Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 9 (1848)
- Issue
- Heft 50 (9.12.1848)
- Date
- 1848-12-09
- Page
- Seite 391 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2360092-2360526-2360577--6657-3534661- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
- 391 - größten Entbehrungen beschäftigte er sich mit philosophischen, historischen, theologischen und naturwissenschaftlichen Studien, und das ersehnte Ziel seines Strebens war stets, den Schleier von der Wahrheit zu lüften. Göthe's „Faust" und Spinoza'§ Schriften'waren seine Lieblingslektüre, und er stand im Begriffe, eine Schrift über Spinoza in Berlin herauszugeben, als er die Stadt der Intelligenz verlassen mußte. Von Paulus sprach er stets mit der größten Ehrerbietung, und die inneren Kämpfe seines Geistes zerrütteten seine Gesundheit. Die deutsche Wissenschaft war sein heiligstes Gut und den Beweis seines staunenswerthen Wissens und seines scharfen, kritischen, Geistes lieferte er in dem ersten Bande seines Werkes: ,,Die religiösen, socialen und literarischen Zustände der Gegenwart" (Zerbst, 1847). Bevor er Leipzig und Deutschland verlassen , schrieb er noch mehrere Schriften, die seine Biographie näher schildern wird. Die Liebe zu Deutschland und zum deutschen Geiste nahm er mit nach Wien, wo er ununterbrochen für den innigen Anschluß an Deutschland schrieb, und den Wienern den deutschen Geist in seinem ganzen Reichthum schilderte. Seine leitenden Artikel in der Allg. Öesterr. Zeitung und im „Radicalen" zündeten wie Blitze in den besten Geistern Wiens, und B orrosch ging oft mit ihm um. Als Schwarzer Minister wurde, bot er Jellinek eine Stelle als Sekretär im Ministerium an, die er, als mit seiner Überzeugung nicht übereinstimmend, ausschlug. Wahrheit und Gerechtigkeit waren die Ideale seines Lebens, der deutsche Geist die Quelle aus der er schöpfte, und diesem Geiste opferte er auch sein Leben. Er starb in einem Alter von 26 Jahren. Möge sein Geist fortwirken in der Geschichte! . Leipzig, 29. Nvbr. Gestern Abends wurde in der Wochensitzung des d e ul scheu Vaterlandsvereins des durch Windischgratz gemordeten Hermann Jellinek auf eine höchst feierliche Weise gedacht. Es hatten sich mehrere hundert Menschen versammelt — als Hr. M. Ko Huer, ein thätiges Mitglied des Vereins, die Tribüne bestieg und die Gedächtuißrede auf Jellinek hielt. In lebendigen und kräftigen Worten schilderte er die Größe des Verlustes für die Freiheit und die freie Wissenschaft, die Tyrannei der Wiener Henkersknechte, das großartige Seelenleben, den Kantpf, die innere Entfaltung des Gemordeten. Tief ergriffen war die ganze Versammlung, eine feierliche Stille herrschte im großen Saale, als der Präsident Dr. Kramer das Wort ergriff, das Schandrecht des österreichischen Standrechts schilderte , die Versammlung aufforderte, den Kops zu entblößen und zu Ehren des Gemordeten sich in corpore jü erheben, und stehend einen „Nachruf an Hermann Jellinek" anzuhören. Hierauf trug Prof. Flathe den Nachruf vor, der also lautete: So ftehft auch Du in lichten Reih'n Der blutigen Gestalten, Die uns zum großen Kampfe weih'n, Und die ein'gotterfülltes Sein, Ein wunderbares Walten In ihres Todes Heil'genschein Vor unserm Blick entfalten! Du edles jugendliches Haupt, Das Mörderhand zerspalten — Was Du geschaut, was Du geglaubt, Das wird die Zeit erhalten! Dich brannte tief das Wundenmal Der Knechtschaft und der Lüge, Du sahst im fernen Ideal Der Wahrheit ew'ge Züge: Da rang in Dir geheimnißvoll Die Seele des Propheten —- Dein dunkles Wort, es wuchs und schwoll Die Lüge zu zertreten! Nun lodert uns Dein Seherspruch In siammenreiner Klarheit: Und Deinen Segen, Deinen Fluch Erstickt kein blutig Leichentuch — Es ist der Ruf der Wahrheit! Der Ruf, der zu uns tröstend spricht: Verzweifle nicht, verzweifle nicht, Wenn jedes Recht der Lieb' und Pflicht Dir ein Tyrann, und Henker nimmt! Wenn unter ehernem Gewicht Dein Drang nach Freiheit und nach Licht Sich wie ein Wurm im Tode krümmt, Verzweifle nicht, verzweifle nicht! Der ganze Akt machte den tiefsten Eindruck auf die Versammlung, die aus allen Klassen der Gesellschaft zusammengesetzt war. Wien, 26. Nvbr. Der berüchtigte Endlich, das Dintcnfaß der Reaktion, ist ein so merkwürdiger Judenfresser, daß es der Mühe lohnt, seine Lebensweise näher zu schildern. Seine Kleidung dürfen nur christlich gläubige Hände verfertigen. Der Kaufmann, von dem er Tuch und Zeug kaust, muß ihm einen Schein ausstellen , daß lueder die Wdlle von jüdischen Schafen, noch das Tuch durch mosaische Hände verfertigt worden. Der Schneider muß ihm eidlich geloben, mit keinem jüdischen Zwirne, keiner jüdischen Nadel, keinen jüdischen Gesellen arbeiten zu lassen. Milch trinkt er nur von christlichen Kühen, und Fleisch ißt er nur von christlichen Ochsen. Des Morgens, wenn er aus dem Bette steigt, spricht er einen Fluch gegen die Juden aus, und mit einem Fluche über Israel schließt er die Augen. Bei dem Anblick eines Juden bekreuzigt er sich, und kommt er in ein Kaffeehaus, so richtet er an den Kellner die Frage, ob hier nicht ein Jude gesessen habe. Er nimmt keine Zeitung in die Hand, die früher ein Jude berührt hatte, und die Feder, mit der er seine giftigen, albernen Artikel schreibt, wird zuerst in Weihwasser getaucht. Um seine frommen Gefühle stets wach zu erhalten, hat er zu Haufe einen kleinen Mar errich- 50*