Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 9 (1848)
- Issue
- Heft 46 (11.11.1848)
- Date
- 1848-11-11
- Page
- Seite 368 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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368 Desterreichische Nebenlander. Lemberg, im Oktbr. Die Herren O re u stein und Bernstein, die äußersten Spitzen unserer Orthodoxie, welche bei Gelegenheit der Vergiftung Abraham Kohn's kriminaliter eingezogen worden, sind gerade am Hoschana Rabba als frei von aller Schuld heimgekehrt, und es stellt sich heraus, daß das Verbrechen ein isolirtes war und mit der Orthodoxie nichts zu thun hat. Denn wenn wir diesen Lemberger Orthodoxen gewiß nicht'das Wort reden, da es gewiß ist, daß in. den genannten Personen 1842 die Beibehaltung der Lichtsteuer verlangt wurde und überhaupt tausenderlei der Freiheit widrige Handlungen ausgeübt oder befördert, so wäre cs doch unerhört in der jüdischen Geschichte wurden, daß die Orthodoxie ein solches Verbrechen begangen habe und wir freuen uns, daß die gerichtliche Untersuchung das Gegentheil ergeben. Polen und Rußland. (Fortsetzung.) In den letzten vier Jahren lauten die in Betreff der Juden erschienenen Ukase etwas günstiger. Der.Ukas vom 13.. November 1844 verpflichtet die Juden: ,,daß sie in allen Kreis- und Gouvernements-Städten Elementar- oder Realschulen gründen sollen." Die Erhaltung dieser Schulen liegt einzig und allein den Juden ob und selbst einen Beitrag von Seiten der Regierung haben sie nicht zu erwarten, deshalb ist ihnen die Lichtsteuer aufgelegt worden. Diese Steuer ist keineswegs eine Nachahmung der bei der Oesterreichischen Regierung,* sondern entspricht ganz einer freiwilligen Abgabe der Christen, die zur Erhaltung ihrer Schulen verwendet wird. — Bekanntlich geschieht der Besuch der Schulen in Rußland ganz unentgeltich, indem sämmtliche Lehrer auf ihren bestimmten Gehalt angewiesen sind und kein Honorar von einem Schüler oder Studenten verlangen dürfen. Die Besoldung aller Lehrer geschieht nicht aus der Staatskasse oder aus sonst einem dazu bestimmten Fond einer besonderen Steuer, sondern nur aus dem Gelde, welches durch Kirchenlichter gesammelt wird. Es ist nämlich ein allgemeiner und Hauptgebrauch in der russischen Kirche, daß mau beim Eintritt eine Wachskerze für 3 bis 5 Sgr. kaust, sie anzündet und vor ein heiliges besonderes Marienbild stellt, dann vor diesem uiederkniend betet. Dies ist gleichsam die Opferung, mittelst welcher das Gebet gewiß erhört wird. Die Kerze brennt meistens nur so lauge als der Geber betet, also höchstens 10 bis 15 Minuten, dann wird sie verlöscht und der bleibende Theil, gewöhnlich mehr als zwei Drittel des Ganzen wird geschmolzen und von Neuem zu Kerzen verbraucht. Jede Kirchenfeier wird durch eine Masse solcher brennenden Kerzen erhöht. Bei einer Todtenfeier wird fast jedem, der in der Kirche ist, eine solche brennende Kerze überreicht, die er während der Feier in Händen hält und nach Beendigung derselben vom Kirchendiener zurückgenommen und verlöscht wird, so daß zuweilen einige hundert solcher Kerzen mit einem Male angezündet und nach wenigen Minuten wieder verlöscht werden. In jeder Kirche ist ein großer Vorrath von diesen Kerzen vorhanden, worüber ein Geistlicher und ein beglaubter Bürger die Aufsicht haben und die eingenommenen Gelder richtig abtiefern. — Bedenkt man nun, daß die russischen Kirchen fast den ganzen Tag oder wenigstens Morgens, Mittags und Abends geöffnet sind, und daß der Russe, besonders der Gemeine sehr religiös und abergläubisch ist und an keiner Kirche, keinem heiligen Bilde vornbergeht, vor dem er sich nicht bückt und ein Kreuz macht, also auch sehr oft in die Kirche geht und dieses kleine Opfer gerne darbringt; zieht man in Betracht, daß die Gesammtzahl der in Rußland existirenden Kathedralen, Kirchen,. Klöster und Kapellen sich auf mehr als 50,000 beläuft;* rechnet man hierzu, daß 48 Millionen Menschen zu dieser Kirche gehören: so ergiebt sich, daß die Summe, die jährlich für diese Wachskerzen cingeht, enorm sein muß und hiervon wird ein Theil, wahrscheinlich nur ein sehr geringer der Gesammtsumme zur Erhaltung aller Schulen und Lehranstalten Rußlands verwendet. — Diesem gemäß ist die Lichtstener bei den Juden zu ähnlichem Zwecke eingeführt worden. Auch ist diese Steuer durchaus nicht drückend wie in Oesterreich, denn sie ist hier nicht wie dort durch Licitationen den Händen der niedrigsten Menschen anvertrant, sondern wird von der Regierung selbst mittelst jüdischer Inspektoren, die auf diese Weise eine gute Existenz haben, eingezogen, und meistens von Gilde-Kanfleuten, ein Nicht-Gildemann oder Muschtschenik zahlt etwa zwei Rubel Silber jährlich. (Beschluß folgt.) *) Nach dem Berichte der heiligen Synode in Petersburg vom Jahre 1845 betrug diese Zahl 45,788. Seit dieser Zeit sind mehr als 100,000 zur russischen Kirche bekehrt worden und in diesem Jahre sollen in Esth- und Livland allein 28 neue russische Kirchen auf Befehl des Kaisers gebaut werden. +) S. oben S. 113. Vertag von C. L. Fr i tz sch e. Druck von I. H. Nagel.