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Der Orient · 1848-12-02 · Heft 49 (2.12.1848) · p. Seite 387

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Journal
Der Orient
Volume
9 (1848)
Issue
Heft 49 (2.12.1848)
Date
1848-12-02
Page
Seite 387 (sequence 13)
Language
German
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387 Namen anzugeben. Trotz des Guberniälerlasses ließen sich Viele durch übertriebene Furcht von der Wahl abhalten, auch wurden von den wenigen jüdischen Zetteln, die aus'S Rathhaus kamen, die meisten unter den Tisch geworfen. Nun, wenigstens im Prinzip hat die Sache der Gleichberechtigung der Konfessionen gesiegt; der faktische Sieg wird hoffentlich mit der Zeit Nachkommen. Am Vorabend der Emaneipation aber sind die Prager Israeliten von einer unbändigen Auswanderungslust ergriffen worden. Dies ist insofern wichtig , als sich voraussehen läßt, daß die Emigration,, einmal in Schwung gekommen, sich nicht auf diesen Sommer beschränken wird.' Früher waren die Fälle vereinzelt, jetzt sind wenigstens ein paar Dutzend Fclmilien.schon nach Amerika gezogen. Ein Uebetstand ist, daß die Wohlhabenderen fortziehen und die Armen Zurückbleiben, doch haben die Juden angcfaugen, die Emigration zu organisiren. Nicht nur, daß die Almosenbüchse fleißig umhergeht, um den Unbemittelten Reisekosten zu schaffen, sondern es hat sich ein Auowanderungsverein gebildet, in welchen sich Jeder durch einige Kreuzer wöchentlicher Steuer einkaufen kann. Den Winter hindurch hat dieser Verein beschlossen, die jüngern Mitglieder in verschiedenen Handwerken und nothdürftig im Englischen unterrichten zu lassen, so daß im nächsten-Frühling eine planmäßige,, allmälige Uebersiedelung nach Nordamerika beginnen kann. Wenn bis dahin das Ghetto noch fortbesteht, so wird es wenigstens mehr Lust bekommen. —? — Türkei. Konstnntinopel, 1. Nvbr. Nor kurzem boten die Juden in dem hiesigen Stadtviertel Piri-Pascha (zu deutsch Flohpascha) das Schauspiel eines Autodafe,., dessen weitere Entwickelung durch Herbeieilen der Polizei gehemmt wurde.' Einer ihrer Glaubensgenossen, Hr. Mireili - Oghlou , hatte nämlich an einem der jüdischen Festtage, welcher zum Lauberhnttenfeste gehört, christliche Arbeiter (Bulgaren) in seiner Wohnung die..Arbeiten des Brunnengrabens fortsetzen lassen, auch auf einen Abgesandten der. Synagoge nicht gehört. Alsbald waren 3—400 aus der Synagoge aufgebrochen, mit Knütteln und Waffen versehen in die Wohnung Mircili's cingedrungen, Hattert die Arbeiter sowie die-Familienglieder gröblich mishandett, Alles üu Hanse zerstört und zerschlagen, undbercitetert sich eben vor, den aus einem Versteck hervorgeholten Mireili selbst noch ärger zu bearbeiten, als die türkische Polizei erschien-und-diesen frommen Rechtgläubigen es verwehrte, noch derbere Glaubensbekenntnisse abzulegen, auch eirrigc der wuthcndsten in die Flohgefängnisse . brachte. Obgleich nämlich die Folter abgeschafft ist, so bestehen die Flohkanrmern doch noch fort. (D. A. Z.) Soll die Emanciptttion der Juden überhaupt blos thcilweise vor sich gehen? Soll die Emaneipation Zwar vollständig, aber in Rücksicht auf die Verhältnisse nur schrittweise geschehen? (Fortsetzung.) Große Armnth und mangelhafte Schul- und gewerbliche Ausbildung uöthigen sie überdies oft, diesen nächsten und einzigen Weg zu ergreifen, auf welchem eine ihnen angeborene, von Kindheit an geübte Schlauheit und Betriebsamkeit ihr Fortkommen befördert, wodurch aber das sittliche Element .immer mehr zurückgedrängt wird. Ihre religiösen Vorurtheile gegen die Christen verleiten sie ohne Zweifel ebenfalls nicht selten zur Übertretung des gesetzlichen Wegs, indem sie sich durch..die Glaubensansicht im Gewissen decken, wenn sie nach unerlaubten Vortheilen streben, welche sie von den Christen zu ziehen suchen. Ein wichtiges Mittel für die sittliche Erhebung und gegen strafbare Neigungen, das Ehrgefühl, die gesellschaftliche Achtung und.die Furcht vor Schande, ist ferner unter den Juden nicht in dem Grade wirksam, wie unter den Christen. Die moralische Emaneipation der Juden -erstreckt sich nicht auf alle Provinzen. Auch wo'sie eingetreten ist, bleiben gewisse (unvermeidliche) Beschränkungen übrig. Die Volksiyeinung unter den Christen, durch fast 2000 Jahre eingewurzelt, reformirt sich nur alkmälig und streift nur zögernd eine gewisse Geringschätzung ab, welche, auf einem religiösen und historischen Fundament beruhend, gegen die Juden gerichiet ist. Diese Meinung wird um so langsamer besiegt, als die Charaktereigenschaften der Juden, ihre Art der ErwerbSthätigkeit und der in der Reget hervorstechende Mangel christlicher Gesinnungen der Milde und Wohlthätigkeit sie kenntlich unterscheiden und nicht dazu beitragen, ihre Gleichstellung mit den. christlichen Mitbürgern im Volke zur Ueberzeugnng zu bringen. Daraus muß in den Juden das Gefühl der Zurücksetzung entspringen und unterhalten werden. Das Bewußtsein der mindern Achtung schwächt aber den Eindruck der Unehre, welche mit einem Verbrechen verbunden ist, und die Furcht vor Schande wird ein geringeres Motiv, strafbare Handlungen zu unterlassen. Neben diesen innern Gründen führte der Minister noch folgende äußere an: ,,Der Handel, den sie hauptsächlich -zu ihrer Erwerbsquelle machen, bringt sie mit vielen Menschen in Berührung, veranlaßt sie zu Reisen und häusigem.Wechsel des Aufenthalts. Die Anknüpfung unlauterer Verbindungen,--die Verführung, die Gelegenheit zur Bevörtheilung ergibt sich in diesen Lebenoverhaltniffen leichter, als bei der auf den Grund und Bo-

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