Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 9 (1848)
- Issue
- Heft 44 (28.10.1848)
- Date
- 1848-10-28
- Page
- Seite 346 (sequence 3)
- Language
- German
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- 346 - niß der Religionsgesellschaften zum Staate regelnden Gesetzes angetragen. Hiermit sind unsere so lange vernachlässigten Juden den Christen politisch vbttig gleichgestellt; auch ward auf desfallsige Anfrage von dem Senatskommissar die Erklärung abgegeben, daß Gesetzvorlagen über die gewerblichen Verhältnisse der Juden und deren Aufnahme in die Stadt bereits im Senate bereichen seien und binnen kürzester Frist der Bürgerschaft vorgelegt werden wurden. Im Uebrigcn ist von der Bürgerschaft das allgemeine gleiche Wahlrecht nunmehr insofern genehmigt, daß fortan alle Staatsbürger an den Wahlen der Repräsentanten direkt Theil nehmen, von denen 90 von den vier städtischen Quartieren der Stadt, nach Maßgabe der Seelenzahl, und 30 von den sechs ländlichen Wahlbezirken ebenfalls nach Seclenzahl gewählt werden. . (H. C.) Desterreichische Nebenlander. KraktNl/ im Okt. (Ein Wort über die hiesigen Zustände.) Mit dem Aufschwünge, welchen hier die Staatsverwaltung seit den Märztagen genommen, ist das Verhältniß der hiesigen Judenschast zum Staate in ein neues Stadium getreten. Unter dem alten Regime waren die hiesigen Juden nur,Insassen, bildeten eine besondere Korporation, von aller Leitung des Staates fern stehend, weshalb auch ihre innere Entwickelung einen nur geringen und unmittelbaren Einfluß ausübte auf die Gestaltung des Ganzen. Durch die ihnen jetzt zucrkannte Theilnahme an dem politischen Leben, wurden sie ein integrirender Theil des Staates, ein unzertrennliches Glied des gesammtcn Organismus, und deren sittliche, intellektuelle und religiöse Ausbildung ist für den Staat eine Lebensfrage. Indem aber eine solche Ausbildung fast ausschließlich von den Erziehungsanstalten ausgehet und ausgehen muß, so ist es natürlich eine wesentliche Aufgabe des Staates, für diezweckmäßigen Einrichtungen solcher Anstalten zu sorgen, was bei den hierländischen Juden um so mehr Noth thut, als sie durch den bisherigen Druck ans einer Bildungsstufe stehen, welche für sie durchaus eigenthümliche Institutionen unumgäuglich nothwendig machen. Erfreulich ist es daher, in der hiesigen Gemeinde eine derartige Anstalt anzutreffen, welche, den Zuständen und Verhältnissen derselben gemäß, auf das Entsprechendste eingerichtet, bereits viele gute Früchte getragen und bei dem immer mehr rege werdenden Sinn für europäische Gesittung, eine völlige moralische Erhebung und politische Befähigung in Aussicht stellt. Diese Anstalt ist die Handel- und Industrieschule auf dem Kasimir, welche 1835 in ihrer jetzigen vollkommneren Gestalt durch den zeitweiligen Direktor derselben, Hr. Adolf Lewizki, gegründet wurde. Derselbe hat Anfangs auf scheinbar unüberwindliche Hindernisse gestoßen , indem wie gewöhnlich alle neuen, wenn auch noch so nothwendigen Verbesserungen dem großen Haufen als religiöser Zwang (?]) nnd Beeinträchtigung erscheinen. Dank aber dem Lichte, das die Finsterniß verscheucht, wie auch den rastlosen Bemühungen des gedachten Hrn. L. fing das Volk an, nach und nach die Dringlichkeit dieses Instituts einzufthen, und immer mehr strömen demselben Schüler zu, so daß dasselbe im vorigen Jahre circa 400 Besuchende beiderlei Geschlechts zählte, welche Zahl in der Folge gewiß noch steigen wird. Bel alldem aber fehlt es leider hier nicht an einigen Individuen, die eben so obskurant als neidisch , scheelsüchtig und ohne alle Theilnahme sind für die bessere Erziehung der armen Klasse, und gedachte Schule durch alle möglichen Mittel anzuschwärzen, zu verdächtigen zu begeifern suchen. Während der dreizehn Jahre ihres Bestehens denuncirten sie dieselbe immerfort bei der Regierung, wurden aber von letzterer stets mit Verachtung zurückgewiesen, weil dieselbe durch eingezogene Erkundigungen und semesterialen öffentlichen Prüfungen von der Nützlichkeit und der guten Wirkung der Schule auf die Erziehung und Bildung der israelitischen Jugend sich überzeugte. Allein diese Herren werden nie in ihrem gehässigen Streben müde, und da sie nichts Wesentliches gegen diese Schule hervorzubringen haben, nehmen sie zu Sophismen ihre Zuflucht und wollen die regenerirte Freiheit als Mittel und Gelegenheit benutzen zu ihrem obskuren und engherzigen Plane. Wir wollen hier als ein den Parteien Fernstehender und unparteisch die Sache Auffassender, die sämmtlich vorgebrachten Sophismen beleuchten. Erstens, saget: sie, wäre eS besser, wenn die ganze jüdische Jugend christliche Schulen besuchte, um allein Separatismus zu steuern. Wohl klingt eine solche liberale Acußerung sonderbar im Munde derjenigen, die auf abgesonderte Tracht dringen,' die ihre Kinder in gar keine öffentliche Schule schicken, am allerwenigsten in eine christliche, was sie für eine Todsünde ansehen; abgesehen aber von diesem Aller:, wollen wir diese Einwendung auch objektiv würdigen. Ohne alle Raisonnements könnte wohl das Beispiel von Städten wie Berlin , Prag, Frankfurt a. M. re. genügen, in denen die Juden unstreitig auf eitler höhern Bildungsstufe stehen und nicht durch Tracht und Sprache gesondert sind und dennoch keine Kosten scheuen für Erhaltung jüdischer Schulen. Es könnten auch die Gründe, welche in Deutschland eben für diese besonderen Schulet: angegeben und die Miöstände hervcrgehoben werden, die entstehen müssen, wenn jüdische Kinder vor dem Jünglingsalter nur christliche Schulen besuchen würden; allein hier zu Lande sind alle dort angegebenen Gründe ganz überflüssig, dem: die Erziehung des größten Theils der hiesigen jüdischen Kinder auf christlichen Schulen ist eine reine Unmöglichkeit, indem sic von Hause aus weder der polnischen noch der rein deutschen Sprache kundig sind, und nur durch Beihülfe des üblicher: jüdischen Jargons