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Der Orient · 1848-09-30 · Heft 40 (30.9.1848) · p. Seite 314

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Journal
Der Orient
Volume
9 (1848)
Issue
Heft 40 (30.9.1848)
Date
1848-09-30
Page
Seite 314 (sequence 3)
Language
German
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314 mudswelt ist eine lebendige Verherrlichung aller Werke der Schöpfung , von der niedrigsten Pflanze bis zu den ewigen Lichtern des Firmaments. Der Talmud bezieht sich in allen seinen religiösen Gesetzen sowohl, als in seinen Geschichten, Parabeln und seiner Sittenlehre auf die Natur und ihren einigen Schöpfer. Wie die Weisen Griechenlands haben auch unsre Weisen, die Rabbinen, oft uns gerne in freier Natur lustwandelnd gelehrt, und sich auch mit den Weisen Athens über kosmische Gegenstände unterhalten. In ihren Hörsälcn und inmitten der schwierigsten und fc^arfftunigj^cu Spekulationen auf dem Gebiete der Hala ch a geriethen sie auf agadische Weltanschauung. Unser ganzes, von ihnen überlieferte, Gebetbuch bezieht sich auf den Kosinus. Bei jedem Sinnengenusse, wohin uns dieser führt, verordnten die Rabbinen einen Segcnspruch. Beim An schauen der ersten Frühlingöblüten, beim Anblick des Weltmeers oder des Neumonds, beim Hören der Donnerstimme, beim Riechen der winzigsten Gewürzblumen sollen wir den Vater des Kosmos anerkennen. Und so vereinigten sie Gebet und Gesetz im ,, lieblichen Anschauen der Natur. " Auch viele unserer nachbiblischen Dichter, sind gleich dem Sangmeister der andern Völker, Anhänger des Kosmos. Gebirol, Jehuda Ha-Lewi, Aich arisi, Immanuel u. A. m., so wie in neuern Zeiten , Wessely und' Schalom Kohen verstanden es, alle Schönheiten der Natur zu schildern. Mit den wenigen Farben, mit dem kümmerlichen. Vorrathe der Bibelpoesie schufen sie ihre Meisterwerke. Viele blieben gänzlich auf morgenländischem Boden, manche nahmen die Weise des Volkes an, unter welchem sie lebten und, wenn sie wirkliche Dichter waren, so gelang es ihnen, ihren epischen Schöpfungen einen morgenläudischen Schmelz zu verleihen, obschon sie niemals der Lorbeerkranz oder die Herrschergunst zur Begeisterung anregt." Hamburg 1848. Moses Mendelson. Berlin, 18. Sptbr. Der soeiale Unterschied zwischen Juden und Christen ist in der Gesellschaft geschwunden. Hierin ist Preußen der Staat der Intelligenz. Während in Oesterreich der Judenhaß aus den zerrissenen Aermeln der Reaktion hervorblick't, hat er in Preußen feilt Grab gefunden. In allen Vereinen sind Juden an der Spitze. Simion ist Präsident allerBürgerwehrklnbbs. — Auch ist der Rücktritt getaufter Juden zumJudenthume hier nicht selten, u.dieMissionäre machen sehr schlechte Geschäfte. — Der Reform-Verein bezahlt keine Abgaben mehr an die alte Gemeinde. Unser Gemeindewesen liegt sehr im Argen. Der ganze Verband ist sehr gelockert worden. —. Aus Mahren, 9. Sptbr. Während die äußere, d. h. die staatliche Emancipation der Juden nur langsam fortschreitet, hat die innere kaum begonnen. Es bleibt Alles beim Alten. Mähren zählt dreißig Tausend Juden, die in Mähren nicht viel zählen. Es denkt Niemand daran, die Jugend menschlich zu erziehen, das Synagogenwesen wird nicht menschlich geordnet, die Werkthätigkeit, die Ausgeburten der Religion, der misverstandene Ceremoniendienst. — Alles bleibt im alten . Geleise. Zwar ist die christliche Bevölkerung nicht min- . der bornirt in religiöser Hinsicht, und der Dentschkatholieiömus wird in Mähren kaum einen Boden finden. Allein wir haben blos die Juden vor Augen, die nichts gelernt und nichts vergessen haben. Der Bann hat anfgehört; sonst würden die freisinnigeren Juden gewiß geächtet werden. Am Sabbat Schuba können Sie die Jeremiaden der mährischen Rabbinen hören, über das Verderbnis; unserer Zeit, die nämlich darin besteht, daß die Inspektion über die Milch nicht' mehr so streng ist, daß man ohne Kopfbedeckung ißt, daß die Leute nicht drei Mal des Tages die Synagoge besuchen, daß achtjährige Kinder noch nicht Talmud studiren, daß man nicht mehr während der zehn Bußtage fastet u. dgl. mehr. Das Alter ist unbeugsam, die Jugend ist indif- , ferent oder verwahrlost. Gott besser's. — In materiel- : ler Beziehung leiden die mährischen Juden in einem sehr hohen Grade, da sie zumeist Kaufleute sind. Mit Ackerbau beschäftigen sich noch sehr wenige, da die Juden bis jetzt noch keine Felder besitzen dürfen. — ■ Anklnm, 15. Sptbr. Heute einige Notizen. Die israelitische Gemeinde zu Stettin, deren Wohlthätigkeitssinn bekannt, hat eine Suppcnanstalt für Chelecakranke errichtet, was für die armen Bewohner Stettins eine wahre Wohlthat ist. Daß die Anstalt allen Konfessionen offen steht, versteht sich von selbst; denn Mensch ist Mensch, ob Jude oder Christ. Das haben die Juden schon längst bewiesen; aber der hochweise Senat in Frankfurt a. M., der die Juden noch immer ausschließt, scheint es noch nicht zu wissen,; und daran ist einzig und allein der Zopf Schuld, der trotzdem der Friseur Börne ihn geschoren, doch wieder; sehr groß gewachsen ist. Sollte es in ganz Deutschland keine Scheere geben, die im Stande wäre den hoch- 'w e i sen Senatoren in Frankfurt, den R i e scnz oP f abzuscheeren, damit der Schatten schwinde und die Sonne der Freiheit ihnen Licht gebe und ihre erkalteten Herzen erwärme? — Neu noch etwas. In Schlawa (Hinterpommern) fand am 5. d. M. die Einweihung einer neuen Synagoge statt; die Weihrede hielt Hr. Dr. Klein aus Stolp, der am 21. d. M. auch in Ru mm el sb urg eine Synagoge einweihen wird. Das Nähere über diese Feierlichkeiten ist uns nicht bekannt, weshalb wir auch nichts darüber mittheiten können; mögen dies Andere thun. W—ll. Wien, 8. Sptbr. Der Kampf der Nationalitäten im Reichstage hat begonnen. Der slavische Deputirte Rieger sagte: „Wir Slaven bilden die Majorität und von uns hängt der Bestand der Monarchie ab." In diesem Momente sind die österreichischen Juden in

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