Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 9 (1848)
- Issue
- Heft 39 (23.9.1848)
- Date
- 1848-09-23
- Page
- Seite 306 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2360092-2360526-2360566--6561-3534466- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
- 306 - einer Geistlichkeit fabrizirt wird. Jedes Haus muß ein Te mpel, jeder Israelit ein Prie ster des Herrn und die Brüderlichkeit das Band der Liebe sein, das Alle umschlingt. .Sehr zur Unzeit taucht daher auch auf einmal bei den Rabbinern der Gedanke auf, eine Synode zusammenzurufen, deren Zweck wir uns nicht einmal klar machen können. Der §. 11 steht jeder Synode hindernd im Weg , weil sie jetzt weder eine materielle noch eine moralische Kraft hat , irgend welche für eine Gesammtheit bindende und rechtsgiltige Beschlüsse fassen zu können, sei es in Religions- oder Gemeindeangelegenheiten. Der historische Rechtsboden ist durch erwähntes Gesetz annullirt und die Gemeinden sind nur auf den freien Willen aller Mitglieder hinsichtlich ihrer innern Organisation, in jeder Beziehung hingewiesen. Eine Gemeindeoder religiöse Genossenschaft kann als solche fortan nur aus vollkommen übereinstimmenden Individuen bestehen; wo sich solche Gleichgesinnte zusammenfinden, müssen sie ihre religiösen und Gemeindeangelegenheiten ohne Zuthun von außen nach ihren Verhältnissen und Mitteln einrichten. Beschlüsse einer Majorität, die, wie bisher auch für die widerstrebende Minorität bindend und rechtsgiltig sein sollen , solche Beschlüsse haben keine Kraft mehr; denn diese Minorität hat nunmehr das früher bestrittene Recht, sich selbstständig zu konstituiren und braucht zu den Lasten der Majorität nicht beizutragen. Zu einer Synode können daher auch nur solche Genossenschaften delegiren, die aus vollkommen Gleichgesinnten bestehen. Wo finden sich aber jetzt schon , außer in Berlin und Breslau, solche Genossenschaften? Besteht nicht jede noch so kleine Gemeinde aus. mancherlei Meinungsschattirungcn , dieebensowcrüg einem Synodalbeschlusse ihre Ansichten nnterordnen werden, wie weiland der Rabbinerversammlung? Und wie weiter, .wenn —- was doch nicht unwahrscheinlich ist — die Synode selbst sich in Minorität zerspaltet, die wiederum in Synoden zusammentreten werden, welche Einheit kann also erstrebt werden? -— Die Geld- und Rechtsverhältnisse der Gemeinden werden allerdings erschüttert,' die Gemeindeeinkünste nothweudig verringert, weil das junge Deutschlaed, die Heranwachsende Generation, nicht mehr gezwungen werden kann, - einem Gemeindeverbaude beizutreten und den Genuß einer Predigt mit einer schweren jährlichen Steuer zu bezahlen; aber dieser durch ein Reichsgesetz geschützten Freiheit kann keine Synode entgegenarbeitcn, die demnach zwecklos, null und nichtig ist und höchstens uns die frühere Komödie einer Rabbinervers^nmlung wieder vorführen kann, Parlamentschens spielen wird, vielleicht auch das Judenthum mit neuen Gebet- und Erbauungsbüchern beglücken, das Institut der Schabesgojes restituiren oder der durch die nunmehr gesetzlich einzuführende Civil trauung überflüssig gewordenen kirchlichen durch eine neue Form frische Erhaltnugskrast zu geben ad usiim rabbinicum. Der gesunde Sinn der Gemeinden wird feinen Standpunkt erkennen und festhalten und. dem freien Willen der Jugend manches Opfer bringen;- die Zerwürfnisse werden ohne Synode im Schoße der Gemeinde ausgeglichen werden; denn ,,Draußen zu wenig oder zu viel, Zu Hause nur ist Maaß und Ziel". Prag, im Sptbr. Unter der Überschrift: ,,Die Juden in Prag" bringen die Sonntagsblätter folgende trübe Schilderung von hier : ,,Wir haben diese Blätter aus Rücksicht für den Redakteur derselben nie zur Rennbahn des Kampfes gegen religiöse Unduldsamkeit und ^Judenfresserei machen wollen. Wenn aber diese beiden traurigen Passionen einer vergilbten Zeit sich in so lächerlichem Grade als es in Prag der Fall ist, noch konservirt haben, so glauben wir jene kleinliche Rücksicht nicht beachten und dem unnatürlichen, dem Geiste der Neuzeit durchaus entgegengesetzten Benehmen des Prager Spießbürgerthums mit dem entschiedensten Urtheile der Indignation entgegen treten zu müssen. Wir haben nicht absprechen wollen über die Höhe der politischen Bildung und Humanität des Bürgerthums der zweiten Stadt Oesterreichs, als uns die Kunde schmählicher Jndenkrawalle zukamen. Wir glaubten gerne, die Triebfeder jener Verfolgungen sei das Geld einiger milzsüchtigen Krämer gewesen, und Schreiber dieses schloß sich gerne der Ansicht derjenigen an, die überzeugt sein wollten, die Gesammtheit Prags habe keinen Theil an dergleichen Mainzer- und Preßburger Geschichten, und müsse sie nur dulden, weil sie leider keine andere Abwehr gegen dieselben hat, als ihren Unwillen. Wir haben auch nicht ab sprechen wollen über den hohen Grad von Humanismus, als das Prager Bürgerthum so menschenfreundlich war, ohne daß irgend eine Gefahr gedroht hätte, die jüdischen Bewohner Prags von dein Institute der Garden auszuschließen, blos um sie vor Mishandluugen zu wahren, etwa wie Jemand, bei Sonnenschein nicht ausgehen will, weil er fürchtet , daß es denn doch vielleicht regnen könnte. Haben wir auch die Nothwcndigkeit nicht einsehen können, warum man sämmtlichen außerhalb des Ghettos wohnenden Inden gebot, kürzester Frist ihre Wohnungen zu räumen, und sie nöthigte ohne Rücksicht auf die Unmöglichkeit im ohnehin bis zum Erbarmen überfüllten'und übcrwohnten Jndenviertel sich ein Unterkonlmen zu suchen; so waren wir doch so leichtgläubig , auch hierin eine Maßregel der Humanität zu sehen. Die Prager Bürgerschaft wollte ja offenbar die Juden nur deshalb aus einem Haufen beisammen haben, um sie desto besser beschützen-zu können! Doch wozu noch weiter Ironie? Ironie ist eine Geißel für klare Seelen, so wie ein Hauch hmreicht einen klaren Spiegel zu trüben. Geister, in denen die Nacht von fünf Jahrhunderten wohnt, nehmen Ironie für Wahrheit,