Mannheim
Compact Memory

Der Orient · 1848-10-21 · Heft 43 (21.10.1848) · p. Seite 340

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Orient
Volume
9 (1848)
Issue
Heft 43 (21.10.1848)
Date
1848-10-21
Page
Seite 340 (sequence 7)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2360092-2360526-2360570--6599-3534540
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

— 340 Zur Bestätigung dieses Ausspruches Friederich's sagt Anonymus jesuitisch: 8) Gewissensfreiheit ist eine schöne Sache und er ist wahrhaft der Letzte, der sie beeinträchtigen will. Wenn ihm die Religion und'Gewissensfreiheit so warm am-Herzen liegen, dabei aber so oft die Juden „Fremdlinge" Nennt und als solche auch behandelt wissen will; so können wir uns der Frage nicht erwehren: warum er die Bibel so . frech aus den Augen setzet? darin heißt es ja: „Unterdrücke keinen Fremden, kränke ihn auch nicht mit Worten" rc. Auch der Apostel des christlichen Glaubensstifters lehrt: „Zeder, aus allem Volke, der Recht thut, ist Gott angenehm" rc. Ferner rügt jener Judenfeind so oft mit den grellsten Farben: 9) Die Kreuzigung des christlichen Glaubensstifters. Wenn wir uns nun auch zuvörderst auf die christlichen Religionslehren und deren Grundsätze beziehen, worin erörtert- und angenommen wird: „Der römische Statthalter Pilatus ließ ihn kreuzigen, dadurch ward erfüllt der Rath Gottes, nach welchem der christliche Glaubensstifter sein Leben zum Heile des menschlichen Geschlechtes lassen, und sein Blut zur Vergebung ihrer Sünden vergießen sollte" rc.; so darf den Juden wegen dieser Kreuzigung durchaus nicht das'Mindeste zur Last gelegt werden, weil nach dieser ebenbemerkten Annahme, Gott, zur Ausführung seiner Absicht und seines Willens, die damaligen Juden einzig und allein dazu bestimmt hatte. — Wenn jedoch die Christen auch biefe dargestellte angenommene Verheißung Gottes geflissentlich nicht berücksichtigen und'zur Begünstigung der Juden-annehmen wollen, wir hingegen vielmehr auch wirklich einräumen wollten: die damals verübte Blutvergießung sei ein Unrecht gewesen; so ist es dagegen ein weit größeres Unrecht, den gegenwärtigen' Juden Einiges darüber zur Last zu legen, geschweige sie noch gar deßhalb heute im 19. Jahrhunderte zu verfolgen. Würde eine so spät noch ausübende Repressalie, ohne der Vernunft einen Prozeß zu machen, in unserm-jetzigen humanen Zeitalter sich rechtfertigen? Wir wollen diesen Gegenstand „diese Kreuzigungsfrage", näher in's Auge fassen. Was war diese Kreuzigung, wenn man sie als ein Unrecht betrachten will? Ein Justizmord! Wie viele spätere Justizmorde, hat die Geschichte aufzuzählen! Wir können es uns nicht verhehlen, — die Frage aufzustellen: wo hat man jemals gehört, man habe diejenigen Richter, welche einen Justizmord veranlaßt haben oder die Nachkommen solcher Blutrichter, verfolgt? Der heiligen Schrift nach soll die Sünde nur bis ins dritte Glied gerächt werden. Jener anonyme Fanatiker aber will die Kreuzigung, diesen zweifelhaften Gerichtsmord bis m das Jahr i848 an die jetzige unschuldige Generation noch rächen! Ist das die christliche Liebe oder Demüthigung gegen Feinde, wie die christliche, Religion es vorschreibt? Was der so oft hier citirte Judenfeind über Mischehen räsonnirt, mag .er den Staaten des Großherzogthums Sachsen- Weimar, Herzogthums Braunschweig und der Landgrafschaft Hessen-Homburg zur Last legen, ersterer hat schon längst und beide letztere erst neulich die Mischehen zwischen Juden und Christen gestattet. Er mag dagegen appelliren! Denn, was er dagegen aus dem letzten Kapitel des Nehemia hervorruft, kann nicht — da solcher Inhalt sich auf die Heiden beziehet, — als Beleg zu einem erheblichen Grunde angewandt werden, denn die Christen wird er doch hoffentlich nicht unter die Kategorie der Heiden zählen? Spater wird jener Judenfeind auch theilweise etwas gastfreundlich, denn ctf sagt: 10) Dem Neformjuden will er erlauben, von seinem Schinken zum Frühstücke mit zu essen; ihm auch brüderlich um den Hals fallen, Haus und Hof öffnen. Waciumwill er ihm aber von seinem geräucherten Schweinskopfe nichts mittheilen? Hat er denn, da er seinen Schafskopf doch allein für sich behält, nicht genug daran? Mit seinem Schafskopf wohl erwogen — soll es seine Bewendung behalten — und er will nun Einmal für immer auch seinen Schafskopf ganz allein für sich behalten. — Nun kommt der Handwerksneid, er beginnt zu schimpfen 11) auf politische Kannengießer, jüdelnde Literatengesindel und mehr dergl. gemeiner Ausdrücke rc. Da man unter den jüdischen Schriftstellern, sowohl früherer als jetziger Zeit, so manchen wackern und gelehrten Mann aufzuweifen hat, so muß dieser Vorwurf lächerlich erscheinen. Wer kennt nicht die längst verstorbenen großen jüdischen Gelehrten z. B. Marmornd es, Pint o, Mendelssohn und mehr. Die jetzt lebenden jüdischen Literaten wollen wir hier nicht in Schutz nehmen, diese werden (im Falle sie es nicht unter ihrer Würde finden) sich mit ihren eigenen Federn schon Genugtuung bahnen. Endlich sagt jener Judenfeind: 12) Schutz und Duldung werde ihm (dem Juden) gewährt; was darüber ist, das ist vom Uebel rc. Also weiter Nichts als Schutz und Duldung! Wie lassen sich aber diese fanatischen Behauptungen mit der gesunden Vernunft vereinbaren? Der Jude der sein Geburtsland von innen und außen mit seiner Gesundheit und seinem Leben sowohl -als sein neben ihm stehender christlicher Kamerad vertheidigen muß: soll als Jude hinsichtlich seiner Ansprüche auf bürgerliche und politische Rechte weniger als dieser christliche Soldat begünstiget sein? Etwa weil er als Jude seinen Schöpfer auf eine andere Art anbetet und verehret, weil er sich mit der Einigkeit anstart der Dreieinigkeit begnügt? In dem 5. und letzten Kapitel des so oft bemerkten Machwerks, worin Verfasser desselben mit fanatischem Religions- Hasse, das hier unter 7 B. 12 Aufgeführte bemerkt, bläst cr zugleich in die Lärmtrompete , schreiet Zeter und fabelt dabei von weitläufigen Dingen, die mit der fraglichen Sache gar nicht im Einklänge stehen, und mit einem Fasse ohne Boden

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.