Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 9 (1848)
- Issue
- Heft 43 (21.10.1848)
- Date
- 1848-10-21
- Page
- Seite 343 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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343 (erricht zu verwenden (und warum sollte sie das nicht?) und darin noch von den Eltern der sich dort befindenden 50 schulfähigen Kinder ein' jährlicher Schulbeitrag zusammengebracht würde — sehr leicht eine öffentliche Schule errichtet werden? wie dies z. B. in Deutsch-Crone geschehen, wo die Gemeinde früher ebenfalls der dortigen katholischen Schule angeschlossen war, im Jahre 1842 aber auf Anregung eines achtbaren Gemeindegliedes, des Herrn L. Apolant, sich von derselben trennte und eine öffentliche Schule mit zwei Lehrern, errichtete, Aehnliche Verhältnisse, wo die jüdischen Gemeinden zu den christlichen Ortsschulen beitragen, ohne einen diesen Beiträgen entsprechenden Nutzen davon zu haben, finden sich in vielen Orten, von denen wir hier nur: K r o j a n k e mir c. 150 schulfähigen Kindern, F l atow mir 100, Zempelburg (wo c. 1600 Juden wohnen) mit mi hr als 250, Lu ch el mit 150, Culm mit 90, S ch l ochau mic 70 und Conitz mit c. 60 nennen wollen; und wenn sich nur allerwärts auch ein guter Geist, ein Geist der Erkenntniß ein ihatkräftiger, ernster Wille fände, so würde die Errichtung öffentlicher Schulen gewiß zu Stande kommen. Was solche öffentliche Schulen wirken können, sehen wir ganz besonders an den jüdischen Gemeinden der Provinz Posen. Zu dem Aufschwünge, der die letzten Decenien in der Bildungsstufe der jüdischen Bewohner Posens hervorgebracht, haben — das wird uns jeder Sachkundige zugcstehen — die dort überall bestehenden südlichen Schulen sehr viel beigetragen. Und nenn diese auch nicht allenthalben das Wünschenswerteste leisten, namentlich da, wo sie noch nicht lange bestehen, so ist theils der Lehrerwechsel, der auch dort, besonders bei solchen Schulen und Schulkaffen, die ein geringes Einkommen gewähren,^ noch allzuhäusig vorkommt, theils .aber auch die 13) Biele Gemeinden der Provinz Posen scheinen in der schlechten Besoldung der Lehrer mit den lieben Meklenburgern zu wetteifern. In manchen derselben ist das Honorar des Lehrers so fürstlich — gering, wollte ich sagen, daß dem Lehrer nach Abzug dessen, was Wohnung und Mittagrisch kosten, noch so viel übrig bleibt, daß er täglich (zum Adendbroc) eine Flasche Bier (aber kein Stettiner) trinEen und ,vroj* kann man mehr verlangen) noch eine vaterländische Cigarre (für einen Schilling) rauchen kann. — Ist das nicht erfreulich? — Solchen Gemeinden müßte einmal eine Dankadresse gebracht werden mir dem Motto: „Es lebe die Menschenliebe!" Es erregt wahrlich eigene Gefühle, wenn man so die Annoncen über die Schulvakanzen liest; wenn es dann immer heißt: Der Lehrer kann sich sein Einkommen durch Privat - Unterricht rc. vergrößern! Also Ihr wollet einen Mann haben,'dev, wie dies namentlich in den mecklenburgischen Kehilot gefordert wird, Lehrer, Vorbeter, Schächter, Chorleiter und mitunter sogar noch Prediger sein soll, und bei allen diesen Funktionen soll er sich durch Privatstunden, die er giebt, bezahlt machen? Es erinnert mich dies an jenen Polen, der seinen Freund X. aufforderte, sein Kompagnon zu werden, alsdann wollen sie zusammen zur Leipziger Messe reifen; und alsX. nun fragte: "Me, Du willst nach L. reisen? Du hast doch keine M i t t el!" Sena* zur Antwort gab: „Nun, wir schnorren (betteln) uns Ueberfüllung der einzelnen Schulklassen daran Schuld, und es wäre wahrlich sehr zu wünschen, daß man, auch hierbei die Anordnung unserer Alten bca<^tenb,14 dem einzelnen Lehrer nicht so viele Schüler aufdrängen möchte.15 Ob aber die erwähnte Separation von den christlichen Ortsschulen, sowie die Einrichtung besonderer jüdischer Schulen höhern Orts genehmigt werden würde, unterliegt wohl keinem Zweifel, ja es ließe sich vielleicht dahin wirken, daß, namentlich an Orten, wo viele Juden wohnen, auch die jüdischen Schulen wenigstens theilweise aus Kommunalfonds erhalten werden. Freilich müßte diese Angelegenheit geeigneten Orts zur Sprache gebracht und mit Energie und Ausdauer verfolgt werden. Kleine Gemeinden, denen es nicht gut möglich ist, vollständige Schulen zu gründen, müßten wenigstens Religionsschulen errichten, d. h. Anstalten, worin die jüdische Jugend nach einem festgestelllen Lehrplane und in bestimmten Stunden (wo möglich in solchen, in welchen auch in den betreffenden christlichen Ortsschulen Religionsunterricht ertheilt wird, sowie Sonntags und Mittwochs Nachmittag) einen zeitgemäßen Unterricht in der Religion und in allen jüdischen Gegenständen erhalten. Aber auch die Neligionslehrer müßten, wie dies bereits die Vorsteher in der Provinz Sachsen im vorigen Jahre richtig erkannten und festsetzten, nach einer Probezeit eine definitive Anstellung erhalten, dann würde gewiß bei Weitem mehr geleistet werden, als bei der zeither so schwankenden und, man kann sagen, von Jahr zu Jahr gefristeten Stellung der meisten Lehrer. Die hier bemerkte Organisation von Religionsschulen dürsce sich ganz besonders auch für die meisten Gemeinden Hinterpommerns sehr zweckmäßig erweisen. Was wir von dem Schulwesen des Marienwerder'schen Departements gesagt, gilt im Allgemeinen auch vom Regierunsbezirk C ö s l i n.1G Namentlich ist es dort ein Uebelstand, daß Eine Person S ch och e t, V o r b e t e r, Chorleiter, G e m e i n d e - K a s s i r e r und dann auch (nebenbei!) Lehrer sein muß; und da sich nicht leicht ein Lehrer findet, dem nach diesem fünffachem Amte gelüstec, so wird's dem ersten Besten übergeben. Ob der Gewählte aber auch nur ein Iota von Pädagogik und die Hozooth (Kosten) zusammen und den Rest theilen wir uns!" — Doch hoffen wir, lieber Leser, daß es auch hiermit besser werden wird; die Ho ffn u ng ist ja so süß, so erhebend, so beseligend! 14) Jore Dea, Kap. 245, §. 15 heißt es: „Für 25 Schüler genügt ein Lehrer, sind's aber mehr als 25 dis 40, so muß der Lehrer noch einen Gehülfen erhalten; für mehr als 40 Schüler stellt man zwei Lehrer an!" 15) Mochte doch Herr L. W—l in Schn.l, dem wir hiermit unfern Gruß entbieten, seinen versprochenen Bericht über das Schulwesen aus Prov. Posen recht bald folgen lassen und möge er überhaupt bald wieder mit Etwas aufwarten; ebenso der Berliner * 16) Ueber das Schul- und Gemeindewesen des Stettiner und Stralsunder Departements vielleicht späterhin einmal.