Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 9 (1848)
- Issue
- Heft 44 (28.10.1848)
- Date
- 1848-10-28
- Page
- Seite 347 (sequence 5)
- Language
- German
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347 ist es erst möglich, ihnen die verwandte deutsche und mittelst dieser die polnische Sprache beiznbringen, was natürlich mehre Jahre dauern muß, während welcher Zeit sie auf gedachter Handel- und Industrieschule alle einem gebildeten Menschen nöthigen Kenntnisse sich aneignen, zur zweiten Klasse des Gymnasiums sich vorbereiten, wie auch den Unterricht in der jüdischen Religion und im Hebräischen genießen können. Es sind auf diese äödjc auch. alle Juden, welche die höhern Schulen besuchten und besuchen, aus gedachter jüdischer Schule hervorgegangcn. — Aus Obigem erfolgt ec> ipso die Erledigung des zweiten gegen diese Schule gemachten Vorwurfs, daß Ln ihr nämlich nicht alles (?) polnisch, sondern theilweise auch derrtsch vorgetragen wird, was diese Herren nicht für genug patriotisch finden. Es erhellt aber aus Gesagtem zur Genüge, daß hier die deutsche.Sprache als Mittel zur Erlernung des Polnischen durchaus unentbehrlich und der einzige mögliche Weg zur Bildung der israelitischen Jugend ist. Es lehren auch hier unter 9 Lehrern nur Z Alles in deutscher Sprache, und wer hier näher bekannt ist, weiß wohl, daß alle Lehrer gedachter Schule wahre Patrioten sind und Alles anwenden, um die Schüler für die gute Sache reif zu machen,. während der größte Theil der Allkläger und Unterminirer der Schule nichts weniger als Demokraten und acht national gesinnt sind. Der dritte Einwurf ist, die Gemeinde besäße keine hinlänglichen Fonds zur Bestreitung der Unkosten dieser Schule, oder richtiger, die Gemeinde will hinfüro nicht mehr diese Last tcagenl Wir hoffen zwar, daß bei der neuen Gestaltung der Dinge auch diese Schule von der allgemeinen Staatskasse erhalten werden wird; wir müssen es aber aussprechen, daß dieser Ausspruch an und für sich der gemeinste Sophismus ist, der die Wahrheit mit aller Gewalt zu Hintertreiben Utld die Ungerechtigkeit und Lüge geltend zu machen strebt. Ist es nicht empörend und unverzeihlich, daß in einer Gemeinde von circa 13,000, sage dreizehntausend Seelen, wo es natürlich auch nicht an aller Art Luxus fehlt, für das wichtigste und nothwendigste aller jüdischen Institute, für die Erziehung der Jugend, keine 2000 Thaler jährlich aufgetrieben werden können?! Das erinnert wahrlich an jene Söhne Gad und Rubens, von denen die Rabbiner tadelnd sagten, daß ihnen ihre Schafheerden weit theurer wären als ihre Kinder. Wir hoffen aber, daß ohnehin das Werk der im Finstern Schleichenden nicht gelingen und zur Ausführung kommen werde und endigen im Namen aller Gutgesinnten in der hiesigen Gemeinde mit den Worten der Schrift. (Jes. 8, 10): Sinnet auf (schlechten) Rath, Er kommt nicht zur Ausführung, Verleumdet durch falsche Worte, Sie werden nicht Bestand finden, Weil mit uns Gott ist. Umis pro multis. Krakau, 1. Sptbr. Endlich fangen die Freiheitöideen an, aus der bloßen Sphäre der Theorie und des geistigen Denkens in die praktische Wirklichkeit überzugehen, um im Leben einen festern Anhaltspunkt zu finden, und sich durch die Verkörperung in der zeitgemäßen Institution dauerhaft zu konsotidiren. Das freisinnige auf Volkswohlfahrt fußende neue Regime tritt an die Stelle des Metternich'schen Machiavellismus, und der alte Polizcistaat muß dem echt volkstümlichen Verwältungsweseu Platz machen. Auch hier sehen wir mit Freuden dem beginnenden Neubau des sich umgestattenden Staatslebens zu, und dem ueuangestellten Gouverneur über Galizien, dem Hrn. Zalewöki, wurde die erhabene Mission zu Theil, die Hand an das Reorganisationswerk Galiziens zu legen, um das morsch gewordene Gebäude der Städte- und Gemeindeverwaltung auf die Grundpfeiler freier demokratischer Einrichtungen neu aufzurichten, auf daß es nimmer durch einbrechende Stürme mehr erschüttert und gewaltsam aus den Fugen gerissen werden könne. Hr. Zalewski hat seine Thätigkeit hier damit begonnen, daß er durch öffentliche Kundmachung die Polizei aufhob, und ein baldigst ins Leben zu tretendes Municipalamt, unter dem Namen ,,Stadtrath", welches arrS dem Volke selbst ohne Unterschied des Standes und der Konfession gewählt und zusammengesetzt sein wird, einzuführen erklärte. Auch find Geschwornengerichte, vorläufig für Preßvergehm, eingcsührt worden, zu denen 400 Bürger, darunter 150 Juden, gewählt werden. Krakau, 12. Sptbr. Ein neues politisches Leben ist unter den hiesigen Juden seit den ausgeschriebenen Wahlen zum Municipalamt erwacht, und es fehlt natürlich nicht an Umtrieben und Jntriguen von Seiten der frömmelnden Partei, um den Verfechtern ihrer Farbe die Wahl zu sichern, uneingedenk der krassen Ignoranz und Ungeschliffenheit derselben, welche sie des Dötfn wegen wenigstens zurückhalteu sollte, sich mit aller Gewalt um solche wichtige, umfangreiche Kenntnisse und anszeichnende Eigenschaften erfordernden, Aemter zu bewerben. Allein wie in der heutigen politischen Welt ist auch hier weniger Klugheit und biederer Sinn für das allgemeine Beste, als vielmehr egoistische Verblendung und Parteileidenschaft i'.n Spiele, und der Rabbiner B. Meisels folgt gewiß mehr seinem eigenen Vorlheil und Nutzen, da er sich so viel Mühe gibt, seine Kandidaten (worunter begreiflicher Weise auch sein eigenes ,,Jch") durchzusetzen. Der Mann glaubt, aus Kapacität kommt es hier nicht an, und nicht die Fähigkeit und das Verdienst, sondern die Stelle und der Gehalt, den Beamten, Rabbiner oder Deputaten ausmachen. Die Erfahrung wird ihn aber bitter enttäuschen, und so wenig wie er seine Wahl als Dcputirter zum Reichstag durchgesetzt, so wenig wird es ihm mit seiner Kandidatenliste gelingen, denn die ge- 44 *