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Der Orient · 1848-12-02 · 49 (2.12.1848) · p. Spalte 769-770

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Journal
Der Orient
Volume
1848
Issue
49 (2.12.1848)
Date
1848-12-02
Page
Spalte 769-770 (sequence 5)
Language
German
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769 Kritiken. P inner. Goldenthal. 77« der Form, in der Anlage und in der Ausführung daran auszusetzen sein mag, diese-Schrift, die er gleichsam aus der Fülle seiner Erfahrungen extemporirt oder so zu sagen aus dem Aermel geschüttelt, ist entschieden das Beste, Nützlichste und Lesenswertheste, was er bis jetzt geschrieben, weil sie für das Leben belehrend, für die Zukunft vorbereitend und doch unterhaltend ist, und Niemand diese Schrift ohne Befriedigung aus der Hand legen würde. Wir wollen versuchen, hier eine Uebersicht der Schrift .vorzuführen. Die Schrift ist dem deutschen Parlamente, das in Frankfurt a. M. tagt, gewidmet, und es erfolgt daher dieser Widmung eine Ansprache an das Parlament, in begeisterten edlen Worten, wie man sie in den ersten Freiheitsmonden nach dem März allenthalben vernommen. Seltsam klingen jetzt die Worte: „Euer hoher Beruf ist, die Freiheit der Völker zu ordnen, sie gegen alle Re a kt i o n Sv e r su ch e zu sichern, und alle Mittel, die ihnen verderblich werden können, für immer zu vernichten", da bekanntlich die Reaktionsversuche gerade jetzt von dieser Versammlung, die zur Reichspolizei geworden, ausgehen. Dann folgt eine Ansprache an die Nationen Europa's, die völlige Gleichstellung der Juden betreffend; diese Ansprache ist eine tief ergreifende Herzensergießung, die zuweilen wohl in Bezug aus die Form stört, im Ganzen jedoch immer gewinnt und einnimmt. Hierauf folgt eine Ansprache an die Stände Norwegens, um'Aufhebung des Passus im zweiten Paragraphen des Grundgesetzes, wo es heißt: „Allen Juden ist der Eintritt in das Land verboten", bittend. Alles dieses bildet nur ein Anhängsel und eine Zugabe zum eigentlichen Buche, und im Ganzen genommen wirken sie auch störend aus das eigentliche Thema. Das Buch selbst beginnt mit dem Aufsatze: „Die politische Stellung der Juden in allen Staaten seit den ältesten Zeiten bis jetzt" , welcher Aufsatz eigentlich den Kern des Buches bildet. In diesem Aufsatze giebt Hr. P. zuerst allgemeine Betrachtungen aus der altern Geschichte, die politischen Stellungen der Juden betreffend, er schildert einige Momente aus der frühern Geschichte, aus dem Leben unter den oft- und weströmischen Herrschern, von den judenfeindlichen Kirchenvätern, von den nichtswürdigen zum Christenthum bekehrten Kaisern, von den Juden in Ostafien (.China, Indien), von ihrer Lage unter Gothen und Mauren, unter den deutschen Kaisern und im christlichen Spanien rc. bis auf die neueste Zeit herabreichend. Ader von dieser allgemeinen Betrachtung streift der Verfasser zu den letztenEmancipationskämpfen in Europa nach den einzelnen Ländern, ohne Absatz, ohne Abschließung, so daß man wohl hie und da Einzelnes erfährt, aber keineswegs ein ordentliches Bild erhält. An einen Geschmack oder an ästhetischen Takt in der Darstellung, an eine Logik in den erzählten Dingen ist nicht zu denken, alles in diesem Buche ist in einander gemengt wie in einer Trödelbude und daher kommt es, daß auch das Erlebte und Erfahrene von geringem Werthe erscheint. Da wir jedoch gar keine ähnliche Schriften haben, so müssen wir solche, wie sie sich auch gegen den deutschen Genius versündigen mögen, recht dankbar aufnehmen. Wir sind daher auch sehr begierig auf des Verf.'s „Tagebuch", das er sehr oft in Noten als bald erscheinend ankündigt, und könnten wir durch unsere Aufmunterung zur Beschleunigung der Herausgabe etwas beitragen, so würden wir es mit Vergnügen thun, indem wir überzeugt sind, daß dies der eigentliche Boden ist, worauf Hr. P. allseitig und nützlich wirken kann. Der zweite Haupraufsatz: „Hauptgrundsätze dcs Talmuds mit Rücksicht auf Emaneipation der Juden" ist als Apologie ganz ohne Werth, da er inhaltlich auch gar nichts bietet, was man nicht schon anderswoher gewußt und formell ebenso wie der erste Aufsatz verwahrlost ist. Zum Glück ist der zweite Aufsatz nur von geringem Umfange, so daß der Leser es schon mit in den Kauf nehmen kann. 36) Vortrag über den Einfluß der arabischen Philosophie auf das Mittelalter, mit Bezugnahme auf die Verhältnisse der Gegenwart , gehalten bei Eröffnung seiner akademischen Vorlesungen über das religionsphilosophische Werk C u s a r i, am 9. Mai 1848 von Dr. I. G o l d e n t h a U Wien, 1848, 8. Hr. G., zum Docenten der hebr. und rabb. Sprache und Literatur an der k. k. Universität zu Wien zugelaffen, eröffnete seine religionsphilosophischen Vorträge mit vorliegender Abhandlung, die der Natur der Sache gemäß mehr allgemein gehalten ist. Als Probe dieses Vortrages heben wir folgende Stelle heraus: „Das Wissen ist tobt, das nicht mit dem Leben verbunden und auf dasselbe Bezug hat. Es ist ein trockenes, unfruchtbares, .schaales Wissen, das keinen Antheil nimmt an dem, was die Menschheit bewegt und im Innersten ergreift und erschüttert, noch auch ein Produkt desselben ist, wie es in der Th.at sein sollte. Denn nicht etwa zum Zeitvertreib suchen wir da alle Kuriositäten des Alterthums, graben wir da alle Schachten der altern und neuern Zeit, stöbern wir alle Räume des Himmels und der Erde, der obern und untern Regionen auf, um damit den menschlichen Geist und noch dazu den jugendlichen, frischen, nach Thaten verlangenden zu plagen und ihn gegen alles abzustumpsen, was seiner Natur gemäßer, seiner Entwickelung förderlicher, seinem erhabenen Ziele ihn näher bringender wäre, nämlich: zu leben und zu wirken als Geist, als lebendiger, kräftiger / seines innersten Wesens sich bewußt gewordener Geist. Nein, nicht blos aus Mangel an Beschäftigung steigt der Naturforscher bis in die tiefsten Tiefen der Erde hinunter, um mit dem Lichte der Erkenntnis der Natur und ihrer Gesetze ihre geheimsten Dunkel zu erleuchten, schwingt sich der Astronom in die schwindelnde Hohe der entfernsten Scernenkreise hinauf, um den unermeßlichen, unnahbaren Welten ihre Bahnen vorzuschreiben, sucht der Philosoph die weiten Räume der menschlichen Erkcnntniß zu durchmeffen, und ihr Umfang, Wesen und Zweck zu bestimmen, zergliedert der Sprachforscher die feinsten Fasern der Sprache, um an ihr die ersten unheilbaren

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