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Der Orient · 1848-12-02 · Heft 49 (2.12.1848) · p. Seite 388

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Journal
Der Orient
Volume
9 (1848)
Issue
Heft 49 (2.12.1848)
Date
1848-12-02
Page
Seite 388 (sequence 15)
Language
German
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- 388 - den, oder auf ein an den Ort gebundenes Handwerk oder Dienstverhältniß gerichteten Erwerbsthätigkeit. Die umherziehende Lebensart, welcher sich eine große Anzahl von Juden in größerer oder geringerer Ausdehnung hingibt, erfodert eine größere moralische Kraft gegen die häufigen Versuchungen, und diese moralische Kraft wird bei ihnen weniger gefunden als bei den Christen. Ferner ist die Armuth bei einem großen Theilc der Juden vorherrschend. Sie wird bei ihnen, wie überall, leicht eine Quelle von Verbrechen. Sie hindert die Schulbildung der Kinder und ihre sittliche Befestigung. Die Kinder müssen oft im frühesten Alter bei dem Erwerb der Eltern Hilfe leisten', um die Mittel zur Subsistenz zu beschaffen, und wenn die Verdorbenheit der Eltern nicht direkt auf sie schädlich einwirkt, so leidet doch ihre Sittlichkeit durch den Einfluß des Umherstreifens, durch die ungünstigsten Erfahrungen, welche ihnen im Verkehr entgegentreten, durch das Anschauen böser Beispiele und jedenfalls durch den Mangel eines stetigen Unterrichts." Niemand wird hierin, neben einigen willkürlichen Behauptungen, manche aus dem Leben gegriffene Bemerkungen verkennen. Indessen verliert der Bericht dadurch an Gewicht, daß er nur., die Beweisführung für ein vorausgesetztes Beweisthema ist. Außerdem aber räumt der Minister selbst ein , nicht nur, daß sich seit sechs Jahren die Zahl der jüdischen Verbrecher vermindert habe, sondern auch, daß die einzelnen Obergerichte in Hinsicht der Beantwortung der Frage keineswegs einig, vielmehr einige der Ansicht gewesen seien, daß ein Misverhältniß der Zahl der jüdischen zur Zahl der christlichen Angeschuldigten nicht bestehe. Daß dem äber in der That so war, das stellte sich im Verlauf der ständischen Verhandlungen heraus. Es wurde gezeigt, daß auf die mitgetheilte Verbrecherliste kein Gewicht gelegt werden könne. Denn abgesehen davon, daß die Moralität sich nicht nach Zahlen abschätzen lasse, daß oft ein Verbrechen auf der Wage der Moralität viel schwerer wiege als hundert andere, so seien einzelne Arten von Verbrechen in die Liste gar nicht ausgenommen , wie z. B. die Holzdiebstähle und Holzdefraudationen. Die Zahl dieser Vergehen sei sehr bedeutend, und sie seien nicht weniger wichtig als die in der Liste mitgezählten Steuerdefraudationen.- Die Uebergehung der Holzdiebstähle gereiche aber den Juden insofern zum Nachtheil, als solche meist von der ländlichen Bevölkerung verübt werden, welcher die Juden nicht angehören. Ferner sei nach den Berichten einiger Obergerichte bei Anfertigung jener Liste auf die staatliche Herkunft der Angeklagten nicht Rücksicht genommen, und in der That seien die meisten dort in Untersuchung gekommenen Juden fremde Juden gewesen. Die mitgetheilte Verbrecherliste gebe daher keinen richtigen Anhaltspunkt, um da- Verlag von C. L. Fritzsche. ' nach den sittlichen Standpunkt der Juden zu beurthcilen. Wenn in einzelnen Gegenden etwa wirklich solche Erscheinungen hervortreten, so liege der Grund dafür gewiß in besondcrn Verhältnissen, namentlich darin, daß Juden in größerer Zahl gerade derartige Geschäfte betreiben, welche zu Uebertretmigen des Gesetzes verleiten, und es entstände die Frage, auf welcher Seite, wenn man Christen, die. dasselbe Geschäft treiben, mit ihnen in Vergleichung bringen wollte, die Zahl der Vergehen größer wäre? Ja noch mehr: nach einer Mittheilung des Ministers selbst, die nachträglich in einer Zeitung erfolgte, änderte sich das Verhältniß um mehr als das Doppelte zu Gunsten der Juden. Dadurch fielen so gewagte Behauptungen , wie die, daß die Juden überhaupt an moralischer Kraft den Christen nachstehen und dergl., von selbst zu Boden. Uebrigens räumte der Minister sogar selbst schon in seinem Berichte ein, daß die ungünstiger» Ansichten über die Juden auf keinen absoluten Gründen beruhen, und daß die Vorzüge der Aufklärung und höhern Bildung dahin führen werden , die Juden zu veredeln und das Urtheil über sie zu berichtigen. Dazu kam noch, daß die zum Bericht aufgeforderten Regierungen den sittlichen und Kulturzustand der Juden ungleich günstiger beurtheilen. Die Regierungsberichte hoben'zwar hervor, wie die Juden sich noch vorzugsweise mit dem Handel, und beiweiten überwiegend mit dem Kleinhandel, dem Hausiren oder Schacher beschäftigen, wie der Handwerksbetrieb hingegen Wenige anziehe, obwohl hier einiger Fortschritt zu bemerken sei, wie auch Die, welche sich etwa dem Ackerbau widmen, daneben meist immer noch ein Gewerbe, Handwerk oder Handel treiben. Allein man erkannte an, daß das Edikt von 1812 doch im Ganzen günstige Resultate herbeigeführt habe; besonders günstig sprachen sich hierüber die Regierungen zu Breslau und Oppeln aus. Namentlich bemerkte die Regierung zu Frankfurt, daß die untern Klassen der dortigen Bevölkerung bei Christen und Juden von gleicher Bildung seiend und die Schule von den jüdischen Kindern sehr regelmäßig besucht werde. Die Regierung zu Potsdam erwähnte insbesondere, daß Bedrückungen des Landmanns durch Wucher der Inden nicht wahrgenonunen worden seien. Die zu Stettin hob hervor, daß verhältnißmäßig sehr wenige Ehescheidungen und uneheliche Kinder unter den Juden Vorkommen. Die zu Königsberg rühmte das sittliche, mäßige und friedliche Verhalten der Inden, die gewissenhafte Erfüllung ihrer bürgerlichen Pflichten. Die Regierung zu Gumbinnen hielt dafür, daß in den niedcrn Vvlköklassen die Juden in geistiger und industrieller Entwickelung der christlichen Bevölkerung voraus seien. (Fortsetzung.folgt). Druck von I. H. N a g e l.

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