Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 9 (1848)
- Issue
- Heft 46 (11.11.1848)
- Date
- 1848-11-11
- Page
- Seite 364 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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364 Der, auf diese Gefahr aufmerksam zu machen, und Euer Atter Wohl Euch Allen zusammen und jedem Einzelnen dringend ans Herz zu legen. Höret aus meine Stimme, geliebte Bruder, in dieser ernsten Zeit, und Gott wird mit Heil und Segen Euch erhören! Einigkeit, Einigkeit, Einigkeit ist unsere Kräfte Entzweiung wirft uns zu Boden! Nur mit einigem Sinne werden wir diese ernsten Prüfungszeiten bestehen, und den uns noch bevorstehenden Weg zum ersehnten Ziele glücklich znrücklegen. Wie würden die Feinde unserer gerechten Sache jauchzen, wenn schon der erste dämmernde Freiheitöstrahl Entzweiung in unsere Gemeinden bringen würde! Wie würden sie schadenfroh mit Fingern auf uns weisen: „seht, ist dies Volk wohl zur Freiheit reif, kann es anders als unter Joch und Peitsche erhalten werden? Kaum wird ihm die Hoffnung auf Freiheit, entzweien sie sich unter einander, und ihr Heiligstes geht zu Grunde!" O, meine Brüder! Gönnen wir unfern Feinden diesen Triumph nicht! Laßt unS zusammen halten, und jede Gemeinde erledige ihre innern Angelegenheiten, namentlich die Präliminare der innern Bedürfnisse für das nächste Rechnungsjahr, auf friedlichem Wege, ohne der Schlichtung der Behörden zu bedürfen! Ist ja ohnehin noch attes hinsichtlich unserer innern Angelegenheiten gesetzlich Bestandene noch in voller Kraft! Ist ja das Prinzip der Gleichstellung der neuen Gemeindeordnttttg, welche allerdings eine wesentliche Umgestaltung auch unserer Gemeiudeverhättnissc nothwendig machen werden, noch nicht zur Gesetzeskraft erwachsen. Bei Allem, was uns Allen theuer und heilig ist, beschwöre ich Euch daher, geliebte Brüder: Rütteln wir nicht an dem altenBau unseres Gemeindewesens, bevor wir den Gesetz e s b o d e n f ü r ei n e n Neubau g e w o n n e n! Trage Jeder noch dieses Jahr, wie bisher zu den bestehenden Anstalten und Bedürfnissen .seiner Gemeinde bei, und versündige sich nicht im Namen der Freiheit an unfern heiligsten Gütern und Aufgaben! Sobald wir den neuen Rechtsboden gewonnen haben werden, wollen wir alle gemeinschaftlich die Verbesserung und dann nothwendig gewordene Umgestaltung unseres Gemeindewefens beratben. Bis dahin ist es uns heiligste Gewissens- und Ehrenpflicht, das Bestehende zu erhalten! Wehe dem, der aus Selbstsucht und Engherzigkeit diese Pflicht miökenntl Wehe dem , dem unser jüdisches Gesammtwesen, unsere jüdische Gesammtehre, unsere"jüdischen Gesammtheiligthümer nicht mehr gelten, als Äe Geldessumme, die er etwa durch selbstsüchtigen Zwist und Hader zu ersparen gedenkt! Segen, des Himmels testen Segen Allen und Jedem, die die Zeit und ihre Aufgabe begreifen, und um ihres Volkes Besten gerne zu jedem Opfer bereit sind! Segen Allen, die im echtjüdischem Sinne den Geist des Friedens, der Einigkeit und des Gemeinsinnes erhalten, und mit heilbringendem Beispiel voranleuchten / ,,diese Verständigen werden leuchten, wie der Glanz des Himmels, und die, die Gesammtheit beim Rechten erhalten, wie die Sterne ewiglich!" (Dan. 12, 4.) ove 12. Tischri 5609. Nlkolsburg, Der Oberlandes-Nabbiner Hirsch. Ungarischbrod, 10. Oktbr. Dieses „Rundschreiben^ des Landrabbinecs für Mähren, ist würdig seinen frühem Erlassen — die in Ihrem Blatte mitgetheilt wurden — angereiht zu werden. Es ist ebenso inhaltslos und nichtssagend, wie alle bisherigen Anordnungen des „großen" Hirsch ohne Hörner. Insbesondere liefert das Rundschreiben vom 8. Oktbr. den Beweis der p oliti sch en Unfähigkeit der Theologen und wie dieseHerren nicht fähig sind, in die sociale Ordnung der Gesellschaft einen klaren Blick z u werfen. Der freie Mensch stellt die Politik über die Theologie, der sklavische Mensch stellt diese über jene. Der echte Politiker ordnet die gesellschaftlichen Zustände durch sich selbst d. h. durch den Menschen. Der Theotog läßt durch „Gott" die Ordnung Herstellen. Dies beiläufig der charakteristische Unterschied zwischen dem Theologen und dom selbstständigen Menschen. Unser Landrabbiner läßt „den ersten Kettenring unserer jahrhundertlangen Schmach" durch den „Vater im Himmel" brechen. Von diesem alten Gesichtspunkte und mit einer staubigen Brille betrachtet der gelehrte Rabbi die Revolution vom Jahre 1848. Wir rufen ihm zu, daß die Revolution des Jahres 1848 die „Regierung von Gottes Gnaden" gestürzt. ' Die Gleichstellung der Juden ist die Konsequenz, wenn unsere Revolution anerkannt werden soll. Herr Landrabbiner Hirsch, Sie täuschen sich gewaltig, wenn Sie glauben, daß die Freiwerdung der Juden, den alten Inden neu schaffen wird oder soll. Sobald der Jude frei wird, hört der alte Jude auf Jude zu sein. Seine Mission ist dann eine andere als die bis jetzt im theologischen Sinne. Er gehört dann-der menschlichen Gesellschaft an, m der er wirken muß. Die neue Demokratie hebt die al te des jüdischen Gemeinwesens auf. Der Jude darf sodann keine eigene Gemeinde bilden. Und nur die gänzliche Auflösu u g des Gemeindelebens ist die vollständige Gleichstellung des Juden.