Mannheim
Compact Memory

Der Orient · 1848-12-09 · Heft 50 (9.12.1848) · p. Seite 390

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Orient
Volume
9 (1848)
Issue
Heft 50 (9.12.1848)
Date
1848-12-09
Page
Seite 390 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2360092-2360526-2360577--6656-3534660
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

- 390 23. Nov. Becher und Jellin ek sind heute früh erschösse n worden. Die kriegsrechtliche Verhandlung, die erst gestern begann, war schnell geendet. Die Verurtheitten zeigten Entschlossenheit und Muth. Sie bewohnten zuletzt Ein Zimmer. Jellinek schrieb bis 2 Uhr. Nachts an Vater, Brüder und Braut, die er zurückläßt. Hiernach und nach mündlichen Aeußerungen, die von ihm vernommen, hielt er seinen Fall für einen ganz eigenthümlichen, indem er den Tod nur durch Schreiben verschuldet, und hierbei die Angriffe auf'die Dynastie, die ihm das Todesurtel zugezogen, nur als gefolgert ansah/. Er dachte durch sein Leben wie durch seinen Tod , und nicht minder durch nachgelassene Schriften nicht spurlos in der Geschichte der Menschheit zu verbleiben, und der Gedanke, daß Individuen mächtig in deren Gang eingegriffen, stärkte ihn sichtbar in den letzten Augenblicken. Er verweilte hierbei vorzüglich bei Christus und Spinoza, und die Doctrin des Letztem war seine Religion, wiewohl er sich äußerlich zum Judenthume bekannte. Er war des Glaubens, für Gerechtigkeit und Wahrheit den Tod zu erleiden. Dasselbe Blatt vom 28. berichtet: Wien, 24. Nov. Erst durch den „Wiener Geschäftsbericht und Neuigkeitsboten" und durch das „Fremdenblatt" erfuhren wir, worüber man seit gestern Morgen in Wien sehr viel und. auch nicht allzu .leise spricht: die. Hinrichtung Bech er's und Jellinek's. In letztgedachtem Blatte heißt es: Alfred Julius Becher, gebürtig aus Manchester in England,' 45 Jahre alt, protestantischer Religion, Witwer, Doktor der Rechte, und Hermann Jellinek, gebürtig aus Ungarisch-Brod in Mähren, 25 Jahre alt, israelitischer Religion, ledig, Doktor der Philosophie. Ersterer verantwortlicher Redakteur und Verleger, Letzterer Mitarbeiter der politischen Zeitschrift „Der Radicnle", wurden zufolge kriegsrechtlichen, durch Stimmenmehrheit geschöpften Urtels vom 22. d. M. wegen hochverrätherischer Aufwiegelung des Volks zur bewaffneten Empörung und Widerstand gegen die k. k. Truppen zum Todo mit dem Strange verurtheilt und gestern Morgens 7 Uhr im Stadtgraben vor dem neuen Thor erschossen. Die Wiener Zeitung beobachtet in ihrem gestrigen Abend- und heutigen Morgcnblatt ein auffallendes Schweigen über dieses Ereigniß. Entrüstung äußerte sich in ganz Europa, als Napoleon im Jahre 1809 den Buchhändler Palm aus Erlangen zu Braunau erschießen. ließ, und bis zu seinem kahlen Felsen hin hat ihn dieser Schrei begleitet. Es ist mir nicht erinnerlich, daß sich seitdem Aehnlicheö ereignet hat, nicht einmal 18i5 unter den Bourbons. Würde ich mich aber hierin irren, so böte doch der vorliegende Fall noch allzu viel Eigentümliches, um sich irgend einem andern an die Seite stellen zu lassen. Becher und Jellinek hatten keine Proklamationen erlassen, sondern nur Journalartikel geschrieben, allerdings in einem Tone, der nicht nur den Anhängern, der reinen, sondern auch der gemäßigten Monarchie im höchsten Grade misfätlig sein mußte, und auch noch zur Zeit, als die'Preßfreiheit bereits aufgehoben und das Standrecht für den unerlaubten. Gebrauch derselben von dem Fürsten Windischgrätz erklärt worden war. Es ist auch gar nicht daran zu zweifeln, daß das Kriegsgericht, von der Prämisse der letztgedachten Akte ausgehend, hier wie in allen Fällen nach formellem Recht gesprochen haben mag. Nur über den Nechtsboden selbst, aus welchem diese und andere Btutquellen hervorgesprudelt sind, ließen sich ein paar Worte sagen. Der Reichstag hatte die Akte des Fürsten Windischgrätz als ungesetzlich erklärt, und der Gemeinderath hatte diese Erklärung promnlgirt; war also irgend ein Verbrechen begangen worden,, so war es das: nicht die Machtvollkommenheit des Reichstags als obersten Kassationshof/ nicht die Verkündigungen der zunächst stehenden Behörde in Abrede gesetzt zu haben. Denn wenn die Berechtigung hervortritt, von einem Akt keine Notiz zu nehmen, der von der gesammten VolkSrepräseutation und 'von derjenigen Wiens insbesondere desavonirt worden war, so konnten die Preßvcrgchen Becher's und Jellinek's blos an die gewöhnlichen Preßgerichte gewiesen werden. Und dabei taffen wir den Umstand ganz unberührt, daß jene Autoritäten, mochte ihre Kompetenz de jure bestritten werden oder nicht, faktisch im Besitze der Macht waren. Weit konsequenter erschien es, über den gesantmten Reichstag und als Appendix über den Gemeinderath das Anathem ausznsprechen, denn diese haben nach den vorliegenden Begriffen in corpore rebellirt, und die Andern sind eben nur nachgetreten. Wo hat man jemals selbst unter dem Militär, das hier zu Gerichte sitzt, vernommen, daß inan die rebellischen Trommelschläger und Pfeifer uiederschießeu läßt, während Generale und. Hauptleute, die das Trommeln und Pfeifen gut geheißen, frei ausgehen? „Anders sinket und steiget die Wage des Richters und Vien scheu", sang schon Klopstock. Das-Leipziger Tageblatt schreibt: Dr. Her m a n n I e l l i n c k. „Wir muffen heute klar sprechen, und sollten diese Werre unser eigenes Testament sein. Wohlan: wir machen es freudig, weil das Mensch» tiche Leben nur Werth hat in einer freien Gesellschaft, und keineswegs in einer von Despoten geknechteten." Hermann Jellinek im „Radialen" vom l9. Oktober 1848. Dr. Her m a n n Jellinek, der am 23. d. M, als ein edles Opfer der Freiheit in Wien gefallen (er wurde, gleich Blum u. A., auf Windischgrätz Befehl erschossen!), hatte seine Studien an der hiesigen Universität vollendet. Professor Weiße hatte Anfangs den größten Einfluß auf dessen tiefsinnigen kritischen Geist, der unaufhaltsam die Wahrheit auf jedem Gebiete des Wissens zu erforschen strebte. Im Kanrpfe mit den

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.