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Der Orient · 1848-11-04 · Heft 45 (4.11.1848) · p. Seite 355

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Journal
Der Orient
Volume
9 (1848)
Issue
Heft 45 (4.11.1848)
Date
1848-11-04
Page
Seite 355 (sequence 5)
Language
German
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355 tm uns aber, -ist dies einem Menschen möglich, der allenthalben verstoßen, verhaßt, verabscheuet und zurnckgewiesen wird? Kann ein Wesen, das an aller Besserung : zu verzweifeln gezwungen wird , an Besserung denken? Sind wir nicht höchst ungerecht, den Inden alle Natioi nalität, allen Kunstsinn und Schöngeist abzusprechen, - indem wir hingegen ihre Künstler, ihre Talente, ihre 1 Helden, ihre Ausgezeichneten zur Ehre unserer Nationali- ' tat anrechnen? Unter stürmischem Beifall sprach dieser . Abg. noch lange in unerwarteter'geistvoller Weise fort. — Im gleichen Sinne führte der Abg. Dylewoky dao ' Wort. Die Judensteuer, sagte er, sei eine Last für den i Juden, aber eine Schmach für den Christen: die Jui denstener sei nichts anders, als eine Aceise für den Men- - scheu, so wie eine solche für jeden Ochsen besteht und - entrichtet werden muß. Seffr treffend führte er die zwar nicht neue aber hier sehr glücklich angewandte Fabel an. 4 Es wollte ein Mensch eimual seinen alten ekeligen Mantel, an den er sich schon zu sehr gewöhnt hatte, nicht ablegen; da ging der Sturm mit der Sonne die Wette ein, wer von ihnen Beiden eher im Stande sein werde, , diesen Menscheir durch ihre Einwirkung zur endlichen ■ Ablegung dieses Mantels zu veranlassen. Der Sturm begann nun seine Manövers, tobte und raste in wilder Wuth, mit heftigem Gewitter, mit Regen und Wind, was aber war die Folge? Der arme Mann hüllte nun fester und enger sich in seinenMantel, den einzigen : Schutz in der Zeit des Elends. Hierauf ließ aber die milde Sonne ihre warmen erquickenden Strahlen erglänzen, der arme Mann sing nun an, neu aufzuleben, er labte sich an dem warmen Sonnenglanze, es wurde; ihm heiß und er warf den lästigen Mantel ab. Lassen wir, meine -Herren," fuhr der geistreiche Abgeordnete fort, „den Armen, bisher grausam Verstoßenen, auch die warme erquickende Sonne der Freiheit genießen, und : Sie werden sehen, wie bald er den alten, ekeligen an- gewöhnten wurmstichigen Mantel des Vorurtheils, des < Wuchers, der Habsucht und Gemeinheit freudig fallen / lassen wird." (Allgemeines stürmisches Bravo von allen Seiten.) Begeisternd, edelherzig und groß sprachen noch; die Mg. Teodorovich, Schusetka, Brauner, Mannheimer für dm Antrag, gegen denselben äußerten sich die 4 Abg. D e m e l ans Proßnitz und B ö s c. Zum Schluffe sprach noch Minister Kraus in Angelegenheiten der Judensteuer, über deren Unthunlichkeit und Entwürdigung i eines freien konstitutionellen Staates, diese, sagte er, i dürfen und können fürder nicht bestehen, dies fordert , Menschenrecht und Freiheit, die Zeit und die Politik, sie müsse und werde aushören. — Es wurde nun über - diesen Paragraph mittelst Namensaufruf abgestimmt, und derselbe wurde mit 223 gegen 20 Stimmen angenommen. Auch die hierzu gestellten Amendements $ des Abg. Sierakovsky, lautend: ,,Daß die in Wien \ "och immer fortbestehende Aufenthaltssteuer für Inden unter den anfznhebmden Jndensteuern mit inbegriffen sei," ferner des Abg. Borrosch, „alle unter welchen Namen innner bestehenden Paß-, Wohnung- und Kopfsteuern für Juden dahin zu rechnen", wurde mit einerstark überwiegenden Majorität angenommen.. —; Hamburg, 10. Oktbr. Auch unsere Gemeinde ist mit einer Zuschrift aus Frankfurt a. M. beehrt worden, welche uns zur Bildung einer Synode auffordert, '„um dem Judenthum eine zeitgemäße Gestaltung zu geben, wozu Männer des Fortschritts, Männer von religiöser Gesinnung zusammentreten mögen." — Zwar bleibt hiesigen Orts diese Aufforderung durchaus uubeachtet, und ward nicht einmal einer Kritik gewürdigt. Dennoch aber kann sich Referent nicht enthalten, Folgendes zu bemerken. Wenn die Zuschrift zu einer „zeitgemäßen Gestaltung des Judenthumö der sich neubildenden Staatsvcrhältnisse" auffordert, so will dies nichts Anders sagen, als daß in dieser Synode wieder ein wenig reformirt, die Väterreligion wiederum einen neuen modernen zeitgemäßen Zuschnitt erhalten, und durch diese Gestattung der Gemeindeverband „vor Auflösung" gesichert werden soll. Nun möchten wir uns aber — ohne Persönlichkeiten nahe treten zu wollen — die Frage erlauben: Wie steht es mit der religiösen Gesinnung der acht ehrenwerthen Männer, die diese Aufforderung unterzeichnet haben? Einige darunter haben ehrlich und offenkundig erklärt, daß sie nicht mehr auf traditionellem Boden stehen; haben sogar dem Talmud, Maimuni und dessen andren Ausleger als „Schcinlogi kern," „T ex tve r dreh ern " alle Autorität abgcsprochen, und nur die Bibel, und auch diese nur wo sie noch zeitgemäß geblieben, anerkannt. Recht gut. Jeder, glaube nach seiner Faeon. — Was kann aber durch diese und ihres gleichen in der Synode geschehen? Welcher Theil der Gemeinde wird sich ihnen anschließen? An. die wirklich religiös Gesinnten ist nicht zu denken; also an Reformfreunde? Genügt diesen denn nicht die Rabbiner-Versammlung und die Berliner Reformgenosscnschaft? Ist da nicht sattsam über Abschaffung der hebräischen Sprache, über Verlegung des Sabbats auf den Sonntag, über die reicht nothweudige Beschneidnng, die Erlaubuiß zur Mischehe, gesprochen, und uns die Akten darüber zum Schluß gebracht; bedarf cs noch einer neuen Besprechung, einer Synode? Aber vielleicht glaubt Ihr eine Reaktion, und somit eine Vereinigung vieler Mitglieder zu erzielen? Nun dazu bedarf es doch der wirklichen frommen Sach- und Fachkundigen Nabbincn, die sich aber sicherlich nicht dieser Synode anschließen werden. Eben so wenig kann aber die Synode ans Geschäftsmännern und uichttheologischcn Gelehrten bestehen; denn selbst zum Niederreißcn bedarf es der Kundigen, wie jener Weise zu den unkundigen Richtern sprach, die den Talmud dem Scheiterhaufen übergeben wollten: „Man darf Niemand ungehört verdammen, und keiner von Euch ist 45*

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