Mannheim
Compact Memory

Der Orient · 1848-11-04 · Heft 45 (4.11.1848) · p. Seite 360

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Orient
Volume
9 (1848)
Issue
Heft 45 (4.11.1848)
Date
1848-11-04
Page
Seite 360 (sequence 15)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2360092-2360526-2360572--6621-3534580
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

360 Heimat, bei der Erinnerung an den grauen Vater, der von nun an seine schwachen Arme nach dem heimkehrenden Sohne nicht mehr ausstrecken, bei der wehmuthSvollen Erinnerung an die verlassene, trostlose Mutter, die ihren Sohn noch in dem letzten Augenblick der schmerzlichen Trennung umarmt und mit aller mütterlichen Liebe und Zärtlichkeit an's Herz gedrückt und schluchzend gesprochen hat: ,,Mein Sohn! vergiß nie deine verlassenen Eltern, sei stets der Liebe und Treue deiner nur höchst beklagenswerthen Mutter eingedenk und verlaß nie den väterlichen Glauben in dem du geboren und erzogen bist, dann wird dich anch der himmlische Vater nicht verlassen." — Wie viele werden ohnmächtig aus der Kirche getragen, wie viele wünschen, daß der Boden unter ihnen Zusammenstürze, damit ste untergeheu und von ihren Qualen befreit werden und wie viele unterliegen dem Grame und der Reue? Wahrlich, jedes menschliche Herz muß tief ergriffen werden bei dem Anblicke dieser Unglücklichen,- die noch so jung, so unschuldig und so fern von jeder Sünde sind. Aber sie vermögen nicht durch ihren Schmerz, nicht durch ihre unverdienten Qualen jene Herzen ihrer Vorgesetzten und Bekehrer zu rühren, denn diese sind Moskowiter von acht russischem Geblüt. — Man geht sogar noch weiter, mau schließt seit drei Jahren in Folge eines, damals erschienenen Gesetzes, die jüdischen Soldaten vom eigentlichen Militärdienst aus und verwendet sie wie Sklaven nur zu beständigen ganz gemeinen Arbeiten. Wären den Juden durch die Erfüllung dieser schweren Militärpflicht, wenn auch nicht alle, doch wenigstens einige bürgerliche Rechte gleich den Christen eiugeränmt worden, wären die Schranken, die sie bisher-von dem Innern Rußlands völlig abgesperrt hatten, vernichtet worden, hätte der jüdische Soldat nur auf irgend eine Weise avanciren können) dann wäre die Militärpflichtigkeit für sie eine Wohlthat gewesen. Nicht Knaben, sondern die ausgezeichnetsten, kräftigsten Jünglinge und auserlesene Schaaren hätten diesen Stand ergriffen, Tausende würden sich in Kriegcszeiten freiwillig zum Heere gestellt haben, um fürs Vaterland zu kämpfen, bereit zu siegen oder zu sterben. Denn haben nicht die Juden zu allen Zeiten und in allen Ländern sich stets dankbar gezeigt gegen ihre Regenten, die sie als treue Unterthanen, als wahre Landeskinder anerkannt und behandelt haben? Sowohl die älteste als die neueste Geschichte hat dies mannigfach aufzuwcisen. Werden sie aber auch in Rußland als solche behandelt, obgleich sie diesem Lande in früheren Kriegeszeiten unendliche Dienste geleistet haben? Was kann man also von solchen Stiefkindern, von solchen hülfloseu, höchst unglücklichen Menschen erwarten? Welch Großes können sie leisten, wenn man ihre besten Kräfte abstumpft und ihre größten Fähigkeiten zu unter- Verlag von C. L. Fritzsche. graben sucht? Zwar sind ihnen nach dem bereits erwähnten Reglement von 1835 Gcwerbfreiheiten und Aemter beim Magistrate gestattet, desgleichen Physikatc und Anstellungen als Militärärzte. *) Allein abgesehen davon, daß dieses Reglement.niemals ganz in Kraft getreten ist**) und daß cs überhaupt nach und nach durch neue Ukasen ganz in den Hintergrund gesetzt wurde, sollten ja alle diese Begünstigungen nur in den Kreisen angewcndet und ausgeführt werden, in denen sich die Juden bewegen dürfen. Was hilft es also den 40,000 Juden, die in Wilna zusammengedrängt sind, oder den 30,000 in Berditscheff, wenn einer von ihnen nach vieljähriger Mühe und Aufopferung das geworden ist, und zwar nur in ihrer beschränkten Mitte, was der Christ weit leichter bei ihnen wie in der ganzen Monarchie erreichen kann. (Beschluß folgt.) *) Zwei jüdische Militärärzte .Dr. A sch k e n a ft und Dr. G o ld sch m idt, die schon mehre Jahre im Dienste sind, haben es bereits zu einem hohen Rang gebracht. Beide sind Ausländer von Geburt; die eingeborenen Juden hingegen haben sich alle taufen lassen müssen, sobald sie nur irgend einen Rang erlangt hatten, bis auf einen, den Divisionsarzt Dr. Abramson, der zugleich ein großer Anhänger und Bertheidiger des Iudenthums iff. In neuster Zeit sind auch diese Anstellungen unterblieben. *’) In Kurland, wo man unter den Juden sehr gebildete Kaufleute findet, so besonders in Micau, haben niemals jüdische Meister zunftmäßig existiren dürfen, und bis jetzt ist ihnen streng verboten mit Gehülfen zu arbeiten, oft sogar werden sie überfallen und wehe dem, bei dem man neue Arbeit und Gesellen oder Lehrlinge findet. Ja dies Verbrechen wird so hoch angerechnet, daß, wer sich dessen drei Mal schuldig macht, wird als gemeiner Soldat abgegeben, eine in Rußland üblich« höchste Strafe für sehr große Verbrechen. — Hingegen findet man in den andern Provinzen viele Tausende jüdischer Professionisten aller Art, so auch Müller, Schlösser, Schmiede, Maurer und Zimmerleute. In Athauen und besonders in Wilna giebt es nur jüdische Schornsteinfeger, die ihr Fach genau verstehen und ehrlich treiben, ebenso giebt es in dieser Stadt mehr als tausend jüdische Holzhauer, Wasserträger, Steinhauer und Scraßenpflasterer, auch Nachtwächter. Personalchronik und Miseellen. Hamburg. Hier ist Jemand im Begriff eineChaluza zu ehelichen ohne sich der Ehaluza zu unterwerfen. Bernays hat den darum anfragenden Vorstehern mit seinem gewöhnlichen Spruch abgefertigt: „Dabei kann ich nichts thun." Es ist das erste Mal, daß er recht hat. P—s. Druck von I. H. Nagel.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.