Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 9 (1848)
- Issue
- Heft 44 (28.10.1848)
- Date
- 1848-10-28
- Page
- Seite 350 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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350 taufte Juden, welche die Noth, die Verzweiflung zum Christenthume geführt hat. Wie gerne hätten diese Russen die spanischen Inquisitionen herbeigeholt, um auch die Neubekehrten aus dem Wege zu räumen!!! Seit 1835 , wo die Juden Kieff geräumt haben, ist diese Stadt, wie Spanien seit der Vertreibung der Juden, .in ihrem hundertjährigen Wohlstände immer mehr gesunken und die russischen Kaufleute in ihren großen Erwartungen getäuscht/ nehmen, da sie keine jüdische Konkurrenz zu befurchten haben, zu unerhörten Prellereien ihre Zuflucht, so daß der Generalgouverneur, der das Seinige zur Vertreibung der Juden beigetragen, schon oft die Zurückbernfung derselben gewünscht hat. — 2) Die Vertreibung der Juden aus den Dörfern, die seit 20 Jahren nach und nach ins Leben getreten ist, hat mehr als 200,000 unschuldige Menschen ins größte Unglück gestürzt und sehr viele sind dadurch ein Opfer der Hungersnoth geworden. Denn diese Menschen wie alle ihre Vorfahren waren in "Dörfern geboren und erzogen, kannten kein anderes Leben als ein bäuerisches, ihr ganzes Glück bestand in einem Stück Brod, in einer Kartoffel und vor Allem -in der Anbetung - eines einzigen Gottes. Nun wurden sie mit einem Male aus ihrer Ruhe und Zufriedenheit gerissen und in die Städte gejagt, wo schon Tausende ihrer Brüder im, grenzenlosen Elende schmachten. Nun sollen sie unverhofft ein städtisches Leben führen, wozu sie weder Geschick, Talent noch Geld hatten. Ist es also ein Wunder, daß Tausende den schrecklichsten Hungertod erlitten? Darf es befremden, wenn Tausende dieser Unglücklichen zum Altäre des Christenthmns ihre Zuflucht nahmen? Ja, die innigsten und tiefsten Seufzer sind hier aus der beklommenen Brust dieser Schlachtepfer zum himmlischen Vater emporgestiegen, die heißesten Thräuen sind hier von ihren halbverzehrten Wangen unaufhörlich herabgeflossen, aber es waren Blutsthränen, die wahrlich der Kirche kein Heil bringen können!!! — 3) Die Vertreibung der Juden aus den seit 15 Jahren neu gebildeten Militär-Kolonien, hat ihr Unglück bedeutend vergrößert und mehr als 50,000 von ihnen sind dadurch an den Rand des Abgrundes gebracht worden. Dies Unglück entstand dadurch, daß sämmtliche Güter derjenigen Edelleute, die an den polnischen Unruhen 1830 und 31 Theil genommen hatten, konsiseirt und ganz in Militär-Kolonien verwandelt wurden und also alle Juden daraus vertrieben werden mußten. Denn eine Militär-Kolonie ist heilig und kann durch Berührung eines Inden entheiligt werden, welches wohl vermieden werden muß. Nur in zwei Städten dursten die Juden bleiben , in U m a n und in M e j e b i sch , dem GründungSortc und Hanptsitze der Chasidim. *) Das war der Lohn der Juden für ihre unerschütterliche Treue ’) Eine ausführliche Beschreibung dieser jüdischen Sekte wird im 1. Bande meines Tagebuches enthalten sein. und Anhänglichkeit an die Regierung, welche sie auch in diesem Kriege so vielfach an den Tag gelegt haben. Auf diese Weise wurde in diesem Laude seit länger als 20 Jahren der Raum, in welchem die Juden sich bewegen dursten, immer mehr beengt und die ihnen zum Bewohnen erlaubten 18 Gouvernements sind in sich auf zwei Drittel, ja auf die Hälfte reduzirt worden. Wäre nun auch der Mas vom 15.Mai 1843: ,,Die Juden 50 Werst, von allen Grenzen zu entfernen/^ ins Leben getreten, dann wäre das Maaß ihrer Leiden voll gewesen und grenzenloses, Elend wie die Geschichte, ja die Welt kein ähnliches aufzuweisen hat, würde sie heimgesucht haben. Aber eben dies, daß Vieser Ukas auf höchsten Befehl nicht vollführt werden durste, giebt uns den vollständigsten Beweis/ daß der Kaiser, obgleich kein Freund der Juden, jedoch immer nur das Bessere gewollt und durch Verleumdungen der Jndenseiude veranlaßt wurde, dieselben zu beschränken. Hätten es die Juden dahin bringen können, den Kaiser jedes Mal von der wahren Sachlage zu überzeugen, daun wäre gewiß manche Verfolgung unterblieben, aber dazu mangelte es ihnen an Kraft, Muth und besonders an Gelegenheit, da sie fern von der Hauptstadt, fern von dem Monarchen und ganz den Händen des Gouverneurs und des Ministers überliefert sind. — Welche unheilbare Wunden hat ihnen der v o r ig e Finauzmiuister beigebracht? Welche unerhörte Qualen und Martern haben sie Jahre lang ertragen müssen durch den Gouverneur von W... den F. Ch..., der blutdürstend sich gleichsam in ihrem unschuldigen Blute gebadet hat und wie wenig Gutes haben sie von dem gegenwärtigen Minister des I n n e r n zu erwarten?? — Aus eben demselben Grunde, daß die Inden in Rußland ganz verlassen und verwaist dastehen, geschieht es zuweilen, daß der gute Wille des Kaisers gemißdeutet wird, und ein Ukas, der für sie günstig ist, nicht in Kraft tritt. So ist den Juden in Riga durch ein kaiserliches Reglement vom 25.April 1835 das Bürgerrecht mit einigen Beschränkungen ertheilt worden. Diese, die bis dahin auf eine furchtbare Weise unterdrückt waren, so daß ihnen von den Behörden nicht einmal gestattet wurde die livländischen Jahrmärkte zu besuchen, wollten diesem Reglement gemäß nicht mehr den Schacher- und Schleichhandel, sondern öffentlichen Handel treiben und Läden mit verschiedenen Waaren öffnen. Allein dies wurde ihnen nicht gestattet und was geschah? Die Christen schickten eine Deputation nach Petersburg/welche mit großen Empfehlungen und mi? vielem Golde versehen war, und wo das eine fehlschlug, mußte das andere Helsen. Auch die Juden wolll tcn eine Deputation für ihre gerechte Sache nach der Residenz senden, aber dazu waren sie zu arm und was noch viel schlimmer war, es fehlte ihnen dazu die Erlaubniß, da kein Jude nach Petersburg reisen darf, ausgenommen in Geschästsangelegeuheiten auf eine kurze Zeit,