Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 9 (1848)
- Issue
- Heft 42 (14.10.1848)
- Date
- 1848-10-14
- Page
- Seite 335 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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335 hiesiger Harzgegend auszustreuen und Krawall hervorzurufen. — Uebrigens ist er bei diesem, seinem Benehmen und Bezwecken in einem 'doppelten Jcrthume befangen, daß er glaubt, obengedachtes erst kürzlich aufgetauchres Blatt dadurch zu heben, wenn er recht derb gegen die Juden zu Felde zöge; es ist aber gerade das Gegentheil, denn der rechtlichdenkende edle Mann empfindet bei solchen Schmähartikeln, gleich von vornherein einen Widerwillen gegen das Blatt selbst. 2) Auch in dieser Hinsicht ist er mit seiner Schmähschrift auf dem Holzwege, als er seine Iudensrage als Brochüre wiederholt hat abdrucken lassen und dieselbe durch Frauen auf dem Lande feilbieten läßt. Der Landmann hiesiger Gegend liest bekanntlich Machwerke dieser Art wenig oder gar nicht, er beschränkt sich vielmehr blos auf seinen Kalender und begnügt sich schon hinlänglich mit den. darin enthaltenen Wetterprophezeihungen. Nun wollen wir jenes anonymen Verfassers Machwerk näher ins Auge fassen. Er behauptet: 1) Tuisko und sein Sohn Manus sind die Stammväter aller deutschen Völkerschaften bis auf den heutigen Tag. Wir fragen nun: woher stammt Tuisko? Vielleicht waren seine Vorgänger ebensowohl Juden als die des christlichen Religionsstifters. Daher wir zu behaupten berechtigt sind: beide Rrligionsgesellschaften, die jüdische und die christliche haben einen gemeinschaftlichen Ursprung. Auch haben viele Geschichtsschreiber hinlänglich nachgewiesen, daß die Germanen ebensowohl als die Juden aus Asien stammen. Beide Nationen sind daher schon ursprünglich Landsleute. Ferner bezieht sich gedachter Verfasser auf Tacitus, welcher sagt: „Für Eingeborene halte ich die Germanen, in keiner Weise durch Zuzug und Ansiedelungen fremder Völker vermischt rc." Wie befangen und einseitig geurtheilt! Sind denn alle die jetzt in Deutschland wohnenden Christen, die natürlich alle auf die von der gegenwärtigen Reichsversammlung in Frankfurt festgesetzten Bestimmungen Anspruch machen, lauter echte Nachkommen von Tuisko? Sind nicht auch Bastardserzeugungen z. B. von den eingewanderten Franzosen, (Hugenotten), Italienern, getauften Juden und noch von mehreren mit fremder Zunge in Deutschland eingewanderten und angesiedelten Nationen darunter? Man sagt, der Verfasser der Judenfrage selbst stamme von gemischter deutscher Abkunft. Sein Aeltergroßvater soll ein geborener Italiener, zwar kein politischer, jedoch aber, ein gewöhnlicher Kannengießer gewesen sein und hausi'rend in hiesiger Gegend, in allen Ortschaften laut in den Straßen fragend, gerufen haben: „Wer kauft zinnerne Waare? Keine Löffel zu gießen?" Gedachter Verfasser behauptet ferner: 2) Der Jude habe zu seinem polnischen und russischen Glaubensbruder, den er nicht kennt, mehr Liebe als zu dem deutschen Bauer und Bürgersmanne den er kennt. Ganz recht: Eine Hand wäscht die andere! Der Widerhall folgt auf den Hinschall! der fremde Jude, und sei er aus einem andern Erdtheile gebürtig, wird nie seinen deutschen Glaubensgenossen zu insultirerr suchen; wo hingegen nicht selten der deutsche Bauer und Bürgersmann, (deren Lust der Jude athmet, wie der Verfasser in seiner Absurdität sich ausdrückt, als sei die Luft dem deutschen Bauer und Bürger nur allein eigenthümlich!) sobald er des Juden nicht bedarf, ihn auf alle nur erdenkliche Art und Weife herabzuwürdigen, sein Vergnügen findet und bietet ihm die Gelegenheit keine Veranlassung dazu dar, so sucht er doch, wenngleich des Juden Namen ihm wohl bewußt ist, seine stumpfen Zähne dadurch zu schärfen, daß er ihn mit dem abgenutzten Prädikate: „Jude" bezeichnet. Diesen eingewurzelten Judenhaß kann man ja mehr als zu oft schon bei kleinen unschuldigen Kindern, die nicht selten einen harmlosen vorübergehenden Juden auf alle Art zu necken u. zu verhöhnen suchen, wahrnehmen. Woher kommt es? Aus dem Muttecleibe Habens diese Kinder doch nicht mitgebracht? Weil solches theils von den Eltern, theils von ungebildeten Schulmeistern unter den Fuß gelegt wird. Unmöglich kann man bei solcher: Entwürdigungen, die so viele und so empfindliche Beweise des Hasses nur zu deutlich an der Stirne tragen, Denjenigen, die solche Veranlassungen herbeiführen, mit ganzem Herzen gut zu sein. Erwähnter Verfasser tadelt weiterhin: a) des Juden äußerliche asiatische Körperbildung, b) sagt er: auch im Finstern erkenne man den Juden an seiner Sprache und e) er röche auch nach Gewächsen starker Pflanzenstoffe rc. Hier liegt unseres Judenfeindes große Dummheit auf eine ganz entschiede ne Weise zu Tage! denn a) da die Juden bisher mit keiner andern Nation sich vermischen durften, so hat die äußere astatische Statur und Physiognomie durch das deutsche Klima noch nicht ganz verwischt werden können; b) beweist, daß er aus großem Fanatismus nie mit einem gebildeten Juden Umgang gehabt, denn sonst würde er hinsichtlich der deutschen Aussprache gewiß keinen Unterschied zwischen Juden und Christen bemerkt haben, und c) hätte man doch erwarten sollen, daß er als Splitterrichtcr den neuteftamentlichen Satz kenne: Nimm dm Splitter aus deinem Auge rc. *) Kein Schriftsteller hat sich mehr Mühe gegeben, Mahrchen zu sammeln und keiner hat es mit größerer Erbitterung und in der Absicht,' den unchristlichen und unpolitischen Verfolgungsgeist gegen die Juden zu schärfen und zu rechtfertigen gethan, als Eisenmenger in seinem entdeckten Judenthum. Nach ihm ist keine Ungereimtheit, die nicht von den Juden geglaubt, kein Vorurtheil, das nicht von ihnen genährt, kein Laster, das nicht von ihnen begangen wird. Man darf ober nur etwas in diesem Buche herumblättern, um sich zu überzeugen, daß die Beweise seiner Beschuldigungen vorzüglich in den Aussagen abgefallener Juden bestehen, die durch solche Anklagen ihrer ehemaligen Glaubensgenossen sich bei den neuen beliebt zu machen suchten; die meistens so unwissend sind, daß sie die Religion von der sie absielen, so wenig als die zu der sie übergingen, kennen, und gewöhnlich beide verunehren, wenigstens nie als glaubwürdige Zeugen angeführt werden können.