Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 9 (1848)
- Issue
- Heft 42 (14.10.1848)
- Date
- 1848-10-14
- Page
- Seite 334 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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334 23: Juli 1847 fallen lassen, handelt die Königsberger Regierung, als, ob die Märzrevolution in den Verhältniffen der Juden nichts ändern sollte. So hat der Landrath des Holländer Kreises eine Versammlung sämmtlicher Juden des Kreises angeordnet, um die zur Bildung von „Judeuschastetl" nöthigen Wahlen vorzunehmen., Wir wissen aus der besten Quelle, daß dieser Beamte, obgleich sonst der konservativen Richtung angehörend, vergebens mit dieser Maßregel bis jetzt gezögert hat: Die Königsberger Negierung hat ihn unablässig gemahnt, bis er' endlich den Termin hat ansetzeu müssen. Wir begreifen es nicht, warum unsere bisherigen Ministerien nicht schon längst aus eigenem Antriebe die Vollstreckung des antiquirten Gesetzes suspendirt haben. Das gegenwärtige, besser mit dem Wesen der Büreaukratie vertraut, wird wohl wissen, daß einer guten Anzahl von Behörden es nur möglich ist, nach Vorschriften und Instruktionen zu handeln. Wird es doch wahrscheinlich nur nach dem Anstoße handeln, den es jedesmal von der Nationalversammlung oder von den lauten Demonstrationen der öffentlichen Meinung empfängt. Es müßte sehr entschieden durch seine Thaten sprechen, wenn wir nicht bei der Befürchtung beharren sollen, daß es> statt in Uebereinstimmung mit dem Geiste des Volkes zu handeln, sich den Forderungen desselben nur unfreiwillig und nur so lauge unterordneu, bis es den geeigneten Moment gekommen glaubt, in welchem es sich mit Erfolg ihnen widersetzen kann. Man mag das eine systematische Opposition nennen; aber wir werden es nimmermehr für Mhrscheinlich halten, daß Männer, bie dem alten System so lange ergeben gewesen sind, mit einem Male im Grunde ihres Herzens zu andern Ueberzeugungeir gekommen sein sollten. Das ist nicht blos meine Ansicht; es ist vielmehr die Ansicht aller derer, die in meinen Umgebungen sich mit ernstem Interesse an dem Schicksale unserer jungen Freiheit betheiligen. Eisenach, 30. Sptbr. Seit ehegestcrn früh tagte hier die erste,, aus allen Theiten Deutschlands, aus Schleswig-Holstein, wie ans Baden und Wien durch Abgeordnete und Lehrer beschickte allgemeine deutsche Lehrerv ersamm(ung. Auch ein schwedischer Pädagog, 'Dr. Dubb ans Lund, ist anwesend. Die Präsenzliste zählte zuletzt 267 Theilnehmer. Die Konstituirung ist gestern nach vorhergegangener sehr lebendiger Debatte, welche Gymnasiallehrer Dr. Köchly ans Dresden als Präsident und Bürgerschullehrcr Zschetzsche aus Dresden als Vicepräsident leiteten, erfolgt. In der allgemeinen Debatte über den Zweck des Vereins hob zunächst Kell, Redakteur der Sächsischen Schntzeitnng ans Leipzig, hervor, daß der Verein die Ideen über Schulreform verbreiten, fortbilden und verwirklichen wolle durch ein festes. Aneinanderschticßen des gesammieu deutschen Lehrerstandes von der Hochschule bis zum Kindergarten, sodaß namentlich auch die politische Wichtigkeit der Volksbildungsfrage in freien Staaten, Regierungen, Volksvertretern und Völkern Allen zum Bewußtsein komme. Dr. Ledebur, Direktor der Realschule in Magdeburg, bezeichnet als Zweck eine echte deutsche nationale Bildung, zu welcher die Verbrüderung nur das Mittet sei, wogegen Steglich, Seminardirektor ans Dresden, noch hinzugefügt wissen will, daß diese Bildung vom Geiste des Christenthnms getragen sein solle, was Dr. Ctemen aus Kassel auf eine Bildung im christlichen Geiste zurückführt. In der dadurch aus das religiöse Gebiet geführten Diskussion scheidet sich deutlich eine sehr kleine, das positive Christenthum oder Kirchmthum mehr oder minder freisinnig vertretende Rechte von der starken, einer rein menschlichen Bildung mit Begeisterung, das Wort redenden Linken. Ledebur meint, daß man die Hunderttausende von israelitischen Mitbürgern doch nicht ausschließcn wolle, und der israelitische Lehrer Heidenheim aus Sondershansen, ein von 80 christlichen Lehrern gewählter Abgeordneter, spricht es frei aus, daß er, obschou durchweht von dem freien christlichen Geiste, der jedem denkenden Menschen eigen sei, doch entschieden gegen Aufnahme des Worts „christliche sich erklären müsse, weil darunter von sehr vielen Christen etwas ganz Anderes verstanden werde. Dagegen sieht Seminardirektor Thilo aus Erfurt in jedem Israeliten nur ein ehrwürdiges Denkmal der Vorzeit, eine Ruine, während Pfarrer Wurm aus Würtemberg das positive Katechismuschristenthum in Schutz nehmen will. Endlich vereinigt man sich ans den Vorschlag Kell's aus Leipzig dahin, weder christliche, noch rein menschliche, sondern „religiös sittliche Bildung", was Beides umfasse, neben der national deutschen als Zweck hinzustelten. Osterode (am Harze), Sptbr. (Kritik eines Sendschreibens an das deutsche Parlament). In der in neuerer Zeit in Clausthal erscheinenden Volkszeitung „Das Vaterland" tritt in Nr. 10—15 desselben ein Individuum anonym mit einer Iudenfrage als offenes Sendschreiben an das deutsche Parlament in Frankfurt a. M. gerichtet auf, sucht theils durch Sophistereien, theils durch hochtrabende und hohle Worte, die Juden mit allen nur erdenklichen empörenden und kränkenden Worten zu brandmarken. Kaum sollte man es möglich halten, daß noch im Jahre 1848 Jemand es wagen könnte, eine völlige Unterdrückung der Juden wider alle Grundsätze der Menschlichkeit, der Religion, mit fanatischer Wuth zu beantragen. Alle diese Schmähungen, welcher jener Anonymus sich bedient, wissen wir recht gut, es sind Repressalien gegen das ihm letzthin von einem Juden Verweigerte. Er weiß übrigens selbst sehr gut, daß sein Machwerk auf die Männer in Frankfurt keinen Einfluß haben kann. Diesen Männern werden ganz andere Werke von gediegnerem reicheren und zweckmäßiger« Inhalte, als seine Salbadereien vorgelegt. Seine böswillige Anzapfung zielt daher nur blos dahin, Collisions-Samen zu Zwistigkeiten gegen die Juden ir*