Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 9 (1848)
- Issue
- Heft 46 (11.11.1848)
- Date
- 1848-11-11
- Page
- Seite 365 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2360092-2360526-2360573--6627-3534595- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
- 365 - Das „jüdische Gesammtlebcn", /,die jüdische Gesammtlehre" muß schwinden. Nur der Mensch muß als Mensch in der Gesellschaft leben. . Das „Rütteln" an dem alten Bau des jüdischen Gesammtlebens ist eine Nothwendigkeit. Ihre Rundschreiben Hr. L. müssen jetzt eine ganz andere Tendenz haben, wenn Sie Etwas für die jüdischen Gemeinden in Mähren wirken wollen. Dies merken Sie sich vorläufig. Nächstens mehr über Ihre bisherige Thätigkeit. M—tz. Wien, 20. Oktbr. Bei dein traurigen Zustande unserer Stadt, welche die siavischen Horden Jelachich's und die Söldlinge Windischgrätz's zu cerniren begannen kann man über jüdische Zustände und Verhältnisse, die jetzt fast gar nicht existiren, gewiß nicht berichten; allein Ihre Leser mögen es mir erlauben, einige allgemeine Betrachtungen bei dieser Gelegenheit mitzutheilen. Vor sechs Wochen war derselbe Windischgrätz, der jetzt uns zu unterdrücken droht, ein Gegenstand der heftigsten Angriffe von Seiten unserer freisinnigen, fast zum großen Theile von Juden geleiteten Presse; Hr. Sigm. Engländer, ein jüdischer sehr demokratischer Literat, hatte vor einigen Wochen vor dem Geschworenengerichte sich zu vertheidigen, weit er den Fürsten Windischgrätz^ durch ehrenrührige Ausdrücke beleidigt haben soll, und er wurde freigesprochen. Ebenso wurde Herr Buch he im, ebenfalls Journalist und höchst freisinnig, freigesprochen und nach wie vor redigiren sie den „Student en-Kourier" und den „Charivari". Jetzt steht der Feind der freien Presse, welcher selbst als Kläger gegen die Presse aufgetreten und der in seiner Proklamation bereits gesagt, daß er nun sich nicht einmal mit einer unfreien Presse begnügen, sondern gar keine Presse haben will, dieser Feind unserer Errungenschaften, der mit Bomben und Kartätschen sie sammt und sonders begraben will, dieser steht nun vor unseren Thoren. Neben dem tiefere Schmerze um das Allgemeine, den wir so tief als nur irgend einer empfinden, sehen wir auch durch diese hartnäckigen Pläne der Reaktion das Morgenrots) der jüdischen Freiheit erbleichen. Sie kennen die reaktionäre Plakatenliteratur, welche unermüdlich und mit ununterbrochener Perfidie die Demokratie, die Freiheit, wie überhaupt die ganze neue Zeit als jüdisches Blendwerk verschreiet; Sie kennen die Taktik aller Rückschritts banden, die Juden bei jeder Gelegenheit als Sühnopfer vorzuschieben, und da hier in der That die jüdischen Demokraten und Freiheitsmänner in den ersten Reihen erscheinen, so werden Sie cs begreiflich finden, daß mich bei den: Gedanken an einen Sieg der Kamarilla oder der Reaktion ein tiefer Schmerz über die bedrohete Lage der Juden ergreift. Uttb ich fürchte, daß mit Windischgrätz, dem eisernen Werkzeuge der Reaktion, auch die Unfreiheit, die Knechtschaft über die Glaeis in die Stadt ziehen wird, ich fürchte, daß wir unterliegen, da die hcchprahlerischen und das Dcutschthum vielleicht hassenden. Ungarn uns in Stich gelassen und die Slaven, namentlich die Ezechen diesen Haß sogar ungeschcuet nud gemein hervorgekehrt. Die Wiener und unter ihnen auch die Juden haben es mit diesen beiden obgleich undeutschen Nationalitäten sehr ehrlich und brüderlich gemeint; gerade heute vor vier Wochen zogen 600 Freiwillige hier ab, um für Ungarn, für seine Freiheit und gegen dieSlavm zu fechten und unter diesen waren auch viele für die Freiheit begeisterte jüdische Jünglinge. Eben so ehrlich und brüderlich waren die Wiener und die Juden den Ezechen gegenüber, ungeachtet letztere von den beiden in der Kultur noch weit zurück'stehenden Nationalitäten stets nur Schlechtes erfahren. Gebe Gott, daß meine trüben Aussichten sich nicht erfüllen! Aber ungeachtet, daß es wahr ist, daß Juden in den ersten Reihen der Freiheitskämpfer stehen, ungeachtet daß ein heiliger Freiheitsgeist sie durchdringt und sie fast allenthalben bei den Volkswnnschen die ersten sind, so ist es doch eine Lüge, was der ehemalige Minister Schwarz e r gesagt, daß die ganze Revolution nur eine Judeurevolution sei. Für ihn freilich war sic zum großen Theile eine solche, da Juden es waren, die ihn ins Ministerinm gebracht und da er ein Verräther der Freiheit gewesen, so waren sie es, die ihn auch gestürzt; aber im Ganzen partieipiren die Juden nur an den Freiheitsbestrebuugcn der freihcits- und todesmnthigen Bevölkerung. Bamberg, Ende Oktbr. Hier schreitet" man zur Wahl der Geschwornen und befremdender Weise hat sich die Lokalbehörde erfrecht, die jüdischen Bürger von den Wahlen anszuschtießen. Auf eine Nachfrage wurde die sonderbare Antwort gegeben, daß nach dem Talmud die Juden immer die Christen verurtheilen müssen, mithin dürfe der Jude nicht Richter sein. Es ist doch merkwürdig, welche große Talmudisteu Deutschland noch besitzt! Wissen die Gemeinden nichts mehr vom Talmud, haben sogar die Rabbiner den Talmud preisgegeben, die Bamberger Behörden sind Rabbiner geworden und studiren den Talmud! Es ist jedoch nicht der Talmud, sondern der deutsche Zopf, der noch nesenmäßig groß ist und der nicht blos Dummheiten, sondern auch Niederträchtigkeiten begeht. Es versteht sich von selbst, daß unsere israelitischen Bürger diesen schädlichen Zopf nicht in Ruhe lassen werden, daß sie bereits die gehörigen Schritte vorbereitet, um Diesen Hochverrats) an der Freiheit zu züchtigen und wir erwarten auch mit Bestimmtheit, daß der Fortschritts-Verein in München, seiner Tendenz zufolge uns darin kräftigst urüerstützen werde. Bei dieser Gelegenheit will ich noch bemerken, daß dergleichen Signale der Unfreiheit in der Regel von einer Agitation des baierischen Katholieismus ausgehcn und es wird gar nicht lange dauern und wir werden gegen den P i u s - V e r e i n, wo die Wühlerei gegen die Freiheit planmäßig betrieben wird, kämpfen müssen.