Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 9 (1848)
- Issue
- Heft 45 (4.11.1848)
- Date
- 1848-11-04
- Page
- Seite 354 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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354 - nach wie vor nicht zahlen und die Vorstandschaft ist eine Illusion-. Selbst das Eigenthum, der Gemeinde, der alte Besitz aiy Häusern und Geld-Vermächtnissen, wird von dem Partei-Vorstande nicht benutzt werden können, da ein Theil der Gemeindeglieder, vielleicht gar die größere Hälfte, diese Besitzthümer gerichtlich reklamiren wird, wie bereits Anstalten getroffen sind. Der: Stimmführern dieser Partei war es auch nur um das Gemeinde-Vermögen, die Quelle ihrer Pfründen, zu thun, aber hierin lag offenbar eine Täuschung, indem sie glaubten, wenn, sie auf dem Wege der Jntrigue und der Ränke einen Vorstand ihrer Farbe zusammenbringen, sie dieses. Eigenthum für sich geborgen haben. Es wird nächstens eine wahrhafte Generalversammlung zusammen berufen werden, wozu auch alle Gemeindeglieder ohne Ausnahme eingeladen werden sollen. ZWien, 14. Oktbr. Wieder hat der Strom der Revolution bei uns dahwgebraust, wieder wurde eiu Blatt der Freiheit gepflückt und ich möchte Ihnen einige Zeilen senden, damit Sie erfahren, daß ich lebe. Von der Betheiligung der Juden an den Kämpfen der Demokratie, von dem Liebäugeln mancher jüdischen Fanatiker der Ruhe mit der Reaktion, werde ich Ihnen nicht speeiell berichten; denn es wird Ihnen einleuchten, wenn ich sage, daß die Juden in jederBeziehung im allgemeinen Leben aufgehen. Es haben Glaubensgenossen geblutet am großen Versöhnungstag des 6. Oktober, es wurden Glaubensgenossen schwer und leicht an diesem denkwürdigen Tage verwundet und Glaubensgenossen flohen auch mit dem Geld- oder Aristokratenpöbet, so daß kein Mensch die Gleichheit unserer Israeliten mit den übrigen Einwohnern mehr bezweifeln kann. Es ist in der That merkwürdig, wie schnell man den Partikularismus, die Jsolirnng wegwerfen, wie schnell man die Freiheit begreifen kann l Erstaunt man schon, wenn man die Wiener im Allgemeinen umgewandelt sieht, so möchte man noch mehr über die wundersame Umwandlung der jüdischen Wiener erstaunen. Radikale und Republikaner, Demokraten und Linke wie allenthalben, tu der Nationalgarde veil gleicher trefflicher Geltungin der Neichsvcrfaimnlung von gesundem und kräftigem Sinne, und wären wir nicht staatlich emaneipirt, so würde der Staat fast in Verlegenheit sein. Ministcrialrath Dr. Fisch- Hof kam gerade vor unserer neuen Revolution von seiner Reise aus Galizien und der Bukowina zurück und welche Rolle dieser mäßiger Mann jetzt spielt, können Sie ans den Zeitungen ersehen. Zu den letzten Beschlüssen unserer Reichsversannnlung in feiner selbst von der Reaktion anerkannten Giltigkeit gehört die Abschaffung der Judmsteuer und aller speeiell die Inden betreffenden Lasten. Es war die Abendsitzung vom 5. Oktober, wo diese Schmach von uns genommen wurde. Nun kam der Kampf, der blutige Kampf und auch Juden bluteten. Ans dem Friedhöfe der Israeliten wurden den 10. dieses um 10 Uhr Vormittag drei Leichen beerdigt, welche bei dem Kampfe vor dem Zenghause gefallen; es warm Ad olph Kallus ky aus Pesth, Dr. der Philosophie und Rabbinatskandidat, Em a n n c l Epstein, Kaufmann . aus Kremst er uut> David L öb e l, Kaufmann aus Mattersdorf. Von dem Kampfplätze fort wurden sie, als Israeliten erkannt, in das jüdische Hospital gebracht und von. da endlich zur Gruft geführt. Unser Prediger Dr.. M a n n h e i m c r hielt bei ihrer Beisetzung eine ergreifende tieferschütternde Rede und eine Kompagnie Garden und Legionäre erwiesen den gefallenen jüdischen Demokraten die letzten Ehren. Dieser große Geist der Selbstemancipation durchdringt die ganze Judengemeinde hier, sie fühlen und kämpfen mit der Gesammtheit und fast ist es uns unmöglich, aus in dm frühem Separatismus hineinzudenken. Unsere israelitische Gemeinde hat von heute an in ihrem Spitale (Rossau, Judengaffe Nr. 50) einen Saal mit 12 Betten zur Aufnahme für Verwundete einrichten und dem Gemeinderath anbieten lassen. Wien, 10. Oktbr. Gestatten Sie mir, über eine Reichstagsverhandlung, die für die Freiheit der Juden von großer Bedeutung war, einen kurzen Bericht zu erstatten. Es betrifft die Sitzung vom 5. Oktbr. Abends, wo die Debatte über den J. §. des Antrages der Finanzkommission eröffnet wurde. ,,Paragraph I!. lautet: ,,Dic Judensteuer ist aufgehoben, und vom 1. November 1848 an nicht mehr anszuschrciben. Dü Rückstände an der bis zu diesem Zeitpunkt bestandencri Gebühren hingegen sind im ordentlichen Wege einzubrinejeu." — Hierüber entspann sich eine lange und sehr lebhafte Debatte. Es wurden mehrere diesen ursprünglichen Antrag erläuternde und erweiternde Amendements gestellt, die. wir bei der Erwähnung^ ihres Resultates mittheileit. Nun ließen mehrere Redner in dieser Angelegenheit sich cinschreiben. Abg. B orr o sch sprach mit seltener Menschenfreundlichkeit und Energie, mit bewnnderungswürdigeur Scharfsinn und Geiste über das Entstehen und das ganze Wesen der Judmsteuer, diese war stets eine schmerzliche Euterbenle an dem gesunden Körper des österreichischen Staates, diese müsse vollkommen .geheilt werden, wenn der erkrankte Staatskörper erkräftigen und erstarken soll. Alles was wir Schwarzes und Schlechtes den Juden zumnthen und znschreiben, hat seine Quelle, wenn es sich wirklich, ob auch gewiß nicht in so schrillen schwarzen Farben, unter ihnen fluten sollte, in uns selbst, und in den harten unchristlichcn ja grausamen Maßregeln und Gesetzen, unter, welchen sie in unserer Mitte leben. — Hierauf sprach in noch schönerem erhebendem Tone der Abg. Füstcr über diesen Antrags Mit außerordentlicher Sachkenntniß entfaltete er eine anSgebreitete Kenntniß in der neuen und alten Geschichte der Inden. Wir guten Christen, sagte er, sprechen den Inden alle Vaterlandsliebe, alle Nationalität ab, fragen