Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 1848
- Issue
- 48 (26.11.1848)
- Date
- 1848-11-26
- Page
- Spalte 757-758 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/8555529-9897534-9897586--5691-3534633- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
- Cicero 1× ep/1024888
OCR text
Kritiken. Cahen's Bibelwerk. 758 757 Wir begnügen uns hier die festen Bände, welche seit 2—3 Jahren erschienen sind, zu betrachten. Die Betrachtung aller Bände würde die Grenze einer Necension bei weitem überschreiten. Der Fleiß des Verfassers kann nur gelobt werden, eben so sein guter Wille überhaupt. Ueber die französische Uebersetzung als solche haben wir kein Urtheil, dieses überlassen wir gebornen Franzosen. Wir wollen uns hier blos mit den Noten und den Einleitungen beschäftigen. Wir beginnen'mit den Psalmen, welche den 13. Band dieser Arbeit bilden, und welcher 1846 erschienen ist. Daß der Verfasser sich der Arbeiten deutscher Philologen bedienteist sehr löblich z er ist dadurch der Vermittler zwischen Franzosen und Deutschen geworden, welches um so verdienstlicher, da sich die Franzosen überhaupt, sowohl Juden als Christen, mit Bibelstudien sich nicht beschäftigen. Wir hatten aber auch gewünscht, daß, sich dieses Werk durch eigenthümliche Untersuchungen oder Iuthatm von deutschen Arbeiten ausgezeichnet hätte. Wir hätten, um uns vorläufig allgemein auszudrücken, eine weitere literaturgeschichtliche Grundlage diesem Werke gewünscht, um so mehr, da das kritische und allgemein geschichtlich-exegetische bereits vorgearbeitet ist. Die literaturhistorischen Studien sind jetzt überhaupt sowohl in Deutschland als in Frankreich sehr im Schwünge. Von allen Seiten wird Material herbei geschafft, um frühere Zeiten so genau als möglich kennen zu lernen. Trotz dem ist dem fleißigen Literaturforscher noch viel zu entdecken und zu ordnen übrig geblieben, noch ist dieses Studium nicht erschöpft, bei den Juden in Deutschland beginnt es erst. Noch sind keine 15 Jahre verflossen, seitdem man auch hier angefangen zu sammeln, zu ordnen und zu sichten. Dieses ist der einzige Weg, wo mehr Erkenntniß verbreitet wird, und wo der Weg gebahnt, ein wissenschaftliches Urtheil über manche Dinge zu fällen. Man findet jetzt Ekel an der flachen Anschauungsweise, weil man noch vor 2 —3 Jahrzehnten Manche beachtete, die auch genugsam Mangel an Literaturkenntniß verrathen. Man denke an Peter Beer's Geschichte der Sekten, welches wie Kenner wissen, nur die Geschichte der Perer Beer'schcn Anschauungsweise der verschiedenen Sekten ist. Wenn das Werk heute noch mcht ganz vergessen ist, und zuweilcn noch citirt wird, so richrt dieses daher, weil über dielen Gegenstand kein anderes Werk bis jetzt erschienen ist. Heute wo man die Schwierigkeiten eines solchen Werkes kennt, gehet nicht so leicht einer daran. Die Bibel als eines der. ältesten Bücher überhaupt und das wichtigste Buch der Juden, welches seit 2000 Jahren so viele Kopfe beschäftigte, bleibt immer eins der merkwürdigsten Bücher, so verschieden auch die Ansichten des Einzelnen darüber sein möchten. Die Geschichte der Bibel ist einTheilder Geschichte der Menschheit. Die Betrachtungsweise der Bibel für den Geschichtsforscher kann eine doppelte sein, entweder eine rein philologische, d. h. blos auf die Sprache gerichtet, oder eine philosophische, d. h. auf die Ideen gerichtet. Die Zahl der Kommentare, welche auf beiden Gebieten sich beschäftigten, sind groß^ Die Betrachtung derselben gewährt Belehrung und Interesse. In der neueren Zeit hat man sich christlicher Seits der philologisch e n Seite zugewandt, und zum Theil die Grundsätze der Kritik, welche man bei den Klassikern anwandte, zu Hilfe genommen. Wir wollen hier nicht untersuchen, ob die Kritik nicht zuweilen zu weit gegangen ist, wir denken dies bei einer andern Gelegenheit zu thun, wir wollen hier nur bemerken, daß für die Kritik selbst Manches in alten jüdischen Werken und selbst im Talmud aufbewahrt ist. Die allgemeine jüdische Anschauungsweise der Bibel läßt es leicht begreifen, daß eine Kritik wie sie in der modernen- Zeit üblich ist, auf jüdischem Boden nicht entstehen konnte. Die neuere Zeit hat auch Manches für die Bibel in ästhetischer Hinsicht gethan. Man hat versucht sich der poetischen Schönheiten der Bibel bewußt zu werden. H erder ist unter den Deutschen vor allen zu nennen. Bei den jüdischen Kommentatoren findet man nichts Aehnliches. Erst im 15. Jahrhundert hat Jehuda Messer Leon die Regeln der Rhetorik von Cicero und Quin tili an auf die Bibel übertragen. Sein nDÜ ist ebenso selten als geschätzt, und verdien! fleißig gelesen zu werden. Daß die ästhetische Anschauung der Bibel bei den Juden überhaupt nicht üblich war, liegt in der Natur der Sache; man betrachtete die poetischen Bücher der Bibel nicht als poetische Bücher, sondern als Werke der Offenbarung, und wenn man auch nicht stumpf für die Schönheiten derselben war, so hat. mqn die ästhetische Betrachtung als eine untergeordnete gehalten. Man hat mehr Werth in der spätern Zeit auf die philosophische und philologische Betrachtung gelegt. Nach diesen allgemeinen Andeutungen, wirb der Leser leicht elu sehen, daß wir selbst uns für das Geschichtliche interessireri, und wird es leicht begreiflich finden, wenn wir Herrn Cahen für die Vernachlässigung derselben tadeln müssen. Wir vermissen in der Arbeit des Hrn. Cahen hauptsächlich ein tieferes Eingehen auf die talmudische Exegese sowohl, als auf die späteren jüdischen Arbeiten. Durch die Betrachtung dieser Arbeiten hätte das Werk einen eigenthümlichm Werth erhalten. Der jüdische Leser hätte dies mit Recht Zu erwarten gehabt, da dem Verfasser die Pariser Bibliothek zu Gebot gestanden hat, und beiläufig bemerkt, I man uel aus Fermo, Josef Caspi, zählen doch so viel als Sachs und Herzfeld u. a. m., denen wir übrigens hiermit gar nicht zu nahe treten wollen. Wir glauben, daß aus ihren Werken manches zu lernen ist und durch die Proben, die wir bereits.von ihnen gegeben haben, wird der Leser vielleicht sich selbst ein Urtheil gebildet haben, welches mit dem unsrigen übereinstimmt. Aber selbst wenn dies nicht der Fall wäre, so hätten solche Mittheilungen doch wenigstens geschichtlichen Werth.