Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 9 (1848)
- Issue
- Heft 49 (2.12.1848)
- Date
- 1848-12-02
- Page
- Seite 385 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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385 daß das jüdisch - gesetzlich Verbotene und Verpönte in der Gemeinde nicht geschehe. Jsaak B ernays geistlicher Beamter der deutsch-israelitischen Gemeinde in Hamburg. Hamburg, 16. Okt. 1848. Ertr. Prot, des Vorsteher-Kollegiums d. d. 9. Okt. kl'easilis preastanckis, den Wcddeschein in der gewöhnlichen Form auszustellen, zugleich aber dem geistlichen Beamten Hrn. Bernays Wohlehrwürden auf seine erwähnte Eingabe vom 4v d. M. zu erwiedern, daß die in den Weddescheinen abseiten der Gemeinde-Vorsteher ausgesprochene Erklärung: ,,daß gegen die Verheirathung der N. N. ihrerseits kein Hinderniß obwalte" lediglich auf die administrative Gemeinde-Ordnung und aus die Erfüllung der pekuniären Verpflichtungen der nachsuchenden Individuen Beziehung habe, und auf kirchliche Bedingnisse überall keine Beziehung finde," womit denn' Sr. Wohlehrwürden die ihm bei dem vorliegenden Fall nothig erscheinenden Schritte bei hochlöblicher Wedde unbenommen bleiben. Prag, Nov. Ueber das Verhältnis der Juden zu den Czechcn schreibt ein Korrespondent der ,, Grenzboten" in folgender Weise, und giebt zugleich einen Ueberblick über die Entwickelung der Verhältnisse in Prag: Der Zwiespalt zwischen Deutsch und Czcchisch, Katholisch und Jüdisch glimmt dabei mächtig fort; und der Judenhaß, der in Prag von jeher auch unter den höheren Ständen heimisch war, bildet wie in Posen ein wesentliches und charakteristisches Element der nationalen Bewegung. Die Prager Juden sprechen wenig oder schl.cht czcchisch, sind also schon deshalb als Feinde angesehen; das Deutschthum in ihnen ist jedoch nur ein Nebengrund des Hasses und ich lege darauf kein politisches Gewicht, aber an den Juden, als der wehrlosesten Minorität haben die Czechen von Anfang an am ungenirtesten ihr Müthchen gekühlt. Ihr Naturell hat dabei seine eigenrhnmlichen Seiten am vollsten entfaltet und insofern wirft das Benehmen der Stadt gegen das fünfte Viertel ( die Judenstadt) ein nur zu Helles Licht auf unsere Zustände. Es versteht sich, daß keine Revolution in einem Tage die Sünden von Jahrhunderten gutmacht; sie beginnt nur damit, sie aufzudecken; und in wenigen Ländern fand sie solche Verwilderung vor wie hier. Der jüdische Pöbel unterscheidet sich vom christlichen specifisch, wie in allen orthodoxen Gesellschaften; Laster und Tugenden sind bei beiden andere. Doch ist jener dreimal erträglicher als man nach dem Drucke, unter dem er lebt, erwarten sollte, während der czechische Pöbel, gegen die Juden, wenigstens, eine Härte und Tücke zeigt, die selbst durch dreimal metternichischcn Despotismus kaum erklärlich wird. Wer hätte nie vom Prager Ghetto gehört? Merkwürdig ist, daß es noch besteht. Nur wenige Familien erlangen die Begünstigung, außerhalb desselben in ein für alle Mal gewählten Häusern wohnen zu dürfen und sie behaupten sich nur mit Mühe draußen, sind fortwährend mit dem Ghettozwanz, bald vom Pöbel bald von den Behörden bedroht, progressiven Miethsteigerungen und andern Chicanen ausgesetzt. Im Ghetto selbst ist eine Bevölkerung von 6000 Seelen auf den engsten Raum zusammengedrängt. Jeder kennt wohl aus Beschreibungen, was solch ein Treibhaus für Schmutz mrd Armuth sagen will, doch ohne eigene Anschauung bildet .man sich kaum einen Begriff von den. finstern kloakenartigen Eingängen und der sanitätswidrigen Beschaffenheit der meisten Gebäude in der Prager Judenstadt. Auch die häßlichen Auswüchse aller Ghettos sind bekannt und doch sind aus dem fünften Viertel zu jeder Zeit Männer von Intelligenz und Verdienst hervorgegangen; und doch fand man selbst unter jener Klasse, die von den zahllosen Ausnahmsgesetzen zum Schacher gezwungen war, jeder Zeit eine Menge ehrlicher und harmloser Seelen. Aber die schlichte Durchschnittsgattung bleibt unbemerkt, die Karrikaturen fallen auf, und die Judenstadt erzeugt stets widerwärtige Kreaturen genug, die an Werkeltagen durch Frechheit und Schmutz im Handel und Wandel, und am Sabbat durch den pfauenhasten Aufputz, in welchem sie gern einherstolziren, den Hohn und Groll der Masse herausferdern. Kaum war der czechische Leu erwacht, so brüllte er die Juden an. Im Mai erreichten die ,Meckereien" — diesen Euphemismus gebrauchten mehrere Patrioten gegen mich - den Gipfelpunkt, denn die ruhmreiche Slava blühte damals und die Zuversicht der Czechen war grenzenlos. Die Juden wurden aus derNationatgarde verstoßen und dursten sich Tage lang nirgends zeigen, ohne mißhandelt zu werden. Naleile mu! Nalei*e mu! (Treibt ihn ein) erscholl es, wo Einer sichtbar wurde, alten Leuten wurde der Hut mit Faustschlägen übers Gesicht getrieben, Mädchen und Kinder jagte der Pöbel mit Stock'schlägen und Fußtritten bis in die Judenstadt. Auf diese ,Meckereien" folgten erustereAngriffe, man ging damit um, die außerhalb des Ghetto. Wohnenden zu plündern, und das Gewölbe eines israelitischen Kaufmanns wurde gestürmt, der Besitzer, dessen. Wohnung von seinem Magazin entfernt war, verwundet und nur dadurch gerettet, daß er die Geistesgegenwart, hatte, im rechten Augenblick die eiserne Thüre des Hintergewölbes hinter sich zuzuschlagen. Den Tag über lag er in dem dunkeln Raum allein, verborgen, erst in der Nacht konnten die Seinigen es wagen, den Verwundeten heimzufahren. Auf großen Eifer von Seiten der Behörden war in der stürmischen Zeit nicht zu rechnen, die höhern Klassen sahen eher schadenfroh das wüste Treiben an und, wie später Stimmen aus dem Volk bezeugten, wurde der Janhagel sogar von ihnen aufgemunterst um