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Der Orient · 1848-12-16 · Heft 51 (16.12.1848) · p. Seite 399

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Journal
Der Orient
Volume
9 (1848)
Issue
Heft 51 (16.12.1848)
Date
1848-12-16
Page
Seite 399 (sequence 5)
Language
German
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399 - ihrem letzten Gange zusammengeführt, nachdem sie bei ihrem Begegnen im Leben sich streng geschieden, ja bekämpft haben. Sie erinnern sich noch der Kämpfe Jellinek's gegen Blum. Sie kämpften aber nur ob der verschiedenen Mittel und Wege zum gemeinschaftlichen Ziele. Daß aber dieses Ziel ein gemeinschaftliches und großes gewesen, zeigt sich daraus, daß sie gemeinschaftlich den Tod da gefunden, wo es galt den letzten, den größten Kampf zu fuhren, wo es galt diesen Kampf mit dem Leben zu bezahlen. Und er hat meisterhaft gezielt, der Henker! Was die Henkersknechte nicht verstanden, das verstand der!§>enkermeister. Er wußte Sinn zu bringen in den Mord an den Kämpfern für die Einheit und Freiheit Deutschlands. Der Schuß ging durch Herz und Kopf. Durch das Herz, den Sitz des Gefühls, der Liebe, den Urquell der Einheit, durch den Kopf, den Tempel des stolzen Geistes, der nach Freiheit ringt. Der Sohn Oesterreichs fiel für Deutschland, denn er kämpfte für das Deutschthum, wie Ihnen folgende Stelle aus seiner ,Kritischen Geschichte. der Wiener Revolution" beweisen mag: ,,Jch, der ich mit allen Fasern meines Geistes an Deutschland hänge, weil ich es kenne — schreibt er S. 47 —- ich würde mich schämen in Wien zu sein, ohne den entschiedensten Protest gegen die Wiener Barbarei einzulegen. Man schließe sich in Wien immerhin ab, man ziehe eine neue chinesische Mauer um Oesterreich, daß ja kein deutscher Gedanke eindringe: Deutschland wird sich zu trösten wissen. — Deutschland kann von Oesterreich Nichts lernen, dagegen versumpft Oesterreich geistig, wenn es sich von Deutschland abschließt." — Sein ganzes Leben war ein Kampf mit den äußern Mächten des Schicksals. Auf allen Gebieten menschlichen Wissens war er. heimisch, denn sein Geist trieb nach Erkenn tniß der Wahrheit. — Ausgewiesen von Leipzig und Berlin kehrte er in sein Vaterland «zurück und pflanzte in Wien die Fahne des deutschen Geistes auf. Nichts konnte ihn von seiner Ueberzeugung abbringen, obwohl es an materiellen Verlockungen nicht fehlte. Hermann Jellinek war in Oesterreich geboren, in dem Dorfe Dierslowitz, bei Ungarisch-Brod in Mähren, im Februar 1822. Noch zwei Monate' und er hatte das 26. Lebensjahr erreicht! — Vier Jahre alt entriß ihm der Tod eine zärtliche Mutter, ohne deren sorgliche Psiege er nun sich selbst überlassen war; denn den Vater entzog dem Familienkreise die Sorge um das tägliche Brod, welches der geknechtete österreichische Jude mit dem Schweiße seines Angesichts dem harten Schicksal unter noch härter» Ausnahmegesetzen abringen mußte. Aber der begabte Knabe entging den Gefahren der unbewachten Kindheit; den Kinderspielen entzog ihn ein ernstes, nachdenkliches Wesen, begleitet von einem inneren Feuer und nie rastender Lernbegier, die aber bei der Mangelhaftigkeit der ländlichen Unterrichtsanstalten wenig Nahrung fand. Erst in seinem 13. Jahre wurde er durch Beispiel und Unterricht von seinem altern, jetzt hier lebenden Bruder dem Sprachenstudium zugeführt, in welchem Jahre er nach Proßnitz (dem Geburtsorte Messenhausers, mit welchem er ein gleiches Lebensende theilt) kam, und von diesem Zeitpunkte beginnt erst seine eigentliche Entwickclungsgeschichte. Ich kann Ihnen keine lange Geschichtserzählung über ein Leben geben, daS vom 13. bis ins 25. Lebensjahr geht. Die kurze Spanne Zeit, die ihm nur das Schicksal zum Leben gegönnt, kann nicht viel Erlebnisse umfassen. Der Historiograph hat hier wenig Stoff, desto mehr aber der Psycholog. Ich überlasse es der Literaturgeschichte hier ihre Aufgabe zu lösen, diesem originellen Geiste in feiner Entwickelung zu folgen, und beschränke mich darauf äußerlich blos das Werden, Sein und Schaffen desselben in dem engen Zeitraum von 12 Jahren zu zeichnen. — Wie er die Gelegenheit zu Sprachstudien benutzte ergeht daraus hervor, daß er von seinem 13. Jahre an mit so riefenmäßigem Fleiße gearbeitet, daß er in seinem 18. Jahre deutsch, französisch, italienisch, englisch, lateinisch, griechisch und hebräisch verstand. Etwas Slavisch verstand ec als die Sprache des Landvolkes. In seinem 17. Jahre führte ihn der Drang nach Wissen nach Prag und hier unter den schwersten Entbehrungen, im Kampfe mit Hunger, Kälte und — orthodoxen Anfeindungen — studirte er Geschichte und Philosophie (mit Vorliebe Kant). Im 13. Jahre schon faktisch gegen die Lasten des orthodoxen Glaubens protestirend, ging er kritisch gegen denselben zu Werke, schrieb einige theologische Abhandlungen, die er aber bald mit mehren in Jugendfeuer geschriebenen Gedichten verbrannte. Er wollte nur der ernsten und der freien Forschung leben und abgcstoßen von dem österreichischen Druck trieb es ihn nach Leipzig. An der sächsischen Grenze lernte er auf diesem Wege in die Fremde die Chikancn des Paßpolizcistaats kennen, welche bis an sein Ende an ihm nagen sollte. Hier nährte er sich Anfangs von Unterricht, welchen er aber durch einen Konflikt mit dem Oberrabbiner Frankel, wegen seiner religiösen Ueberzeugung, bald aufgeben mußte. So wieder unter Entbehrungen, oft in Hunger, studirte er emsig Philosophie, Geschichte, Theologie, Naturwissenschaft, später auch Staatswisscnschaft durch volle fünf Jahre und machte sich namentlich in der Literatur des Mittelalters, der Scholastiker sehr heimisch und trat bald mit Bruno Bauer in Verbindung. Sein hervorragendster Charakterzug war: eine eiserne Konsequenz im Denken und Handeln.* Sie erinnern sich noch, wie er bei Gelegenheit der Leibnizbegeisterung hier gegen ') Der Auditor. 51

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