Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 1848
- Issue
- 44 (28.10.1848)
- Date
- 1848-10-28
- Page
- Spalte 693-694 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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603 694 Studien. Biographie Hillel's. Von Dr. Biesenthal. ' Diese und ähnliche Sittensprüche machten auf die damalige indische Welt einen um so größern Eindruck, als der Urheber derselben durch sein Leben und seinen Wandel sie auch praktisch lehrte. Und so kam es', daß nicht allein er selbst, sondern auch seine eigenen Kinder und deren spatere Nachkommenschaft einige Jahrhunderte hindurch sich des größten Ansehens, namentlich das des gemeinen Mannes in einem, äußerst hohen Grade, zu erfreuen hatten. Won seinem Enkel Gamaliel heißt es ausdrücklich (Apostelgeschichte 5, 34) er war geachtet von dem ganzen Volke, zifuog tcuvti TCp?«CiCO. Lasten sich nun die Verdienste Hillels um die Wiederherstellung und um die neue Begründung der Tradition nicht übersehen, so können wir doch keinesweges die Prädikate, die ihm von seinen Zeitgenossen beigelegt wurden, billigen, und am wenigsten möchten wir es wagen, ihn auf eine Stufe mit dem Propheten Esra zu stellen, obgleich der Talmud solches ganz unumwunden thut. Die Worte des Talmuds tauten 17: Als ehemals das Gesetz in Israel vergessen wurde, da kam Esra aus Babylonien und stellte .es wieder her; als es abermals vergessen wurde,, kam H illel der Babylonier und begründete es neu. Bei seinem Tode wurde er auch als Schüler Esras betrauert.^ Denn, wenn wir auch seine Absicht nicht verdächtigen wollen f so stellen sich doch in der Art und in der Weise seiner Reformation Mängel, Fehler und Mißgriffe dar, die keinesweges bei einer gerechten und unparteiischen Beurtheilung übersehen werden dürfen. Seine Absicht, sich bei der großen Masse des Volkes beliebt und populär zu machen, hat er allerdings erreicht; aber ob die Mittel, die er zu diesem Zwecke angewendet, auch die rechten waren möchten wir sehr bezweifeln. Das rohe ungebildete Volk suchte er nicht in den lebendigen Geist des Gesetzes durch populäre Vorträge einzuführen, sondern er lehrte es vielmehr durch spitzfindige Deuteleien zu umgehen. Das oben von uns angeführte Beispiel seiner Verordnungen in Bezug auf das Sabbatjahr beweist das Gesagte hinlänglich. Und in der That haben sich auch damals schon und nicht lange nachher mächtige Stimmen gegen die gedachte Einrichtung erhoben, welche die von dem Gerichtshöfe ausgestellten Dokumente zur Einforderung der Schulden des Sabbatjahres ganz unumwunden „die Schmach der Gerichtshöfe"^ nannten. Man schrie laut über die Zerstörung und Untergrabung des Gesetzes,^ aber es blieb auch der dem Schreien, weil dem Volke solche Verordnungen erwünscht waren und keiner wagte es selbstständig demselben zu wlderspre- 17) Sukka 20 a.- Nuy nty bfs'i^D mm nranuotio mm tonn bVn nby nrrantwi min , mm bna. 18) Sota 25 b: Nnty bw 'TD^nD )0J/ 'n TOtn ',1 -Dion. 19) Gittin 36 b : .... Min MJ«TI MJlÄlJl N^3Dn& 'Mn. 20) Ibid. 36a: NCJDC5« MnmiMim ’TlD M3'M >D umwa töi bbn ppnni n’jratp? eben. „Wenn ich m e h r Macht halte als Hillel", so rief ein Rabbi in seinem machtlosen Zustand aus, würde ich diese wegen des Sabbatjahrs21 gegebenen Verordnungen Hillels aufheben." War nun die Art und Weise Hillels selbst zur Hebung wahrer Gottesfurcht nicht sehr förderlich, so war das Treiben seiner Schüler, um so gefährlicher und nachtheiliger, als sie jede Achtung, die noch im Volke gegen das väterliche Gesetz war, durch ihre leichtsinnigen Reformen auf Alle erdenkliche Weise zu untergraben suchten. Die früher allgemein unter dem Volke verbreitet gewesene Ansicht, daß das mündliche Gesetz nur eine Erklärung des geschriebenen sei, verschwand, als man wahrnahm, daß das erstere gegen das letztere destruktiv verfahre und dasselbe theils zu vernichten, theils zu umgehen eifrigst bemühet war. „Als die Zahl der nicht gehörig in den Schulen vorbereiteten Schüler Schammai's und Hillels' zunahm, häuften sich die Streitigkeiten in Israel und das einfache Gesetz Gottes wurde zu einem doppelten und zwiefachen.22 Man hat also, um die Gunst des Volkes zu erlangen sich dem Volke gleichgestellt, mit ihm geliebäugelt, so daß das Volk nachher die Lehrer beherrschte. -- Durch diese destruktive Richtung sank das ohnehin schon entsittlichte Volk immer tiefer und tiefer. Unter den bedächtigern und besonnern Thcilen des Volkes bildete sich daher auch ein so entschiedener Widerwille gegen alle und jegliche Reform, als sie die Gefahr und die traurigen Folgen der gar zu schnellen Reformen Hillels und seiner Schüler nur zu deutlich gesehen haben. Auch hier begegneten sich, wie immer die Extreme und stellten sich in mächtiger, feindlicher Opposition gegen einander. Im Neuen Testament wird in keiner Beziehung des Hillel Erwähnung gerhan, obgleich er, oder sein Sohn Simeon, um die Zeit, als Jesus lehrte, die Präsidentur des Synedriums inne gehabt hatte. Dies dürfte auffallend sein. Indessen lassen sich manche Spuren ausfindig machen, die deutlich und unzweifelhaft die Ansicht Christi über die ganze Richtung Hillels und dessen Schule darlegen möchten. Die neuen und alten Kommentare des Neuen Testaments haben den 17. Vers des 5. Kapitels Matthäi, als eine Crux Ihterpretum von jeher angesehen. Der neueste, vollständigste Kommentar der B erg p red igt ist der von Th o lu ck, wo eine reiche und gut gewählte Zusammenstellung älterer Ansichten sich findet. Jedoch auch für diesen gelehrten Exegcten scheint manche Schwierigkeit zur Erklärung dieser Stelle obgewaltet zu haben. (Beschluß folgt.) 21) Ibid. 36b: .TlfeiN bblO nni’ DM. 22) Sota 47 b: Wm (j>ni ’MDi2> 'TObn 131L-Q nmn mtw min n’ttfjm ^M-wn npi^no an pns bn. 44