Mannheim
Compact Memory

Der Orient · 1848-11-11 · Heft 46 (11.11.1848) · p. Seite 367

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Orient
Volume
9 (1848)
Issue
Heft 46 (11.11.1848)
Date
1848-11-11
Page
Seite 367 (sequence 13)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2360092-2360526-2360573--6629-3534597
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

367 Als Wiens Heldenmuth allen Deutschen ein großes Beispiel gegeben, als feindliche Scharen in großer Zahl herangezogen wurden, um Wien für seinen freien und deutschen Sinn zu züchtigen, da erwarteten wir, daß selbst in denen, welche kühne.Entschlossenheit noch niemals, deutschen Geist aber selten bewiesen, große Entschlüsse, Entschlüsse, wie die inhaltschwere Zeit sie begehrte, zur schnellen Reife gedeihen würden. Dem Neichsministerium ward durch die Erhebung Wiens eine große Aufgabe gestellt, die Aufgabe , die Freiheit und das Deutschthum unter seinen Schutz zu nehmen. Wäre das Reichsministcrium aufgetreten und hätte es aller Welt verkündet, daß es keine Reaktion, keine Aristokratie dulden, daß es nicht zugeben werde, daß das deutsche Oesterreich von Slawen bedrängt und bekämpft werde, so würde ein einmüthiger Jubel sich durch alle Gauen Deutschlands erhoben haben. Das Reichsministerinm hätte kaum nöthig gehabt zu sorgen, woher die Mittel zu einem solchen Kampfe kommen sollten. Hunderttausend Schwerter würden sich freiwillig zum Dienste der Centralgewalt gestellt haben. Ein deutsches Heer mußte sofort an die Ufer derDonau und nach Wien gesendet werden. Zu einer solchen Maßregel wurde das Reichsministerium durch alle Gründe getrieben, es forderte dazu die Menschlichkeit auf, die ferneres Blutvergießen vermeiden will, cs forderte dazu auf die Deutschheit, die begehrt, daß man nicht müßig zusehe, wenn Deutsche von Slawen u. andern Fremden überwältigt u. niedergehauen werden, cs forderten endlich n. zuletzt die politischen Verhältnisse auf das Dringendste dazu auf. Der österreichische Kaiserstaat schwankt in seinen Grundvesten. Ob er zusammen halten oder ob er auseinander gehen wird, ist Gott, nicht uns bewußt. Bleibt er, so wird er sich weigern, seine deutschen Theile zu einem engen Anschluß an Deutschland herzugebcn, bricht er ans einander, so werden die Slawen sich dieser deutschen Theile zu bemeistern juchen. Darum mußte das Reichsministerium die Gelegenheit, die sich jetzt bot, rasch und entschlossen ergreifen und das deutsche Schwert an der Donau gewaltig machen. Dann mochte es mit dem österreichischen Kaiserstaate kommen wie es wollte. Deutschland stand auf dem Kampfplatze und konnte das Schicksal der deutschen Theile Oesterreichs entscheiden nach seinem Wunsch, nach seinem Vorthcil. Aber das Reichsministerium hat die Erwartungen Deutschlands nicht erfüllt, und es ist nichts, so gut wie nichts geschehen. Kommissare des Reichs sind abgesendet worden, Mn eine gütliche Vermittelung da zu versuchen, wo es nichts zu vermitteln gibt. Der weitere Gang der Dinge ist mit ziemlicher Sicherheit vorauszusehen. Die Slawen und alle Die, welche Oestreichs Kaiser jetzt in moralischer Gefangenschaft halten, werden die' vermittelnden Worte hören, wieder Worte machen und die Verhandlungen hinziehen, bis sie ihre Rüstungen vollendet und bis sie über deutsches Blut und deutsche Leichen hinweg einen Sieg gewonnen haben. Dann werden sie mit Hohttgetächter die vermittelnden Worte von sich weisen, und noch einmal wird das mächtige Deutschland mit Schimpf und. Schande beladen heimziehen. So stehen die Sachen am heutigen Tage. Die Kommissare des Reichs vermitteln, und Wien brennt an allen Orten und Enden. x Fremde Scharen haben vielleicht zu dieser Stunde schon die heldenmüthige Stadt übermeistert. Der Würgengel des Todes feiert ein Gastmahl auf deutschen Leichen, das Angstgeschrei deutscher Frauen und deutscher Kinder steigt zum Himmel empor. Die Kommissare des Reichs vermitteln. Mit der Offenheit und Geradheit, welche deutschen Männern geziemt, müssen wir dem hohen Reichsministerium sagen, daß wir ihm stets nur ein sehr geringes Vertrauen gewidmet haben. Daß aber die SacheDentschlands von ihm so vollständig preisgcgeben werden würde, als es in dem vorliegenden, hochwichtigen Falle geschehen, hätten wir doch weder geglaubt noch für möglich gehalten. Wir erklären, daß das Reichsministerinm für alles Unheil und alles Unglück, das über Deutschland in Folge seiner Maßregeln hereiubrechen könnte, verantwortlich iss und bleibt. Wenn wir nun jetzt, in einem Augenblicke,, wo in Wien eine trübe Entscheidung bereits gefallen zu sein scheint, noch ein Verlangen an ein hohes Reichsministerium stellen, so geschieht das nicht eben mit der Erwartung, daß dasselbe dadurch werde bewogen werden, die. zeüherige diplomatische Halbheit und Unentschiedenheit anfzugeben und sich zu einem deutschen, entschlossenen und großartigen Handeln zu erheben, es geschieht vielmehr mit dem Gedanken, daß, wer etwas Anderes nicht zu thun vermöge, wenigstens seine Stimme für die Sache des Vaterlandes erheben müsse. So verlangen wir denn von einem hohen Reichsministerium, daß ohne Verzug und Säumen: ’ ,,die kräftigsten. nicht in btoscn Worten und Verhandlungen bestehenden Maßregeln seitens des Reichs ergriffen werden , um dem blutigen Schauspiel an der Donau ein Ende zu machen, der Reaktion zu wehren, das Slawenthmn in seine Grenzen zu weisen, das Deutschthmn und deutsche Freiheit gegen alle Angriffe, mögen sie kommen in welcher Gestalt und von wem sie wollen, zu beschützen." Leipzig, 31. Oktbr. 1848. Der deutsche Vaterlandsverein im Odeon. Bertling, Cramer, Viegweg, Obmänner. Christoph, Schriftführer.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.