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Der Orient · 1848-10-28 · Heft 44 (28.10.1848) · p. Seite 351

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Journal
Der Orient
Volume
9 (1848)
Issue
Heft 44 (28.10.1848)
Date
1848-10-28
Page
Seite 351 (sequence 13)
Language
German
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351 wie bereits bemerkt worden ist. In dieser großen Bedrängmß entschloß sich der Syuagogen-Vorbeter seine Freiheit, ja sein Leben daran zu wagen und ohne Erlaubuiß dahin zu reisen. Unerschrocken und keine Gefahr scheuend , wußte er sich einige Zeit in Petersburg aufzuhallcu, es gelang ihm auch mit unendlicher Mühe einzelne Bittschriften im Namen seiner Gemeinde mehreren Mitgliedern des Senats und des R e ich s r a th s zu überreichen. Mein welches Gewicht konnte er in die große Wagschale legen? Was vermag ein unglücklicher Jude, dem es nicht einmal erlaubt ist seinen großen Jammer in dieser für ihn ewig verschlossenen Stadt laut werden zu lassen gegen jene seine Unterdrücker, die sich überall frei und froh bewegen dürfen?? Traurig und mnthlos kehrte er nach vielfach überstandenen Drangsalen zu seinen Harrenden Brüdern zurück; keinen Trost, keine Hoffnung hatte er für sie, denn ihr Loos war entschieden, der gute Wille des Kaisers ist nicht erfüllt worden, sie mußten bleiben, was sie waren: ,,elend und schmachvoll.^ — Hätten sie mir irgend einen wesentlichen Anhang in Petersburg gehabt, hätten sie es vermocht, daß ihre biitnen Klagen zu den Ohren des Monarchen ge-, drungen wären, dann würden ihre Gegner nicht allein abgewieftn, sondern wahrscheinlich auch bestraft worden sein; .denn des Kaisers Wort ist heilig, und wehe dem, der es zu mißdeuten oder gar zu verwerfen sucht. Indessen hat diese kleine Gemeinde, oder richtiger diese kleinste jüdische Gemeinde in Rußland alle ihre Kräfte Aufgeboten, alle ihre nur irgend zu Gebote stehenden Mittel vereinigt, um ihrer Jugend eine religiöse und moralische Bildung geben zu lassen. Seit 10 Jahren haben die Juden in Riga eine Elementarschule errichtet und einen studirtcn Rcligionslehrer und Prediger angestellt,*) das erste und bis jetzt einzige Beispiel in ganz Rußland. — Leiter find die meisten Jünglinge genöthigt, da sie in ihrer Geburtsstadt weder ein bürgerliches Geschäft, noch ein Handwerk gleich den Christen zunftmäßig treiben dürfen, entweder ein anderes Vaterland zu suchen oder nach Petersburg oder Moskau zu reisen und dort au s V erzw ei flung das heilige Kreuz zu umarmen 111 Wir erlauben uns hier noch einen Beweis anzuführen, wie der Kaiser gerne judenfeindliche Verleumdungen unterdrückt, wenn er von glaubwürdigen Männern überzeugt wird, daß es nur Verleumdungen sind. **) Odessa, eine kaum 70jährige und aus Fischer- Hütten entstandene Stadt ist zum Theil auch von Juden erbaut und bevölkert worden. Sie gehörten zu den cr- *) Gegenwärtig ist es der rühmlichst bekannte Dr.Neumann cms Baiern. *') Mehrere großartige Züge des Kaisers gegen einzelne Juden siyd mir von verschiedenen Männern auf meinen Reisen in Rußland mitgetheilt worden» sten Bewohnern dieser Stadt und mit der zunehmenden Bevölkerung wurde auch die Zahl der Juden immer größer, so daß sie immer ein Drittel oder wenigstens ein Viertel der Einwohnerzahl derselben betrugern Auf ihre Vermehrung wie auf ihren Wohlstand, den einzigen, den man unter den Juden in ganz Rußland findet, neidisch, wurden sie wie in Kieff von mehren christlichen Kaufteuten und durch diese auch von einigen hohen Beamten höchsten Ortes verleumdet und fast war der Entschluß reif sie ans Odessa zu verweisen, und ein einziger Federstrich hätte sie alle ins größte Unglück geführt« Da war der allgemein geliebte und mit Recht hochgeschätzte Fürst Woronzow ihr guter Engel, der sie von dem tiefen Abgrund rettete, in welchen sie gestürzt werden sollten. Er bewies wie viel die Stadt durch Juden gewonnen, wie sie gerade durch diese Einwohner immer größer und für den Handel Rußlands immer wichtiger und einflußreicher werden könnte. Und so geschah es denn, daß der Kaiser fortan den Verleumdern kein Gehör gab, die Juden blieben nach wie vor in Odessa, und zwar im Genüsse aller Handelsfreiheiten. Auch zeigte es sich bald, daß dieser wahrhaft edle und humane Fürst Woronzow eben dadurch sowohl der Wohlthäter der Juden als auch vieler Muffen und Griechen war. Seit länger als 25 Jahren daß dieser Fürst General-Gouverneur von Südrußland geworden ist, hat sich Odessa um das zweifache vergrößert und verschönert. Die Handelsverbindungen dieser Stadt gehören, und zwar größtentheils durch Juden zu den größten in Rußland, sie ist nächst Petersburg und Moskau die erste Stadt in dieser großen Monarchie und steht durch ihre direkte Verbindung mit den größten Städten Europas und besonders durch die toleranteren Prineipien, die in ihr allgemein herrschend find, auf den Punkte, die alte Czarenstadt Moskau zu übertreffeu." (Beschluß folgt.) Etwas über das Mische Schulwesen im Reaierunqsbezirk Marienwerder von W-N. (Schluß.) Die Seele des Ganzen ist der dortige Rabbiner Herr De. Klein, der nicht nur auf die Erwachsenen sehr wohlthätig wirkt, indem er sie durch seine trefflichen Predigten vor jenen Sophismen und funkelnagelneuen Rcformtheorlen, die man als Iudenthurn auszugeben beliebt, zu warnen und zu wahren und für das wahre Judenthum und seine heiligen Institutionen zu begeistern sucht, sondern als Rektor der eben erwähnten Schule auch zugleich Lehrer der Jugend ist und

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