durch Leipzig wird er des andern Morgens aus dem Bette geholt und veranlaßt schneller in seine Heirnath zurückzukehren, wo man ihm den Eintritt in Wien von Polizeiwegen verweigert, biö die Märzrevolution eintritt. Jetzt schreibt er eine kleine Broschüre, deren Anfang, welcher als Markstein zwischen seinem Aufenthalt in Sachsen und Oesterreich hier einen Platz verdient, ich Ihnen mittheilen will. Er sägt: „Ein aus Leipzig und Berlin vertriebener Schriftsteller spricht zu Euch: Ich habe das Verbrechen begangen, daß ich mich dem großen Zuge deutscher Entwickelung und Kritik selbstständig angeschtossen habe, daß ich diejenige Kritik weiter geführt, welche durch Hegel eingeleitet wurde." Durch diese Broschüre wird der Redakteur der allgemeinen österreichischen Zeitung Hr. v. Schwarzer, nachmaliger Minister, den er früher schon in Berlin kennen gelernt hatte, auf ihn aufmerksam und übergibt ihm die Hauptmitarbeiterschaft an seiner Zeitschrift, womit diejenige seiner Tätigkeit, nachmals im „Radieaten" fortgesetzt, beginnt, die ihm daS Leben kosten sollte. Nichts vermochte ihn von dem Auösprecheu seiner Ueberzeugung abzubringeu. Er lehnte eine ihm vom Minister Schwarzer angebotene Ministersekretärstclle ebenso entschieden ab, als er unbeugsam von dessen Blatte zuri'rcktrat, nachdem jener auf die Arbeiter hatte schießen lassen, sowie er den Anträgen Doblhof's auf Gründung eines Ministerblattes zurückwies, indem er ihm eine Professur der Philosophie an der Wiener Universität zu sagte. Hier dürste der Ort sein, Ihnen eine Uebersicht seiner Schriften zu geben, die wir von ihm als Erstlingsgaben besitzen. Der Einblick in dieselben zeigt, wie viel noch von diesem Ricsengeiste zu erwarten gewesen wäre, wenn ihm ein Leben zmn Arbeiten geblieben wäre — aber man hat ihm dieses Leben früh abgefchnitten. (Die Schriften wurden in der vor. Nr. aufgezählt. Red.) Ueberall finden Sie die Sprache originell wie die Gedanken; auf den Vorwurf der Unklarheit seiner Ausdrucksweife antwortete er: Eine neue Anschauungsweise bedürfe einer neuen Sprachform. Überhaupt pflegte er verschiedene stereotype Redensarten zu gebrauchen, deren einige ich, weil sie charakteristisch sind, anführen will. Sie werden-sie selbst zuweilen von ihm gehört haben, „der Mensch muß erklärt, der Mensch muß noch entdeckt werden. Die Leidenschaften dürfen nicht ertödtet werden." Er sprach sich gegen S ti ch werte aus, womit man ganze Kategorien mit einer Redensart abgethan haben will. „Die Naturwissenschaft muß erschöpft werden." - Als Schlüssel zu diesen Stereotypen mag ein Motto dienen, welches er einer Einleitung seines größeren Werkes vorsetzt: „Die Epoche der reinen Erkenntniß beginnt gegenwärtig. Die Erkenntniß der Vergangenheit und die Darstellung der menschlichen Leidenschaften sind, die Elemente, woraus praktische Zustände entstehen werden." Stets hatte er für Wahrheit und Recht geschrieben, nur darum wurde er und' sein Freund Becher hingemordet; aber nicht blos dieser, nicht btoö Blum, viele, viele Helden der Freiheit sind gefallen; ja Wien ist gefallen und hat die deutsche Freiheit unter seinem Fall begraben. Wie konnte das kommen? Wie war es möglich, daß ein so großer Kampf, so lange hinausgezogen, Angesichts Deutschlands verloren gehen konnte; wie ist es möglich, daß alten Gesetzen, aller Menschlichkeit zum Hohn mit blutdürstiger Wollust mit dem thenersten Leben gespielt wird? Ich sende keine Flüche nach Wien auf die Häupter jener Grausamen; dort liegt nicht der Schaden, hier in Deutschland, in uns selbst liegt er tief, sehr tief. Ich habe es Ihnen oft in diesem Saale während des Wiener Kampfes Zugerufen: die 45 Mill. Deutsche dürfen nicht warten, daß das große Wien von den 4 Millionen Magyaren gerettet werde. Die ^deutsche Freiheit durch Magyarische Hilfe! Hilfe von einer kleinen Nation, die im Innern zerrissen, nach allen Seiten ()m von Verrath und Feinden umgeben, selbst im Kampfe für eigene Freiheit zu erliegen drohet; aber dieses Volk kämpft wenigstens — was hat Deutschland gethan? Jener heroische, verzweifelte Kampf, er wurde geführt mit einem geschichtlich seltenen Heldenmuthe, und Deutschland — interessirte sich lebhaft für die Zeitungsnachrichten. Die in Wien verlorne deutsche Sache hat Berlin ausgenommen und man sieht da eine edle Vertretung krampfhaft ringen mit dem sich gesetzlich bewaffnenden Unrechte — das deutsche Volk sieht es ruhig mit an. Die Dichterposaune schmettert: ,,O Deutschland ein Erheben, o Deutschland eine That" — aber Deutschland erhebt sich nicht, Deutschland thut keine That. Nichts vermag cs zu rütteln aus seinem tiefen, sieben-

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