Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 9 (1848)
- Issue
- Heft 41 (7.10.1848)
- Date
- 1848-10-07
- Page
- Seite 322 (sequence 3)
- Language
- German
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- 322 - Religion, bei gleichen Pflichten die gleichen Rechte vorenthalten werden. So fallen denn alsbald die schmählichen Ausnahmsgesetze, welche allein der Grund von jenem oft so tadelnswerthen Thun und Lassen einzelner unserer Glaubensgenossen sind; es schwindet die beleidigende Behandlung, die dem Juden als solchem gar häufig sogar von den Behörden ward. Mein nichts desto weniger werden Neid, Unverstand und konfessionelle Unduldsamkeit uns noch häufig zum Gegenstand aufreizender Angriffe machen: Ihnen gegenüber zu treten durch Schrift und Wort ist vorzugsweise Sache des Juden selbst. Unbegründetes soll durch Darlegung derWahrh eit zurückgew iesen, Verdächtigung der G esammtheit wegen der Fehltritte Einzelner entkräftet, zugleich aber immer dahin gewirkt werden, daß die verschuldete oder unverschuldete Veranlassung für die Folge aufhöre. Ein anderes Gebiet, das den Juden zur Thätigkeit auffordert, ist die Läuterung der religiösen Verhaltuisse. Unsere Religion, die reine Gottes¬ und Sittenlehre, ward im Laufe der Zeit'mit so manchen Formen umgeben, die für uns alle und jede Bedeutung verloren, ja theitweise Anstoß zu geben geeignet sind. D i e A u s ü b u n g der R e l i g i o n s o l l i n jener Reinheit hergestellt werden, zu der ihr innerer, unantastbarer Gehalt sie befähigt. Aber nicht religiöse Spaltung möge die neue Bahn bezeichnen. Nur im gemeinsamen Fortschritt blühet Heil für uns. Bereits wurde von vielen Seiten eine allgemeine deutsche Synode angeregt. Dort wird jede Ansicht ihre Würdigung finden; die Gesammtheit unserer deutschen Glaubensgenossen wird durch ihre Vertreter den Weg der Verbesserung unserer religiösen Verhältnisse bestinunen. Das Umfassende all' dieser Aufgaben gibt dieUeberzeugung, daß die Rabbinen und Vorsteher der israelitischen Kultusgemeinden die Interessen der Juden in alten bezeichnten Richtungen nicht allein vertreten können. Die Theiluahme des Einzelnen muß hier Platz greifen; jene wichtigen Fragen müssen von Allen, die Kraft und Willen hierzu besitzen, angeregt und durchsprochen werden. Die gewonnene Ueberzeugung muß mit Rücksicht auf den Zweck ruhiger Einigung verbreitet, sie soll möglichst zum Memnngs - Ausdruck der Gesammtheit werden. In diesem Sinne anregend und vermittelnd sich mit allen jenen Fragen eifrig zu beschäftigen, hat sich in München ein israclitifcher Fortschrittsverein gebildet. Möge die Theilnahme an ihm sich stärken; mögen gleichartige Bestrebungen andern Orts und gleichgesinnte Männer mit uns in Verbindung treten und mithelfen, den Dank für unsere junge Freiheit dem geliebten deutschen Vaterlande auch dadurch darzubringen, daß wir nicht die letzten bleiben an Sinn für g e i st i g e n n n d religiösen Fortschritt." Leipzig, Ende Sptbr. Obwohl auf meine Nteinung in Betreff des Zusammentritts einer.Synode gewiß gar nichts, ankommt, so will ich doch dieselbe auf derr Wunsch der geehrten Münchner Kouunission hier unumwunden aussprechen. Die Ansicht, daß durch die große. Freiheitsbewegung Deutschlands die jüdische Religion gefährdet sei, kann ich nicht theileu. Die Freiheit hat noch nie zerstört, sondern aufgebaut, nur die Knechtschaft hat stets getödtet und aufgelöst, und wenn eine Religion nur durch die Knechtschaft bestehen kann, so mag sie fallen, da sie nicht göttlichen Ursprungö war. Wenn die jüdischen Deutschen bei dem großen durch fast ganz Europa brausenden Freiheitssturm ihre Augen nicht nach Osten, sondern nach Westen richten, wenn sie die kleinlichem häuslichen Reibungen und Kämpfe, die ohnehin nur die Rabbiner in dem nicht wahren Sinne der Religion angcfacht, vergessen und in den politischen Strom niedertauchen, um eine neue Zukunft heraufzuholen, wer will das ihnen verdenken? Die Religion ist nicht gefährdet, wie die Selbstsucht cmssprengt, sondern auf kurze Zeit mediatisirt zu Gunsten einer andern Religion, der Freiheit, in der jene verklärt wird. Man sagt, die Religion muß sich, schntthaltrnd mit dem verjüngten politischen Leben, verjüngen uicd veredeln; allein die Religion ist nicht eine Form, sondern sie ist Wesen, sie ist nicht vergänglich, sondern ewig, und-andern heißt vernichten. Aber die äußern Religionsformcn, ihre äußere Erscheinung muß nach Zeit und Itinftdnbeti sich ändern! Freilich. Aber diese äußere Veredelung der Religionssormcn, die Reform der Religiousformen machen eben Zeit und Umstände und können weder von Einzelnen noch von Synoden veranlaßt werden, Dazu kommt noch: 1) daß nicht allenthalben Zeit und llnnfiaubc gleich sind, so daß was da zeitgemäß dort Tyrannei wird, dann 2) ist die Kulturstufe nicht allenthalben gleich, und während hier die ganze Bildungsstufe einer Gemeinde, die Umstände und die Zeit, diese oder jene Reform nöthig machen, ist sie anderswo, wo dies nicht Ui Fall ist, lächerlich oder lästig. Aber dem Gemeinwesen drohet eine Auflösung, ruft man aus, und das ist wahr; denn fast alle Gemeindewcsen sind erschüttert. Aber dazu hilft keine Synode. Denn abgesehen davon, daß es. eine wahre Wohlthat ist, daß die Gemeinwesen, die oft tyrannisch, barbarisch, nichtswürdig, dimun und unnatürlich organisirt waren, sich auslösen, daß eine wahre demokratische Gemeindeverfassung, das einzige Heil der Gemeinden, nur nach Auflösung der bis jetzt bestandenen Gemeindewesen geschehen kann, sind auch die Zustände in den einzelnen Gemeinden oderBezirkeu so verschieden, daß eine allgemeine Form oder Reform höchst verderblich erscheinen muß." Ich bin aber für Synoden und zwar,