Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 1848
- Issue
- 42 (14.10.1848)
- Date
- 1848-10-14
- Page
- Spalte 659-660 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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659 660 Literatur-Berichte. Wunderbar über die mos. und talm. Medicin. grauen Alterthume ausgesprochen und berücksichtigt, sondern auch die gelehrtesten Acrzte der neuern und neuesten Zeit bestätigen es, indem sie selbige stets zu würdigen wissen. In diesem Sinne bürste daher auch die israelitische Medicin selbst jetzt noch nicht unberückst'chtiget bleiben, indem selbige, wenn auch nicht durchweg als gelehrte, doch aber als Volks-Medicin, die sich ehemals bewährte und zum Theil auch mit den gegenwärtigen medicinischen Ansichten übereinstimmt, — dem gelehrten Forscher von Wichtigkeit sein. Ja selbst die irrigen Meinungen und Grundsätze derselben dürften dazu geeignet sein, zur Vervollkommnung der medicinischen Wissenschaft beizutragen. Abgerechnet den Nutzen, welchen ihre Darstellung uns überdies auch noch für biblische Exegese, für Philologie und Atterthumskunde gewährt. — Soll aber eine solche Arbeit ihren Zweck wirklich nicht verfehlen, so darf in ihr nicht allein weder eine möglichste Vollständigkeit, noch auch eine gewisse harmonische Verbindung des vorhandenen Stoffes unter einander vermißt werden, sondern es müssen besonders auch noch zugleich alle betreffenden Quellen, welche uns ein Licht über den zu bearbeitenden Gegenstand verschaffen können, mit vorzüglicher kritischer Sichtung und ohne Vorurlheil benutzt werden. Wie wenig aber noch bis hierzu in dieser Weise auf dem Felde der israel. Medicin geleistet worden ist, ist bekannt. Zwar, was die Bearbeitung der biblischen Medicin betrifft, so besitzen wir davon allerdings bereits eine ziemlich angebaute Literaturallein einerseits beschränken alle dieselben sich lediglich blos auf diverse einzelne Abhandlungen, die sich zum Theil mehr auf die biblische Exegese, als auf die eigentliche Medicin der Israeliten beziehen, und so weit mir bewußt, ist bis hierzu noch kein einziges Werk "erschienen, das das gesammte medicinische Gebiet der Israeliten, selbst auch nur in biblischer Hinsicht erschöpft, oder den betreffenden Stoff systematisch geordnet und in seiner ganzen Ausdehnung zu einem harmonischen Ganzen volständig bearbeitet hätte. Andererseits vermißt man bei denselben aber zugleich durchgängig jede Zurathziehung des Talmuds'und der Midraschim in den Kreis ihrer Forschungen auf obigem Gebiete, weshalb allein schon ihre Arbeiten sehr mangelhaft ausfallen mußten, da bekanntlich Talmud und Midrasch als die ältesten Denkmäler biblischer Exegese zu betrachten sind, mithin als solche ihnen auch die erste Stellung zur Erklärung und'Erläuterung der biblischen Medicin von Rechtswegen zukommt. — Was übrigens die talmudische Medicin selbst betrifft, so muß man wahrlich erstaunen, daß besonders in dieser Beziehung bis auf die Neuzeit so Unbedeutendes geliefert wurde, da .doch gerade dieselbe ein so großes Feld in sich faßt. — Der Grund aber warum dieselbe bis hierzu brach liegen geblieben ist, mag dem Umstande zugeschrieben werden, daß der Talmud sammt seinem ganzen Inhalte bis noch vor wenigen Decennien eine zu isolirte Stellung unter den allgemeinen Wissenschaften eingenommen hatte, als daß es Jemanden einfallen wollte, seine unter mannigfachen Schutt und Trümmern vergraben liegenden literarischen Schätze an den Tag zu fördern. — Jahrhunderte lang war der Talmud eine 'leira inroKnitJ. den christlichen Gelehrten; und wenn Einige derselben sich auch zuweilen die Mühe nahmen, denselben zu studiren, so geschah dieses gewöhnlich nur in der Absicht, um ihn zu judenfeindlichen Zwecken zu gebrauchen, weshalb sich dieselben in der Regel stets auch nur um die in demselben enthaltene Dogmatik, keinesweges aber um irgend eine andere Wissenschaft, also auch nicht um die Medicin desselben kümmerten. Der Jude wiederum fand Jahrhunderte lang seine einzige Beschäftigung nur in dem Talmud und wieder nur in dem Talmud; aus ihm schöpfte er Trost in Leiden und in ihm lebte und webte er; aus demselben erhielt er seine Universalbildung, lernte er Religion, Moral, Jurisprudenz, Mathematik, Geschichte und Medicin. Doch diese Wissenschaften alte nach Außen zu fordern, das war seine Sache nicht. Was kümmerte ihn die äußere Welt, sie verstieß ihn ja; oder in welcher Landessprache sollte er jene nach Außen hin fördern, er besaß ja leider nirgends ein Vaterland, durfte es weder besitzen, noch ließ man ihn dessen Sprache führen. Was Wunder, daß in jener sinstern Periode auch von jüdischer Seite die talmudische Medicin sich keiner wissenschaftlichen Bearbeitung erfreuen konnte.— Anders ist es jetzt. Worüber ist die Zeit, wo man in dem Juden nicht auch zugleich den Menschen ehrt; vorüber ist die Zeit, wo eine.-große Kluft die Israeliten von den allgemeinen Wissenschaften und den Landessprachen trennte. Man fragt jetzt bei literarischen Leistungen nicht mehr nach dem Glaubensbekenntnisse ihres Verfassers, sondern es werden die erstern lediglich nach ihrem objektiven Werthe abgeschätzt. Und so ist es denn der Gegenwart Vorbehalten worden, auch -dem lang verschmähten Talmud eine wissenschaftliche Seite abzugewinnen, und seit einiger Zeit besitzen wir nicht nur mehre werthvolle Monographien auf dem Gebiete der Linguistik, der Geschichte und Geographie des Talmuds, sondern es erfreut sich auch bereits die Medicin desselben mancher trefflichen Bearbeitung. — Allein trotz dieser Regsamkeit der Neuzeit, ist dennoch der Vorwuaf Vieler (so auch jüngst der von Dr. Nosenbaum in einer Anmerkung zu der von ihm herausgegebenen Sprengels Geschichte der Medicin, Bd. I, 1846) gegründet, daß bis hierzu noch immer nicht viel für die israel. Medicin und vornehmlich von Israeliten geschehen ist, so wie es überhaupt von irgend einer vollständigen Bearbeitung dieses Faches, noch gar nicht die Rede sein kann. — Bei diesen Umständen glaube ich jenen talrnudischcn Grundsatz in Anwendung bringen zu dürfen, wo es heißt: 51V,1^? ^"!51L?N „Wenn Männer sich nicht thätig zeigen, magst Du es versuchen, ein Mann zu sein" (Abot Absch. H. Mischn. 5); indem ich es sogar als Laie wage, vor das Publikum mit vorbezeichnetem Werke zu treten, durch welches ich jenem Mangel auf dem mehrgedachten Gebiete abzuhelfen versucht habe. — Es ist dieses die Frucht einer vieljährigen Arbeit, welche ich in den Stunden