Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 9 (1848)
- Issue
- Heft 49 (2.12.1848)
- Date
- 1848-12-02
- Page
- Seite 386 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2360092-2360526-2360576--6651-3534646- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
386 aus dem Ghetto einen Sündenbock für sich zu machen. Ein Vorfall unter vielen / den mir ein Augenzeuge berichtete, ist für die herrschende Stimmung im Mai bezeichnend. Auf dem alten Ring stand Nationatgarde und akademische Legion, um den Pöbel abzuwehren, der in die-Judenstadt eindringen wollte. 'Man machte natürlich keinen Gebrauch vor: irgend einer Waffe, sondern vertheidigte die Eingänge des bedrohten Viertels durch geschlossene Reihen. Diese Aufgabe erforderte Geduld, denn furchtbar war das Andrängen und das Wuthgeschrei des gierigen Volkes. ,,Saubere Christen!" gellte es fortwährend, „Juden zu beschützen, pfui der Schandel" Nur: hatte die bewaffnete Macht die Ordre, keinen Christen ins Ghetto einzutassen. Die Israeliten hatten sich bereits alle in ihr Quartier geflüchtet, da kam ein Verspäteter nach, ein aller Trödeljude, und bat mit gefalteten Händen, Todesangst im Gesichte, durchgelaffen zu werden, denn hundert Fäuste griffen nach ihm. „Wir dürfen keinen Fremden durchlassen!" sagte ein Gardist kaltblütig und stieß den Flüchtling mit der Faust zurück, seine Nebenmänner sahen ruhig zu. Der Alte, dem sein Judenthum auf die Stirn geschrieben stand, bat wieder und wieder packte der Gardist ihn bei der Brust und suchte rhu der Pöbelslnth, die ihr Opfer haben wollte, entgegenjuschieben, bis endlich ein Student dem Tückischen mit flacher Klinge auf die Hand hieb und den alten Trödler ins Ghetto schlüpfen ließ. Dies war die Zeit, wo die Inden den alten Gottesacker, der mitten im fünften Viertel liegt, aufschlossen, damit Weiber, Greise und Kinder einen Ort hätten, wo sie Luft schöpfen konnten. Endlich vereinigten sich dreißig junge Bursche aus der Judenstadt und beschlossen ein eklatantes Beispiel zu geben, daß die vorausgesetzte Feigheit der Israeliten auch ihre Grenzen habe. Mit Stangen , Stuhlbeinen und Stöcken sielen sie über eine zahlreiche Rotte her, die plündern kam, und hieben so tüchtig ein, daß das Gesindel Respekt bekam und das Ghetto auf längere Zeit Ruhe hatte. Halbkomische Semen spielten auf dem sogenannten Tandlmarkt, wo das Volk cm System friedlicher und besonnener Plünderung eingeführt hatte. Das Markten und Feilschen nahm plötzlich ein Ende, die Trodclbuden wo mancher Bauerbursche im Handel geschoren wurde, verwandelten sich in unfreiwillige Wohlthätigkeitsanstalten. So kamen trotzige Gesellen, cquipirten sich vom Wirbel bis zur Zehe und entfernten sich ohne Bezahlung. Zitternd sah man ihnen nach. In der Pfingstwoche mußte das Judenviertel ebenfalls Barrikaden bauen; die Czechen hatten diesen Beweis von Patriotismus von den Juden verlangt, aber die Barrikaden wurden weder angegriffen noch vertheidigt. Täglich zog eine Abtheilnng Swornost durch das Ghetto, um Steuern in Geld und Naturalien zu erheben, aus allen Fenstern' flogen die Sitbermünzen, Alles zahlte mit Vergnügen, um die drohenden Gäste los zu sein. Hinter den Swornostriitcrn strömte die irreguläre Miliz des Aufstandes nach und brandschatzte. Wie aus der Erde quoll das moderne Hussitenvolk in furchtbaren Maffen, mit Spießen, Beilen und nägelbewehrten Stangen bewaffnet. Wenn die Einnahme zur Zufriedenheit anssiel, pflegten sie zu rufen: „Ihr seid unsere lieben Brüder und wir wollen euch beschützen. Wir hätten euch niemals angegriffen, wenn man uns nicht dafür bezahlt hätte". Das Schlimmste war, die Banden spielten wirklich die Wache des Jndmvicrtets und marschirten, betrunken, heulend und ihre Waffen schwingend Stunden lang in den Straßen auf und nieder , daß ihren Schützlingen bang wurde. Die Schrecken jener Tage waren jedoch allgemein, denn wie hier der Pöbel, so und noch toller wirthschaftete in der Alt- und Neustadt das Militär. Eine Woche lang lagen die Leichen der Gestorbenen bei Juden und Christen wld konnten nicht beerdigt werden. Jndeß war die neutrale Haltung der Judenstadt zu augenscheinlich, um ste vor späterem Uebetwollen zu schützen. Die Juden hatten Grenadieren, die von der Kleinseite herüberschwammen, Lebensmittel für's Militär gegeben und als die Soldaten vom Volke ausgesucht wurden, sie versteckt und dann, als Fleischhamrknechte verkleidet, wieder aufs linke Ufer geschafft. Sie hatten sich seitdem keiner der vielen Protestationen gegen Windisch grätz angeschlossen und im konstitutionellen Verein, welcher deutsch 'gesinnt ist, saßen vom Anfang an jüdische Mitglieder. Der Judenhaß gibt sich seitdem nicht mehr durch offene Gewaltthätigkeiten, aber dennochdeutlich genug zu erkennen. Ende August sollte ein neues Stadtverordneten-Kollegium gewählt werden. Sämmtliche Bürger wählen einen Ausschuß von 149 Mitgliedern, aus diesen wird das Kollegium von 24 Verordnten und von diesen aus ihrer Mitte der Bürgermeister gewählt. Da erschien eine Verordnung des bestehenden Kollegiums an allen Straßenecken, wornach Verbrecher, Blödsinnige und Juden von der Wahl ausgeschlossen sein sollten. Das fünfte Viertel sendet die Herren Dr. meä. Gitschtn und Jurist Wiener mit einer Beschwerde darob an'sMinistc- . rium nach Wien. Jedenfalls hatten die Stadtverordneten Kunde davon, denn des Morgens am Wahltage (dem 29.) erscheint eine Verordnung, welche den Juden gestattet, 12 Wähler zu stellen. Eine Stunde später kommt, in Folge einer telegraphischen Depesche des Ministeriums, ein Erlaß des Gubernialpräsidenten Meseerey, der den jüdischen Bürgern ihr volles Recht ungeschmälert läßt. Es war spät genug, wenn man den Wahlmodus bedenkt, denn jeder Wähler hat die ganze Liste von 149 Ausschussmitgliedern auszufüllen, dann den Zettel zu siegeln und auf der Außenseite seinen