Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 9 (1848)
- Issue
- Heft 41 (7.10.1848)
- Date
- 1848-10-07
- Page
- Seite 323 (sequence 5)
- Language
- German
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323 möge jede Gemeinde oder mögen einzelne Bezirke nach Umständen und Zeitverhältnisse und nach der Höhe oder Tiefe ihrer Bildung ihr Gemeinwesen neugestalten; jede andere ccntralisirende Reform trägt den Todeskeim in sich, sie ist despotisch, sie ist unfrei. Von der Klodnitzo (in Schlesien), im Sptbr. In den Zeiten allgeineiner Freiheit, wo die Schranken, die seit Jahrhunderten den Bruder vom Bruder entfernten, jetzt zerstoben darnieder liegen, dürste es nicht uninteressant sein, einen Blick auf ttnfer liebes Schlesien zu werfen, um zu sehen, in welchen Verhältnissen hier die Konfessionen zu einander stehen, zumal als in den Städten Oberschlesiens hie lind da Excesse gegen Juden verübt wurden. In unsererProvinzialhauptstadtBreslau sieht es jetzt ganz anders aus. Unter den vielen Elementen, die diese große Stadt enthält, war nur ein kleinerTheil wirklich liberal; dies beweist genügend das Urtheil der Professoren der Universität nach dem ersten allgemeinen Landtag: ,,daß jüdische Docenten an den Universitäten, wo die Statuten dagegen lauten, nicht ausgenommen werden sollen," und die vielen Beschränkungen, welche die Handel treibenden Juden erlitten, obgleich sie die Mehrzahl sind. Welcher Haß in der Klasse der minder Gebildeten gegen die Juden steckt, kann nur derjenige wissen, der in B. gelebt hat. Wie ganz anders sieht es jetzt da auö. Wider ihren Willen muß nun die Breslauer Handelowelt die Juden nicht nur in aller Beziehung gleichstellen, sondern für die sich gebildete Handelskammer wurde sogar eine Majorität Juden erwählt. Für die Berliner National-Versammlung wurde ein Jude, Namens Brill zum Deputaten erwählt, was genugsam von dem liberalen Sinn, der jetzt dort herrscht, zeugt. Natürlich können wir nicht Allen gleiche Gesinnung zumuthen, allein diese Partei wird jetzt verstummen müssen. Wie sich B. nach Außen geändert hat, so ganz anders sieht es auch im Innern der jüdischen Gemeinde ans. Seit dem der Parteikampf in B. ausgebrechen, zahlen viele Mitglieder zu den Wohlthätigkeitsvercin, der die Gemeindearmen unterhielt, nicht, wodurch nun in denselben ein bedeutender Ausfall entstand. Zwar haben die reichern Anhänger Geiger's ans ihren eigenen Mitteln große Anstrengungen gemacht, um die Armen dies nicht fühlen zu lassen, allein da eine große Majorität nicht steuerte, und die Gutherzigen des Guten auch genug hatten, da waren doch nur die Armen am übelsten daran.' Durch die allgemeine Nahrungslosigkeit, wodurch jedes Individuum etwas zurückhält, hat nun die Noth der Armen eine hohe Stufe erreicht, weshalb ein Mitglied der zweiten Gemeinde den Vorstand der ersten öffentlich aufforderte, er möchte, da seine Zeit um ist, sein Amt niederlegen, vorerst aber noch eine Generalversammlung veranstalten, wobei sich alle Mitglieder B. vereinigen und die sociale Frage verhandeln, gleichzeitig auch einen neuen Vorstand wählen, unter dem sich alle zu einem Beitrag verstehen werden. Darauf mviederte der Vorstand , daß er sein Amt nicht niederlegen, und daß man auch durch eine solche Versammlung nicht zum Zwecke kommen, dadieselbe nur zum Partcikampf führen werde; hingegen meinen sie, es sollen 200 Mitglieder sich zu einem freiwilligen monatlichen Beitrag verstehen, nach welchem Verhältnisse dann die Armen unterstützt werden sollen. Hiermit war jenes Mitglied aber nicht zufrieden, sondern forderte den Vorstand noch einmal ans, sein Amt, welches er ohnedies schon eigenmächtiger Weise verwaltete, sofort niederzulegen u. s. w. wie früher, damit die Wohlthätigkeit, die einst von B. gerühmt wurde, wieder zu ihrer Bedeutung gelange. Das. Resultat war, daß am 29» Juni e. eine General-Versammlung war, worin dieSache einer Kommission überwiesen wurde, worauf am 1. August eine zweite stattscmd, worin die Kommission ihre Arbeit vorgelegt hat. Im Ganzen scheint aber noch Nichts gethan zu sein, und das Nichtzahlensystem scheint jetzt mehr als sonst über Hand genommen zu haben; denn in der Bresl. Zeit, vom 30. Juli liest man einen Aufsatz von Hrn. Louis Spiegel, worin dieser ernstlich zum Zahlen ermahnt und anfragt, ob man denn durch das Wort ,,ich bin ein Deutscher^ sich aller Lasten befreien, und alle, von Vätern übernommene Vereine, eben so wie die Breslcmcr Gemeinde auflösen will. Sowohl hieraus, als auch aus den Umständen, daß der Chor auf kurze Zeit aufgelöst war, und die Wilhelmsschule, nachdem sie schon seit mehreren Jahren gar nichts oder nur sehr wenig geleistet hat, ganz aufgehoben ist, können wir ersehen, daß die Breslauer erste Gemeinde sich eben so gut, wie die meisten großen Staaten in Geldverlegenheit besindet. Sie scheint ganz in die Fnßtapfen Geigers getreten und dem Prinzipe, das er ihnen bei der Modernistrnng der Religion eingegossen, in dem Fortschritte und den Zeitnmständen angemessen zu leben, gefolgt zu sein; denn Geldkrists und Finanzzerrüttnng gehört auch jetzt zum Zeitgeist. Uebrigenö scheint die Breslauer Gemeinde jetzt auch dm Pfaffenstreit über und über satt zu haben und wird sich wohl nächstens mit ihrer Gegenpartei aus söhnen, um uns noch einmal zu beweisen, was Korach uns schon bewiesen: Jeder Streit, der nicht für Gott geführt, hat keinen Bestand. Herr Geiger merkt dies auch und hat sich der Zeit zugewendet, indem er konstitutionekler Demokrat wurde. — In Schweidnitz hat bei der Leichenfeier mehrerer Bürger, die bei der Erfüllung ihrer Pflichten als Bürgerwehr mörderisch umkamen, ein Jude, .Hr» Dr. Lasker, eine Trauerrede gehalten. Für den Kreis Dyrhcnfurt sitzt auch ein jüdischer Depntirte in der Berliner Nationat-Versammlung; * diese zwei Fakta zeigen genug die Liberalität der Einwohner dieser zwei Kreise. Da diese- *) Wie heißt dieser? Red. 41