Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 9 (1848)
- Issue
- Heft 45 (4.11.1848)
- Date
- 1848-11-04
- Page
- Seite 359 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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- Minsk 1× ep/1000754
- Odesa 1× ep/1000834
- Vilnius 1× ep/1000947
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359 schästes fett einem Vierteljahrhundert des größten Vertrauens sowohl im Inals im Auslande erfreuen. Außer diesen beiden giebt es mehre jüdische Handlungs- Häuser, deren Geschäfte sich inehr in das Jrrnere Rußlands erstrecken, die überall mit Recht geachtet werden und die weder in Hinsicht der Bildung noch in Hinsicht des reellen Strebens den Juden Deutschlands nachstehen, ja, sogar darin vor diesen einen großen Vorzug haben, daß' sie größteuthcits auch religiös gebildet sind und religiös leben, was leider bei einem großen Theile deutscher Juden, selbst bei ganz ungebildeten u. armeu nicht der Fall ist. — Auch existirt seit einigen Jahren eine deutsche Synagoge mit Choratgesang und mit geordnetem Gottesdienst. *) — Vor länger als 20 Jahren hat ein Berliner, Namens S i t t e n f e l d , der wie alle Juden 1825 aus Petersburg verwiesen wurde, hier eine Elementarschule für die jüdische Jugend beiderlei Geschlechts mit größter Mühe und Aufopferung gegründet, die, obgleich der unsterbliche Gründer ihr nur einige Jahre als Direktor und juut Bedauern Aller leider zu früh mit Tode abging, dennoch ihren Fortgang hatte und durch gründliche Lehrer,- die hier vom Anfänge an angestellt waren,** wie durch den neuen DirektorStern immer größer wurde, so daß gegenwärtig die Zahl der Schüler sich oft auf 4 bis 5OO beläuft. — Aus dieser Schule entstand vor vier Jahren eine zweite in Ki sch inew, die für die Juden in Bessarabien, der Hemrath des Chasideismus, sehr nützlich ist. ***) Allßer diesen erwähnten Schuten existirt nur noch eine im ganzen Reiche, nämlich in Minsk. Sie ist vor fünf Jahren von D. Lurje mit vieler' Mühe gegründet und von ihm bis jetzt mittelst vieler Geldspenden erhalten worden. — Auch der Gouverneur Cemenow hat vor drei Jahren daselbst eine Schule errichtet, um diejenigen Jünglinge unter den Juden auszubitden, die sich dem Kansmannsstande widmen wollen. — Noch ist hier das j ü d i s ch e Kranke n h a u s, welches seit mehren Jahren in Odessa e.ristirt, zu erwähnen. Es gehört sowohl wegen seiner großartigen Anlage als wegen feiner schönen und zweckmäßigen Einrichtungen zu den besten Anstalten der Art, die man in Rußland' sindet und ü b er trifft bei weitem das jüdische Krankenhaus in Wien. — Auch lebt *) N. Blumenthal, ein ausgezeichneter Sänger und Musikkenner, fungirr hier als Vorderer. — Eine zweite ähnliche Synagoge ist inr vorigen Jahre in Wilna errichtet ordern In beiden ist der Mangel an einem studirten Neligicnslehrer gar sehr fühlar. **) Auch in russischer Sprache unterrichtet ein Jude Namens^ Finket, der' einige gelungene Arbeiten in dieser Sprache versaht hat. — Werbet, einer der jüngern Lehrer, ercheilt in einigen Sprachen gründlichen Unterricht und ist vesonders als Literat im Hebräischen rühmlichst bekannt. ***) Der Direktor Eichenbaum ist berühmt als Hebräer und als Mathematiker. hier einer der ersten Aerzte Rußlands , nämlich Dr. Wagner aus Berlin, der seit vielen Jahren die ausgebreitetste Praxis hat und den Deutschen große Ehre macht. Diese Thatsacheu mögen uns genügend beweisen, was die Juden injeder Hinsicht zu leisten vermögen, wenn ihnen nur die-Pforten der Erwerbszweige geöffnet^ und geistige Entwickelungen verbunden mit bürgerlichen Freiheiten gestattet werden. Dürfen wir aber von if;ncn irgend etwas erwarten, wenn ihnen alle Wege zum bürgerlichen Erwerb versperrt, wenn Taufende und abermals Tausende in einer Stadt in einem entlegenen .SBiiiM wie im Kerker zusammengepreßt sind, wenn neue Gesetze erscheinen, die ihren Druck vergrößern und ihre Lage immer in ehr verschlimmern? So hat der Ukas vom Jahre 1827: ,,daß die Juden Militärdienst leisten müssen," — grenzenloses Unheil über sie verbreitet, aber, nicht etwa deßhalb, weil sie diesen Dienst leisten sollen, von dem sie bisher befreit waren, nein, im Gegeutheit) die Juden fuifc als Landeskinder wie jeder Andere militärpflichtig, sondern einzig und allein deshalb, weil man ihnen mit dieser höchst schweren Pflichterfüllung durchaus keine Begünstigungen gestattet, weit man sie nur wie Sklaven ein schweres Joch zn tragen gezwungen hat, weil man eben seit diesen zwanzig Jahren immer mehr sie zu unterdrücken bemüht war, weil mau ferner mit der Ausnahme: ,,Daß Inden auch Knaben von zehn Jahren al§ Soldaten abgebeu dürfen," nur die geheime Absicht haste, um sie desto leichter zur Taufe führen 31t können, was leider nur zu oft aus unerhörte Weise geschehen i\ir weil mau endlich den jüdischen Soldaten trotz des schweren Dienstes, trotz seiner großen Treue, Pünktlichkeit, -Nüchternheit und Ehrlichkeit, wodurch er sich so, . sehr von dein russischen christlichen Soldaten unterscheidet, und dem er an Geist wie an körperlichen Gewandtheit bei weitem überlegen ist, dennoch ans alle moglicheWeisc zum Chrisstnthume zu bekehren sucht, abgesehen davon daß er selbst durch die größte Auszeichnung und Tapferkeit nicht avaneiren kann. Wir geben gerne zu, daß dies keineswegs im Willen deS Kaisers liegt, wir wissen sogar, daß mancher elende Pulk.ow n i k, der sich solcher Frevelthat schuldig machte, streng bestraft wurde; aber es geschah und geschieht dennoch, , und zwar gar nicht selten, so daß mehr als der dritte Theil von denen, die seit diesen zwanzig Jahren zu Soldaten genommen wurden, bereits getauft ist. Und welche Seenen des Jammers und des wahren Mitleids bieten sich bei solchen Gelegenheiten dar, wenn eine Anzahl von mehren Hunderten dieser jüdischen Jünglinge in die russische Kirche zur Taufe wie die Schafe zur Schlachtbank geführt werden, wie dies noch ganz -vor Kurzem in Archangcl geschehen ist. Welche Seufzer werden hier vernommen, welche heiße, unaufhörliche Thränen werden hier vergoren bei der Erinnerung an die geliebte, nun ewig verlassene