Mannheim
Compact Memory

Der Orient · 1848-11-11 · Heft 46 (11.11.1848) · p. Seite 363

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Orient
Volume
9 (1848)
Issue
Heft 46 (11.11.1848)
Date
1848-11-11
Page
Seite 363 (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2360092-2360526-2360573--6625-3534593
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

363 gefi'lht hat die ersten Fruchte des Heiles unS gebracht. Mit an Einstilumigkeit grenzender Stimmenmehrheit haben die Abgeordneten des Volkes in Der konstituirenden Reichsversammlung die Aufhebung aller Judensteuern ausgesprochen, und froh Dürfen wir uns der Hoffnung hingeben, daß dasselbe Rechtsgefuhl nunmehr auch bald alle anderen Fesseln und Schranken brechen werde, mit denen eine irregeleitete Vergangenheit in Wahn und Vorurtheit si ch und uns herabgcwürdigt; wir dürfen hoffen, die Zeit sei nun nicht mehr ferne, wo Dem Juden auch in unserem schönen Vaterlande voller, gleichberechtigter Theil an allen Pflichten und Rechten gegönnt sein werde, und wir als Menschen unter Menschen, als Bürger unter Bürgern, jedem redlichen und guten Streben gleichberechtigt unsere Kräfte werden zuwenden können. Allein, geliebte Brüder, dieser so sehnsüchtig von uns herbeigewünschte Sieg der Wahrheit über Die Lüge, des Rechtes über die Gewalt, des reinen Gotlbewußtseins über Vorurtheil und Wahn, wird uns nur dann zu Heil und Segen gereichen, wir werden uns nur Dann seiner Wahrheit freuen können, ja wir werden uns nur dann seiner Dauernd zu erfreuen haben , wenn wir als Juden aus dem Ringen um diesen Sieg hervorgehen, wenn wir als Inden die Früchte dieses Sieges genießen wollen, wenn wir mit doppeltem Ernst, mit doppelt entschiedener Kraft nun in dieser freiern Zeit die Erhaltung unserer Religion und ihre Heiligthümer, die Vollendung aller hehren Aufgaben des Judenthums anstreben, und die Heiligthümer mit innigster, lebendigster Liebe umklammern werden, für die unsere Väter und wir solch jahrhundertlanges Elend, solch ffahrhündertlange Schmach erduldet. Denn wahrlich, meine Brüder, was hätten wir errungen, wenn wir nun, wo wir , so Gott will, bald freie Juden sein können, aufhören wollten Iud en zu sein! Mit Gleichgiltigkeit gegen unsere Gottestehre hätte Jeder von uns schon längst auf kürzerem Wege die gleichberechtigte Stellung auf Erden erkaufen können, und es hätte nicht des jahrhnndertlangen Ausharrenö, des jahrhundertlangen Duldens aller Schmach und allen Elends bedurft! Das fühlt gewiß ein Jeder. von Euch, geliebte Brüder, und gewiß täuscht die Hoffnung nicht, daß, sobald wir mir erst das volle Recht, -die volle Freiheit errungen, wir Damit zuerst Dem gütigen-Lenker unserer Geschicke Das Opfer unseres Dankes bringen werden, daß wir sodann in einträchtiger, brüderlicher Vereinigung alle unsere Kräfte dahin richten werden, nunmehr ein frischeres, lebendigeres Gemeindeleben in unserm jüdischen Kreise zu weilen, und auf freiem Boden alles Edle und Göttlichmenschliche des Judeuthums unter uns zu Gott und Menschen erfreuenden Reife zu entfalten. Allein geliebte Brüder, die manchenortes in den jüngsten Tagen gemachten Erfahrungen lassen die Besorgniß nicht ungegründet erscheinen, es dürste unsere Aufgabe in dieser neuen Zukunft nicht überall und von Allen in solchem Sinne gefaßt und begriffen werden; es dürste die Zeit der Freiheit leicht miSverstanden zu einer Zeit der Losgebundenheit und Lockerung des jüdischen religiösen G'emeindeverbandeS werden, und den bedauerlichen, schmerzlichen Ruin alles dessen herbeiführen, was uns heilig und heher, alles dessen, was unsere Stütze und unser Trost in den trüben Zeiten der Nacht gewesen, und das nun in dem Sonnenlichte der Freiheit nicht zu Grabe gehen, vielmehr zu erfrischtem erhöhtem Dasein und Leben geführt werden sollte. Noch ist unsere Gleichstellung nicht in Wirklichkeit errungen, kaum ist die Steuerfrage voll gelöst, und schon zeigen sich hie und da in den Gemeinden Schwierigkeiten, die Domestikalbedürsnisse unserer eigenen innernAngelegenheiten wie bisher aufzubringen, schon will Mancher, da ihm die schmachvollen exceptionellen Steuern von den Schultern genommen, nun auch die ehrenvolle gerechte Bürde der Gemeindelasteu von sich werfen, und von vielen Seiten sind hierüber bereits dem, von Euch, geliebte Brüder, mit der Wahrung Eurer Rechte betrauten Komite Besorgnisse und Klagen cingelaufen. Das Komite hat, seitdem es mit Eurem Vertrauen beehrt worden, unablässig den Gang unserer großen Angelegenheit verfolgt, und nichts verabsäumt, was um irgend die Erreichung unseres Zieles fördern, und entgegenstehende Bestrebungen zu vereiteln im Stande war. Seinen zeitgemäßen Schritten ist es auch mindestens zu verdanken, Daß nicht wenigstens provisorisch für 1849 noch die Judensteuern zu tragen sind, und auch ferner wird es nichts versäumen, die Sache unseres heiligen Rechtes zum ersehnten vollen Ziele zu führen. Allein es muß zur Lösung dieser seiner Aufgabe ganz vorzüglich auf Euch Alle, meine geliebten Brüder, rechnen, daß nicht, Gott behüte, gedankenloser Unverstand Einzelner unter Euch neue Schwierigkeiten erhebe, und den Feinden unserer Sache willkommenen Grund zur Anklage und Verdächtigung biete. Und eine solche Gefahr droht allerdings, wenn die inneren Angelegenheiten unserer Gemeinden jetzt , an der Schwelle der Freiheit, ja anS Veranlassung dieser Freiheitshoffnung Hader und Zwist, Zerwürfniß und Zerrüttung herbeiführen sollten. Das Konnte hat daher mich ersucht, .in meiner Eigenschaft als Präses-desselben, mehr noch als. Oberlandesrabbiner, dessen geringen Kräften Ihr, geliebte Brüder, die noch höhere - Sorge für den geistigen Bestand unserer Gemeinden -anvertraui, Euch, meine Brü- 46*

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.